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Sommerserie

22.08.2019

Oberhausens Wahrzeichen, Hotspot der Kultur

Großer Andrang im alten Eingangsbereich zum Gaswerkgelände: Gleich werden 100 Jahre Industriegeschichte beleuchtet.
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Großer Andrang im alten Eingangsbereich zum Gaswerkgelände: Gleich werden 100 Jahre Industriegeschichte beleuchtet.
Bild: Richard Mayr

Das Gaswerkareal entstand vor 100 Jahren. Niemand kann so plastisch von der Geschichte des Industriedenkmals erzählen wie die Gaswerkfreunde.

Industriegeschichte, interessiert sich da heute noch jemand dafür? Also wenn es um das Gaswerkareal in Oberhausen geht, dann schon. Wir können es kaum glauben, aber gut 100 Leute sind zu der Sonderführung gekommen, die Oliver Frühschütz und Felix Durner von den Gaswerkfreunden extra für unsere Sommerserie „Kultur aus Oberhausen“ geben. Wir sind jetzt dort angekommen, wo das Staatstheater sein Ausweichquartier gefunden hat, wo Künstler und Musiker die ersten Atelier- und Probenräume bezogen haben, also im neuen Kreativquartier Augsburgs. Und wir erfahren, warum das Augsburger Gaswerk auch seinerzeit ein Vorzeigeprojekt war.

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Damals wollte die Stadt ein Zeichen setzen. „Es sollte eines der modernsten Gaswerke Europas werden“, erzählt Felix Durner. Er ist 18 Jahre alt, seit sechs Jahren Mitglied bei den Gaswerkfreunden und kennt die Geschichte des Areals und der Gasproduktion, als ob er selbst ein paar Jahrzehnte dort gearbeitet hätte. Es gab da Öfen, in denen Koks luftdicht abgeschlossen auf 1000 Grad erhitzt wurde. Und die Gase, die entwichen, waren das Rohprodukt für das Augsburger Stadtgas. Man musste dieses Rohgas kühlen und filtern, von Ammoniak, Teer, Benzol, Naphthalin und Schwefel reinigen, später verdichten, um es direkt ins Augsburger Netz einzuspeisen oder aber in einem der großen Gasbehälter auf dem Gelände zwischenzuspeichern.

Explosionen konnten den Gebäuden wenig anhaben

Die Lokomotiven, die auf dem Gelände fuhren und zum Beispiel die Steinkohle für die Gasproduktion anlieferten, mussten ohne eigenes Feuer arbeiten – „wegen der Explosionsgefahr auf dem Gelände“. Die Gebäude, in denen das Gas gekühlt und komprimiert wurde, waren so gebaut, dass ihnen auch große Explosionen wenig anhaben konnten. „Die großen Fensterfronten dienten dazu, den Druck abzubauen“, sagt Durner. Wenn das nicht ausgereicht hätte, waren auch die Dächer so gedeckt, dass sie dem Druck kaum Widerstand geboten hätten. „Das ganze Gebäude und die Maschinen wären dadurch kaum beschädigt worden.“ Ungläubige Blicke der Geführten ob so viel kaltblütiger Planung. Aber Durner weiß auch, dass es nie zu einer schweren Explosion auf dem Gelände gekommen ist.

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Die Geschichte dieses Geländes stößt immer wieder auf die Gegenwart. Das Gebäude, in dem der Teer vor dem Verkauf gelagert wurde, musste abgerissen werden, weil das Erdreich darunter dringend gereinigt werden musste.

Das Gebäude, das als Schwefellager diente, ist heute eingerüstet. „Dort stinkt’s schrecklich“, weiß Durner. Es soll komplett saniert werden, aber das könne sich noch Jahre hinziehen. Wer dort früher habe arbeiten müssen, hatte den schlimmsten Job auf dem Areal – bei geringer Lebenserwartung. „Wir im Verein kennen niemanden, der jemanden kennt, der dort bis 1978 gearbeitet hat und von dieser Zeit erzählen kann.“ Allerdings dürften sich noch manche Augsburger daran erinnern, dass sie quasi auf Krankenschein in das Schwefellager geschickt wurden: Bei hartnäckigem Keuchhusten verordneten das Ärzte als Therapie.

Der Vorrat im Gasbehälter reichte früher für zwei Tage

Produziert wurde das Stadtgas bis 1978 auf dem Gelände, danach stellte die Stadt die Versorgung komplett auf Erdgas um. Endgültig stillgelegt wurde das Gelände im Jahr 2001. So lange waren auch die Gasbehälter auf dem Gelände in Betrieb. Der große, ganz frisch in dunklem Silbergrau gestrichene Gaskessel, der zur Augsburger Skyline gehört wie der Hotelturm, fasste voll 100000 Kubikmeter Gas. Früher reichte das für zwei Tage – heute würde das energiehungrige Augsburg diesen Vorrat an einem kalten Wintertag binnen einer Stunde schlucken.

Weit über zwei Stunden dauert die Führung in zwei Gruppen. Sie beginnt an der ehemaligen Nachtwächterwohnung und endet im kleinen Museum der Gastwerkfreunde. Deren bildhafte Erzählungen und Anekdoten vom Brennkalender, von Augsburgern, die einst ihren Koks im Leiterwagen abholten oder von den Laternenanzündern bleiben im Gedächtnis. Auch die Gegenwart des Gaswerks ist an diesem Abend unüberhörbar: Es übt eine Rock-Band in einem der Gebäude.

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