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Jüdisches Kulturmuseum

19.10.2018

Die neue Leiterin will das Museum auf die Straße bringen

Die Wienerin Barbara Staudinger ist die neue Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums in Augsburg.
Bild: Ulrich Wagner

Barbara Staudinger ist die neue Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums in Augsburg. Sie sieht ihre neue Aufgabe auch als eine politische.

Mit dem Jüdischen kam Barbara Staudinger schon früh in Kontakt. Sie hatte zwei Mitschülerinnen in Wien in der Klasse, die am Samstag, am Schabbat, im Unterricht gefehlt haben. Für eine von beiden hat sie den Schultag über mitgeschrieben und ihr die Aufzeichnungen am nächsten Tag gebracht. Damals dachte sie noch nicht, dass sie dabei war, die ersten Kontakte zu ihrem künftigen Berufsleben zu knüpfen. Denn das Jüdische ließ sie fortan nicht mehr los. Staudinger studierte Geschichte, Theaterwissenschaft und Judaistik in Wien, sie promovierte und arbeitete viele Jahre in der Wissenschaft, etwa am Institut für jüdische Geschichte in Sankt Pölten, später dann auch als freischaffende Kuratorin. Mit unserer Region kam Staudinger in Kontakt, als sie über das Landjudentum in Süddeutschland forschte. Nun hat Staudinger als neue Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg die nächste Karrierestufe erklommen.

Zu Beginn heißt das für die 45-Jährige erst einmal, ein Pendler-Leben auf sich zu nehmen. Ihr elfjähriger Sohn geht in Wien zur Schule. An den Wochenenden fährt Staudinger also zurück in ihre Heimatstadt, unter der Woche ist sie in Augsburg. „Das ist sehr anstrengend“, sagt Staudinger. Sie nimmt es aber auf sich, weil sie schon immer im Kopf hatte, einmal ein Museum zu leiten und zu gestalten.

Das Judentum nicht exotisieren

Museumsarbeit für sie als Wissenschaftlerin heißt, nicht mit Klischees zu arbeiten. „Es gibt nicht die Religion, es gibt nicht das Augsburger Judentum. Es gibt Glaubensgrundlagen, aber im Alltag, im gelebten Leben gibt es eine große Bandbreite.“ Ihre Aufgabe bestehe nicht nur darin, zu verallgemeinern, sondern auch zu differenzieren, aufzuzeigen, wie viele unterschiedliche Weisen es gebe, die jüdische Religion mit Leben zu füllen. Deshalb gehört es zu ihren wichtigen Anliegen der Museumsarbeit, das Judentum nicht zu exotisieren, sondern in seiner Vielgestaltigkeit zu zeigen.

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Wie das konkret aussehen kann? Da erzählt Staudinger von einer Ausstellung, die sie 2016 in Wien kuratiert hat. Unter dem Titel „Chapeau“ hat sie eine Sozialgeschichte der Kopfbedeckungen ausgebreitet, in der sie dargestellt hat, wie unterschiedlich und vielgestaltig jüdische Kopfbedeckungen sein können. Wenn eine Jüdin aus Kasachstan Kopftuch trage, ist das am Ende nicht anders gebunden als ein muslimisches Kopftuch. „Die Form ist kulturell geprägt“, sagt sie. „Und zur Kultur gehört mehr als nur die Religion.“ Eine ähnliche, erweiterte, neu konzipierte Ausstellung könne sie sich auch in Augsburg vorstellen. Allerdings stelle sich schnell die Frage nach dem richtigen Ort. Große Flächen für Sonderausstellungen gebe es zwar in der Synagoge in Kriegshaber. Allerdings könne und möchte sie dort nicht jede Ausstellung zeigen. „Der Ort hat als ehemalige Synagoge seine eigene Geschichte“, sagt sie. Die soll auch in den Sonderausstellungen dort ein Thema sein.

An anderen Orten das Museum einschreiben

Und wenn nun im Museum an der Halderstraße und der Außenstelle in Kriegshaber die Räumlichkeiten für Sonderausstellungen stark begrenzt sind, heißt das für Staudinger, sich auf die Suche zu begeben. „Ich sehe es schon als meine Aufgabe an, raus in die Stadt zu gehen, sich nicht nur an einem Ort, sondern auch an anderen einzuschreiben.“ Kooperationen seien dafür ein wunderbares Mittel. Die Suche nach Partnern sei schon in ihrer Anfangsphase in Augsburg ein wichtiger Bestandteil der Arbeit.

Die erste Sonderausstellungseröffnung steht am 7. November im Foyer des Jüdischen Kulturmuseums an, dann wird dort eineInstallation eröffnet. Die iranisch-österreichische Künstlerin Ramesch Daha, die sich in der Arbeit 1933 damit auseinandersetzt, wie mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland das jüdische Leben aus dem öffentlichen Raum getilgt wurde. Als Beispiel hat Daha die Buchstabiertafel ausgewählt, von A wie Anton bis Z wie Zeppelin, aus der 1933 alle Namen mit jüdischen Wurzeln getilgt wurden.

Wie funktioniert Ausschluss?

Für Staudinger ist Museumsarbeit immer auch eine politische Arbeit, wobei sie das nicht in einem parteipolitischen Sinn verstanden wissen möchte, sondern in einem allgemein gesellschaftlichen. „Auf dem ,Nie-wieder‘ haben wir uns sehr lange ausgeruht“, sagt Staudinger. Und sie glaubt, dass das in der Gegenwart nicht mehr genüge. Sie frage sich immer wieder, warum die Gesellschaft sich mit dieser Gewissheit darauf ausruhe. Eines ihrer zentralen politischen Anliegen lautet: „Wie hat Ausschluss funktioniert, was kann man dagegen tun.“

Staudinger blickt da zum Beispiel auf den Antisemitismus der Gegenwart. Zweierlei Strömungen macht sie aus. Den alten Antisemitismus, der nie aufgehört hat, da zu sein, und eine neue, importierte Strömung aus der arabisch-muslimischen Welt. „Ein jüdisches Museum muss darauf reagieren, muss heutzutage politischer sein – als zum Beispiel in einer Zeit, als nicht täglich von antisemitischen Übergriffen zu lesen ist.“ Für Staudinger heißt das: „Das Museum muss raus aus der Komfortzone, muss auf die Straße.“ Das Museum soll nicht nur im Haus, sondern auch im öffentlichen Raum stattfinden – etwa mit Interventionen. Und vielleicht gelingt es ihr dann, dass das Jüdische Kulturmuseum noch stärker in Augsburg wahrgenommen wird. Denn eines ist ihr in den ersten Wochen ihrer neuen Arbeit in Augsburg schon aufgefallen: Nicht jeder Passant in der Stadt weiß, dass es das Museum gibt und wo es liegt.

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