Ausstellung

27.03.2019

Die wunderbarliche Wallfahrtskirche

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3 Bilder
Verschollen geglaubt: Altarfiguren von 1782 von Ignaz Wilhelm Verhelst.

Das Diözesanmuseum St. Afra widmet sich erstmals umfassend der Geschichte der Augsburger Stiftskirche Heilig Kreuz. Schon über 800 Jahre wird dort eine besondere Hostie verehrt. Und die Mozarts waren ihr verbunden

Das nennt man einen Blitzstart: Kaum hat Propst Berchtold vom Augsburger Augustiner-Chorherrnstift Heilig Kreuz die wunderbare Wandlung einer Hostie in eine fleischartige Substanz festgestellt, errichtet Bischof Udalschalk vier Tage später zeremoniell mit einer Urkunde am 15. Mai 1199 die Pfarrei Heilig Kreuz. Dieser Tag sollte der Dreh- und Angelpunkt einer blühenden Wallfahrt werden, die weder die Aufhebung des Klosters im Jahr 1802 noch die Kriegszerstörung der Kirche im Februar 1944 beenden konnten. Die acht Jahrhunderte von Heilig Kreuz lässt nun die umfassende Ausstellung „Treffpunkt Heilig Kreuz“ im Diözesanmuseum St. Afra Revue passieren.

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Die Präsentation hat einen ungewöhnlich langen, dreijährigen Vorlauf, weil – kaum zu glauben – die Forschungslage zu Heilig Kreuz ziemlich lückenhaft war. Beinahe dem Zufall ist es zu verdanken, dass acht Figuren des Barockbildhauers Ignaz Wilhelm Verhelst, die im Zweiten Weltkrieg von den Altären in Sicherheit gebracht wurden, wiederentdeckt wurden – unversehrt, aber nur mit weißer Kreidegrundierung anstelle der Kolorierung. Museumsleiterin Melanie Thierbach kann ihr Glück kaum fassen. „Es war höchste Zeit, sich um Heilig Kreuz zu kümmern und die Bedeutung der Stiftskirche und ihrer Wallfahrt öffentlich bewusst zu machen“, sagte sie zur Ausstellungseröffnung.

Dazu gehört auch, dass zur Präsentation des Wunderbarlichen Gutes, wie die Hostie fortan hieß, die älteste Goldschmiedearbeit Augsburgs überliefert ist. Konrad von Lindau schuf im Jahr 1205 ein romanisches Truhenreliquiar mit Reliefs von Christus und seinen Aposteln an den Wänden. Immer wieder wurde das Gefäß verändert und vergrößert, schließlich wurde die Hostie bei Prozessionen mitgeführt und die Pilger durften sie küssen. Meister Jörg Seld baute es 1494 zur Turmmonstranz aus, es bekam einen Ebenholz-Sockel und wurde mit Edelsteinen besetzt, eine Krone wurde aufgesetzt und schließlich 1739 eine goldene Verblendung mit zwei Engeln und einem fein modellierten Pelikan, der seine Jungen mit dem eigenen Blut speist, sowie einem Brokatmantel geschaffen.

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Auf den zahlreichen Votivbildern, Wallfahrtsandenken und Darstellungen der großen Stadtprozessionen zu Ehren dieser Hostie sind die unterschiedlichen Stadien nachvollziehbar. Eindrucksvoll beginnt die Ausstellung in Art einer Prozessionsstraße, ausgehend von der Gründungsurkunde und den drei Bruderschaften, die sich zur Verehrung der Hostie bildeten. Hier trafen sich buchstäblich König, Bürger, Bettelmann zur frommen Übung. Das Mirakelbuch von 1625 fasst die spektakulärsten Wunder, die sich in Heilig Kreuz zugetragen hatten, zusammen.

Epoche für Epoche schreitet die Ausstellung ab: der rote Samtstoff der Gotik in einer Priester-Kasel, der Hirtenstab von Propst Johannes Schal (1605–1636), die putzigen Reliquienstatuetten von 1613, Caspar Mennelers lebensgroßer Grabchristus aus Lindenholz. Das Wiedererstarken des Katholischen unterstreichen Altargemälde von Johann Matthias Kager („Tempelreinigung Mariens“) und von Hans Rottenhammer (Modello des Hochaltars).

Schon vor der Barockisierung durch Johann Jakob Herkomer in den Jahren 1716 bis 1718 macht die Heilig-Kreuz-Kirche was her. Von den Fresken Johann Georg Bergmüllers und Josef Mages’ sowie dem Stuck von Dominikus Zimmermann sind nur Kupferstiche und Fotografien geblieben. Gerettet wurden indes das Gemälde „Mariens Himmelfahrt“ von Peter Paul Rubens, ein Kruzifix von Georg Petel und einige Altarfiguren von Verhelst. Die heilige Helena bei der Kreuzauffindung hat nun wieder Zuwachs erfahren.

Nicht zuletzt würdigt die Ausstellung die enge Verbindung der Familie Mozart zu den musikliebenden Chorherrn von Heilig Kreuz. Vater Leopold sang dort als Chorknabe, sein Sohn Wolfgang Amadé war zweimal zu Gast im Kloster und Schwester Nannerl vermachte Heilig Kreuz das gesamte Stimmmaterial des kirchenmusikalischen Werkes ihres Bruders. Autografen aus dem Mozarteum Salzburg und dem Stadtarchiv erwecken diese Verbindung zum Leben. Musikeditionen von Propst Ludwig Zöschinger belegen die eigene Kunstfertigkeit.

Frucht der Ausstellung ist ein profunder Band über Heilig Kreuz, mit 552 Seiten und 13 Fachaufsätzen weit mehr als ein Katalog, doch erstaunlich wohlfeil für 29,90 Euro zu erwerben. Die Laufzeit säumt ein reichhaltiges Begleitprogramm mit Musik, Führungen, Vorträgen, Festgottesdiensten zu Ostern und zur Festoktav des Wunderbarlichen Gutes – sowie dem nach 500 Jahren erstmals wieder aufgeführten Augsburger Heilig-Kreuz-Spiel am 7.April in der Klosterkirche.

bis 30. Juni, geöffnet Di. bis Sa. 10–17 Uhr, So. 12–18 Uhr. Führungen unter Tel. 0821/3166-8831 und museum.st.afra@bistum-augsburg.de

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