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Geschichte

30.05.2020

Nachrichten aus der alten von der neuen Welt

Einst wie heute Zentrum des jüdischen Lebens in Augsburg: die Synagoge unweit des Königsplatzes.
Bild: Ulrich Wagner

Die Nachkommen der in der NS-Zeit vertriebenen jüdischen Augsburger melden sich in Rundbriefen zu Wort und tauschen Erinnerungen aus.

Er sticht nicht gleich ins Auge, weder auf der Homepage des Jüdischen Museums noch im Blog der ErinnerungsWerkstatt, aber wenn man ihn entdeckt hat, erzählt er spannende Geschichten und öffnet eine Tür zur jüdischen Vergangenheit Augsburgs: Der Newsletter der „Descendants of the Jewish Community of Augsburg“ (DJCA).

Dass ein Newsletter in regelmäßiger Folge Neuigkeiten verbreitet, ist inzwischen geläufig, das tun viele Gruppen und Institutionen, aber wieso nun auch die Nachfahren (descendants) der Augsburger jüdischen Gemeinde? Das kam so: Im heißen Sommer 2017 reisten um die 100 Kinder, Enkel und sonstige Angehörige der nach 1933 vertriebenen jüdischen Bürger nach Augsburg, um das 100jährige Bestehen der Synagoge zu feiern. Eingeladen hatte sie die damalige Leiterin des Jüdischen Museums, Benigna Schönhagen, und die „reunion“ wurde zu einer Woche von freudigen Begegnungen.

An den Orten der Eltern und Großeltern

Die Besucher feierten einen Festgottesdienst in der Synagoge, besichtigten die Orte, an denen ihre Eltern oder Großeltern gelebt hatten, und einige von ihnen stellten zusammen mit der Erinnerungswerkstatt Erinnerungsbänder für ihre Familien auf – für die Familie Einstein in der Ulmerstraße, für das Ehepaar Englaender in der Annastraße und das Ehepaar Steinfeld in der Bahnhofstraße.

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Drei der damals nach Augsburg gekommenen Nachfahren waren dann der Meinung, das sollte es nicht gewesen sein mit einer einmaligen Reunion, und sie gründeten den Newsletter. Diane Castiglione, die Tochter von Liese Fischer aus der Kriegshaberer Einstein-Familie, und Bettina Kaplan, Nachkömmling der Textilunternehmer-Familien Arnold und Landauer, gewannen für ihre Idee noch Deborah Sturm Rausch aus der Familie Steinfeld/Sturm, bis zur Vertreibung Inhaber eines Handelshauses an der Stelle des heutigen C&A. Das Trio fungiert als Herausgeberinnen und Redakteurinnen, alle drei waren bis zur Pensionierung beruflich in staatlichen Einrichtungen und Wirtschaftbehörden engagiert.

Berichte der Familien, die über die ganze Welt verstreut sind

Mittlerweile haben Diane, Bettina und Deborah schon vier DJCA-Newsletters herausgebracht, der fünfte erscheint demnächst. In jeder Ausgabe gibt es die Kolumne „family spotlight“, in der erscheinen Nachrichten und Berichte aus den ehemals Augsburger Familien, die jetzt über die ganze Welt verstreut sind, in den USA, in Südafrika, Schottland, Australien, der Schweiz oder Israel leben. Da berichtete etwa im ersten Rundbrief der inzwischen verstorbene Jim Newton aus Oakland, Sohn von Herta Landauer, dass er noch einen Schreibtisch aus dem Besitz der Firma Landauer besitzt und dieser ihm sehr wichtig ist als Erinnerungsstück. Muriel Spierer-Herz schreibt aus Genf über ihren Vater Herbert Samuel Herz, der als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Frankreich floh: „my father, my hero“. Bettina Kaplan berichtet von ihren Urgroßeltern Grete und Arthur Arnold, die 1941 ihr Leben verloren – Arthur wurde im KZ Dachau ermordet, Grete in den Freitod getrieben. 2018 enthüllte Bettina ein Erinnerungsband an der Hochfeldstraße 2, dem letzten freiwilligen Wohnort der Arnolds.

In der Ulmerstraße in Kriegshaber wird an die hier einst sesshafte Familie Einstein erinnert.
Bild: Richard Mayr

Zu den Lebensgeschichten der jüdischen Familien gehört immer wieder die Erfahrung von Ausgrenzung, Angst, Tod und Verlust. Oft sind es die sehr persönlichen Erinnerungen der Kinder, die sich in den heutigen Berichten wiederfinden und die Leser tief beeindrucken. So denkt der heute 93jährige Henry Stern mit Wehmut an seinen Teddybären, den er als Kind bei der Flucht zurücklassen musste. Rick Landman, ein Sohn des Augsburgers Heinz Landmann (seine Uniform als US-Soldat ist ein Ausstellungsstück im Jüdischen Museum) erzählt, wie er als junger Mensch erstmals von der „Kristallnacht“ hörte, und er widmet diese Geschichte dem Augsburger Anwalt Leopold Rieser, der gegen die Inhaftierung von Juden protestierte und dann selber ins KZ Dachau deportiert und auf dem Weg dorthin totgeschlagen wurde.

Nachbarn brachten heimlich Essen

Überrascht ist man beim Lesen, wenn Nachfahren schildern, dass ihren Großeltern auch mal nicht jüdische Augsburger geholfen haben. Die 92-jährige Eva Eckert erzählt, wie Nachbarn ihnen heimlich Essen brachten. Miriam Friedmann weiß, dass Marie Weber, das Hausmädchen ihrer Großeltern Selma und Ludwig Friedmann, vom Bauernhof ihres Vaters manchmal ein Ei oder ein bisschen Butter „schmuggelte“, um ihre ehemaligen Arbeitgeber vor dem Verhungern zu bewahren.

Es gibt in dem Newsletter Anleitungen, wie man Hinterlassenschaften und Erinnerungsstücke sammeln und aufbewahren sollte. Auch die Erinnerungsbänder und Stolpersteine sowie die Gedenkveranstaltungen in Augsburg finden ihren Niederschlag. Die Enkel- und Urenkel kommen zu Wort – etwa die jungen Frauen, die den über 90-jährigen Ralph Dreike (Sohn von Ludwig Dreyfuß, mit 15 Jahren von seinen Eltern ins Exil geschickt) vergangenen Sommer nach Augsburg begleitet haben. Schließlich besonders rührend: die Rubrik mit schwäbischen Kochrezepten, die nach dem Motto „die Liebe geht durch den Magen“ eine liebevolle Hommage an die Großmütter und deren Kultur sind: Zwetschgendatschi, Kässpätzle, gefüllte Kalbsbrust.

Das Vermächtnis der früheren jüdischen Gemeinde

Kein Wunder, dass das Redaktionsteam positive Reaktionen auf seinen Newsletter bekommt. Mit jedem Rundbrief kommen neue Verbindungen zustanden, beteiligen sich noch mehr Nachkommen. Das war auch der wichtigste Grund , den Newsletter zu gründen und ihn unter das Motto „connections“ zu stellen, sagen Bettina Kaplan, Diane Castiglione und Deborah Sturm Rausch: „Wir wollen eine Gemeinschaft aufbauen, Kontakt schaffen, Geschichte bewahren und uns über das Vermächtnis der früheren jüdischen Gemeinde Augsburgs austauschen.“ Im Grunde führen sie damit fort, was der letzte Augsburger Rabbiner vor der Vertreibung durch die Nationalsozialisten, Ernst Jacob, mit seinen Briefen „An meine Gemeinde in der Zerstreuung“ begonnen hat, verschickt zwischen 1941 und 1949, von Gernot Römer 2007 ediert und eine unschätzbare Quelle für die Erforschung der jüdischen und Emigrations-Geschichte Augsburgs.

Auch die neuen Rundbriefe können Impulse für die Forschung und damit für das Augsburger Gedenkbuch geben, hofft Benigna Schönhagen, die 2017 den Anstoß für das Projekt gab. Sie findet, dass den drei Herausgeberinnen ein „wunderbares, dynamisches Vehikel der Kontaktpflege“ gelungen ist. „Da entsteht wirklich eine Community – mit den Familienerinnerungen als Basis, aber auch mit den Erfahrungen und Fragen der jungen Generation.“ Barbara Staudinger, die neue Leiterin des Jüdischen Museums, freut sich über enge Verbindung der Nachfahren zum Jüdischen Museum – die wollen das Haus explizit unterstützen. Sie würde die Nachfahren gern in absehbarer Zukunft zu einer weiteren „reunion“ einladen.

Neben Kontakt, Geschichtsvermittlung und Museums-Unterstützung verfolgen Bettina Kaplan, Diane Castiglione und Deborah Sturm Rausch mit ihrem Newsletter noch ein weiteres, in diesen Zeiten besonders wichtiges Ziel: „Wir sind traurig über die zunehmenden antisemitischen Aktivitäten und hoffen, dass unser Rundschreiben als Beleg dient, was in Deutschland während der nationalsozialistischen Zeit passiert ist, damit die Menschen, Geschichten und Ereignisse nicht vergessen werden.“

Zu finden sind die Rundbriefe auf der Seite www.jkmas.de unter „Freunde und Förderer“ oder auf der Seite von www.erinnerungswerkstatt-augsburg.de.

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