Staatstheater

08.01.2020

Was die rote Zora auslöst

"Die rote Zora" ist das Familienstück der Spielzeit 2019/20 des Staatstheaters Augsburg.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Jugendliche aus Ustersbach besuchen eine Vorstellung des Familienstücks im Staatstheater. Sie sollen das Theater als kreativen Raum erfahren.

Kommt das Theater zu seinen Zuschauern statt umgekehrt, öffnen sich Welten für beide Seiten. So geschehen mit einer Gruppe Jugendlicher aus Ustersbach. Der Verein Jugendförderung brachte junge Ustersbacher mit dem Familienstück „Die rote Zora und ihre Bande“ des Staatstheaters Augsburg zusammen – mit einer umfassenden Anleitung.

Angelika Ortner, Vorsitzende des Vereins, spannte das Kinderheim und das Staatstheater in das Projekt ein. Im Auftrag dieses Trios fuhren der Regisseur und Theaterpädagoge Harald Volker Sommer und die Musikerin Ute Legner im Oktober nach Ustersbach, schulten und begeisterten zwölf Kinder für die Abenteuer der roten Zora. Zu Vorbereitung gehörten Diskussionen, Teambildung und der Film über das 15-jährige elternlose Mädchen. Es geht um Freundschaft, Vertrauen, aber auch um Enttäuschungen und Ängste.

Worte für die Emotionen finden

Sprachfähigkeit herzustellen, so erklärt Sommer, sei das Ziel der Theaterpädagogik: „Solche Lebensthemen aufzubereiten, zu diskutieren und die Kinder dazu zu bringen, in ihre eigenen Gefühlswelten einzusteigen und Worte für die Emotionen zu finden – das wollten wir mit diesem Projekt erreichen.“

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Am Dreikönigstag besuchte die Gruppe das Theater. Manuel, 13, hat einen Dokumentationsauftrag. Mit zwei Kameras fängt er die Atmosphäre im Musikprobenraum, die Diskussionen, die Führung durchs Theater ein. Ruhig schätzt der Mittelschüler die Perspektiven ab. Er hat Übung. „Ich durfte schon beim Musikvideo der Boxerin Tina Schüssler filmen“, erzählt er.

Die Theaterpädagogin Nicoletta Kindermann bereitet die Kinder auf die Vorstellung der „Roten Zora“ vor. Warum stehen Plastikcontainer mit Möwen auf der Bühne? Weil der reiche Karaman das Meer für sich dort abgefüllt hat. Deswegen sind Fische, die Lebensgrundlage für Fischer und Möwen, verschwunden. Das will die rote Zora mit ihrer Bande nicht hinnehmen. Die Kinder gewinnen, Happy End.

Der Intendant steht bereit für Fragen

So geht die Geschichte. Doch die Ustersbacher sollen das Theater als kreativen Ort auch selbst erfahren. Bühnentechniker, Maskenbildnerinnen, Schauspielerinnen und sogar der Intendant stehen bereit für Interviews. Heimatlosigkeit, Armut, Freundschaft und Umwelt wird in Arbeitsgruppen diskutiert. Wie wird man arm? Was darf ein Freund auf keinen Fall tun? Sollte es Silvester ein Böllerverbot geben? Wie spielt man Heimatlosigkeit?

„Heimat ist ja wichtig heute. Im Internet steht, dass es einen dritten Weltkrieg geben könnte. Mich interessiert, was müsste passieren, dass wir unser zu Hause verlassen müssen“, überlegt die Sechstklässlerin Sina. Kinderfragen, auf die es Antworten gibt. Intendant André Bücker antwortet Sina: „Wenn ich nicht mehr sagen dürfte, was ich denke, würde ich gehen.“

Wenn das der Weg ist, neue Zielgruppen zu erreichen, unmittelbare Teilhabe am kulturellen Geschehen im Theater zu ermöglichen – dann mehr davon. Hussain, der Elfjährige aus Syrien, der im Ustersbacher Marienheim lebt, fand in diesem Projekt nicht nur ins Staatstheater, sondern auch einen Zugang für seine Fluchterlebnisse. Sein Boot war gekentert, Menschen ertranken neben ihm, vertraute er Harald Volker Sommer im Lauf des Workshops an. Der wichtigste Satz seines Lebens, den er auf einen Zettel notieren sollte, lautete: „Ich habe überlebt.“

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