Ausstellungen

01.06.2018

Mit allen Sinnen begreifen

Die interaktiven Seemannskarten erwachen auf dem Kartentisch des Fugger-und-Welser-Erlebnismuseums zum Leben.
Bild: Silvio Wyszengrad

Museen müssen neue Wege gehen, um ihr Zielpublikum anzusprechen. Die Digitalisierung spielt dabei eine wichtige Rolle – etwa im Fugger-und-Welser-Erlebnismuseum.

Auch für Museen gilt, dass sie mit der Zeit gehen müssen. Eine Dauerausstellung, die seit Jahrzehnten gezeigt wird, wirkt heute verstaubt und antiquiert. Einfach die Originale zeigen und sich keine Gedanken um die Vermittlung machen, das funktioniert nur noch in wenigen Häusern. Auf Teenager können solche uralten Dauerausstellungen einen fatalen Einfluss haben: Museum, bitte nicht noch einmal! Doch es geht auch anders.

Einen radikalen Weg hat das Fugger-und-Welser-Erlebnismuseum in Augsburg eingeschlagen. Es hat auf das Konzept, Originale zu präsentieren, verzichtet und setzt ganz auf die Vermittlung. Betritt der Besucher die Räume des historischen Gebäudes, fühlt er sich in die Zauberwelt von Harry Potter versetzt: Sprechende Bilder, lebendige Bücher und die Geister der Kaufmannsleute Fugger und Welser ziehen in ihren Bann.

Das Erlebnis steht im Vordergrund

Das Haus verfolgt damit neue Ansätze der Museumspädagogik. Demnach sollen möglichst alle Sinne der Besucher angesprochen werden. Wer Nase, Augen, Ohren und den Tastsinn einsetzt, merkt sich Informationen besser, so die Theorie. Das Fugger-und-Welser-Erlebnismuseum beschäftigt sich primär mit der Wirtschaftsgeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts. Es geht um die Entdeckung der Seewege, um den florierenden Handel und das Bankenwesen. An sich ein trockenes Thema. Im Museum steht nun nicht das Exponat im Vordergrund, sondern das Ausstellungserlebnis – ohne dabei das Ziel eines Museums aus den Augen zu verlieren: Wissen zu bewahren und zu vermitteln.

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„Es geht darum, eine Brücke zu schlagen zwischen fundierter Information und ansprechender Präsentation“, sagt Katharina Dehner, stellvertretende Museumsleiterin. Storytelling sei dafür das neue Stichwort – eine Ausstellung muss eine Geschichte erzählen und Informationen visualisieren. Hörstationen, Filmsequenzen, Spiele und Mitmachaktionen sind daher fester Bestandteil. „Die Besucher sollen aktiv werden“, sagt Dehner.

Für die Kleinsten gibt es Gucklöcher

So kann der Besucher typische Handelswaren wie Zimtstangen und Muskatnüsse anfassen und riechen und die Stoffe der damaligen Zeit befühlen. Im Raum über die Seefahrt findet sich ein nachgebautes Schiffsdeck. Seile hängen herunter. Die Besucher werden animiert, Seemannsknoten zu üben. Für die Kleinsten gibt es Gucklöcher. Legt man eine Seemannskarte auf den Kartentisch, erscheinen darauf Formeln und Zeichnungen, die die Navigationsgeräte der damaligen Zeit erklären. Natürlich steckt dahinter keine Zauberei, sondern ein Beamer. Es ist alles perfekt abgestimmt. Im Hintergrund erklingt Möwengeschrei. Der Besucher fühlt sich tatsächlich wie auf einem Schiff.

Das Erlebnismuseum gibt es erst seit 2014 und hat damit einen entscheidenden Vorteil. Es konnte bei der Konzeption auf neue Techniken zurückgreifen. Dauerausstellungen, die Jahrzehnte alt sind, tun sich schwerer, räumt Dehner ein. Dennoch ist der Einsatz von neuen Medien eine Gratwanderung. „Es soll keine Reizüberflutung geben.“ Die Balance sei wichtig. Auch im Erlebnismuseum finden sich daher noch die typischen Texttafeln. Sie liefern Überblicke und Basiswissen.

Die Schwierigkeit: der hohe Wartungsaufwand

Und dennoch, die Digitalisierung bietet viele neue Wege, Museen zu gestalten. Mittels Apps sei es möglich, kostengünstige Audiobeiträge zu produzieren und diese in mehreren Fremdsprachen anzubieten. „Für Menschen mit Sehbehinderung ist es möglich, Texte vorlesen zu lassen“, nennt Dehner ein Beispiel. Eine Schwierigkeit schwingt allerdings immer mit: der hohe Wartungsaufwand der Technik.

Im Ballonmuseum Gersthofen gibt es seit Neuestem einen Audioguide extra für Kinder. Ein zeitgemäßes Museum bedeutet für Museumsleiter Thomas Wiercinski immer, die Menschen in ihrer technischen Gegenwart abzuholen. Im Hörspiel führt der Ballonfahrer Lütgendorf als guter Hausgeist zusammen mit den Kindern Deniz und Marianna durch das Museum. Dabei lauschen die Besucher witzigen Dialogen, wenn Wetterballon und Kronleuchter zum Leben erwachen. Im Audioguide der Erwachsenen setzt Wiercinski auf die „Oral History“. Zeitzeugen, ehemalige Ballonfahrer, berichten in Interviews von ihren Erfahrungen und machen Geschichte erlebbar. Die Audiobeiträge dauern pro Station maximal zwei bis vier Minuten, denn die Aufmerksamkeitsspanne der Besucher hat sich mit der Digitalisierung drastisch verkürzt.

Noch wichtiger sind Wiercinski aber Museumspädagogen, die mit Herzblut dabei sind und bei Führungen mit ihrer Begeisterung für die Thematik anstecken. Das Erleben ist Teil des Konzepts im Ballonmuseum. Im eigenen Physik-Labor dürfen Kinder ausprobieren, wie Auftrieb funktioniert oder warum ein Backpulver-Essig-Gemisch einen Ballon aufbläst. Denn Begreifen habe schließlich auch etwas mit dem haptischen Erlebnis zu tun, sagt der Museumsleiter.

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