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Corona-Pandemie
03.06.2021

Rieser Professor entwickelt privates Corona-Testkonzept für Familien

Professor Wolfgang Schramm denkt mit 77 Jahren noch nicht an den Ruhestand. Er forscht noch immer und hat nun zur Sicherheit seiner Enkelkinder ein Corona-Test-Konzept entwickelt.
Foto: Lea Thies

Damit seine Enkel sicher betreut werden können, hat Wolfgang Schramm aus dem Ries ein privates PCR-Pooling organisiert. Es würde im großen Stil funktionieren, sagt er.

Wenn Professor Wolfgang Schramm an seinem Schreibtisch in Hainsfarth bei Oettingen sitzt, kann er weit durch den Rieskrater blicken. Ab und zu fliegen ein Eichelhäher, Spatzen, Meisen und Amseln vorbei und landen am Futterhäuschen. In Pandemie-Zeiten hat hat der Wissenschaftler Schramm aber weniger Augen für die Idylle vor seinem Fenster und mehr dafür das, was in seinem Computer passiert. Täglich steht der 77-Jährige in Korrespondenz mit anderen Medizinern, tauscht sich über neueste Studien aus und verfasst auch selbst noch welche. Nebenbei hat er seine jahrelange Erfahrung als Professor für Innere Medizin, Blutgerinnungslehre und Transfusionsmedizin an der LMU München genutzt und eine Teststrategie entwickelt, damit seine Enkelkinder sicher in die Tagesbetreuung gehen können. Ein Stift, ein paar Wattestäbchen, einen Umschlag, ein Testgerät – mehr braucht’s dafür eigentlich nicht.

Professor Wolfgang Schramm ist Experte für Blutgerinnung und hat schon in den 1990er Jahren Pooltests durchgeführt. Allerdings war er da nicht dem Corona, sondern dem HI-Virus auf der Spur.
Foto: Lea Thies

Rieser Professor entwickelt Corona-Testkonzept: Die Methode kennt er aus der Aids-Forschung

„Als es im Januar wieder losging, dachte ich mir, so kann das nicht weitergehen. Ich habe mich um das Wohl der Kinder gesorgt“, sagt Wolfgang Schramm. Seine berufstätigen Töchter standen wie viele Eltern plötzlich wieder vor dem Dilemma: Das Kind betreuen lassen und einem Infektionsrisiko aussetzen oder selbst betreuen und dann nicht arbeiten können. „In Städten wie München sind die Mieten so hoch, da müssen beide Eltern arbeiten gehen“, sagt Schramm. Nachdem es aber damals keine Tests für Kita-Kinder vom Freistaat gab und er Antigen-Schnelltests für ungenügend hält, stellte er für das Umfeld seiner Familie selbst ein Testkonzept auf die Beine. Es basiert auf Eigenverantwortlichkeit und PCR-Tests, dem Gold-Standard unter den Corona-Tests. Und auf einer Auswertungsmethode, die Schramm schon aus den 1990er Jahren kennt: das PCR-Pooling. „Damals haben wir aus Sicherheitsgründen schon Blutplasmaproben gepoolt und auf HI-Viren untersucht“, sagt der Blutgerinnungsexperte.

Beim Pooling werden Proben verschiedener Menschen als eine untersucht: Werden in der Pool-Probe keine Spuren eines Erregers gefunden, gelten alle Personen im Pool als negativ getestet. Ist die Sammel-Probe positiv, wird jede Person noch einmal extra getestet, um herauszufinden, wer den Erreger im Körper hat. Diese Tests gelten als kosten- und ressourcensparend. Einige Bundesligavereine lassen ihre Spieler bereits so auf Corona testen. Und der Blutspendedienst in Hessen hat schon 2020 das Poolverfahren als Corona-Test in Seniorenheimen evaluiert und angewandt.

Da Pooling noch nicht Laborstandard ist und es dafür keine Kassen-Abrechnungsmethode gibt, rief Schramm den befreundeten Laborarzt Michael Schleef vom Sonnengesundheitszentrum in München an und bat ihn, Pools für die Familien seiner Töchter und das dazugehörige Umfeld anzulegen. Nun sind also zwei Mal pro Woche drei bis vier Löcher in einer PCR-Testplatte für insgesamt knapp 60 Menschen reserviert. Schramm begleitet das eigeninitiierte Pooling-Projekt zusammen mit dem befreundeten Virologen Professor Lutz Gürtler wissenschaftlich.

Corona-Testkonzept aus dem Ries: Den Abstrich nehmen Eltern in Mund und Nase

Seit Mitte Februar sammelt Schramms Tochter Theresa Klotz nun also zwei Mal pro Woche in München bei der Tagesmutter ihres Kindes Proben für „ihren“ Pool ein, an dem insgesamt zehn Familien und zwei Kinderbetreuerinnen teilnehmen. Die Eltern streichen dafür medizinische Wattestäbchen bei sich und ihren Kindern an der Innenseite der Wange und vorne in jedem Nasenloch ab, stecken die Stäbchen zurück in die Plastikschutzhülle und beschriften diese. Theresa Klotz notiert, wer alles abgegeben hat, steckt die Stäbchen in einen Briefumschlag und fährt diesen bis 9 Uhr zum Labor des Sonnengesundheitszentrum. Dort werden die Probenstäbchen einzeln in einer Lösung ausgewaschen, dann Teile davon zu einem 16er Pool vermischt und ausgewertet.

Ein paar medizinische Wattestäbchen, Stifte und einen Briefumschlag - das ist das Arbeitsmaterial eines Schrammschen Pools.
Foto: Theresa Klotz

Bis 15 Uhr bekommt Theresa Klotz das Ergebnis vom Labor via Mail übermittelt. „Dann sind wir für drei Tage sicher“, sagt sie, denn ein PCR-Test gilt als so empfindlich, dass eine Infektion schon erkannt wird, bevor der Patient ansteckend ist. Sollte ein Pool positiv ausfallen, hält das Labor für einen Tag die Rückstellproben der Poolteilnehmer vor, die dann ebenfalls schnell einzeln ausgewertet werden und verständigt sofort Theresa Klotz und das Gesundheitsamt. Bisher habe es aber noch keinen positiven Pool gegeben.

„Die beteiligten Eltern sind glücklich, dass sie ihre Kinder nun sicherer spielen gehen können“, sagt Theresa Klotz. Gerade bei den ganz kleinen seien Hygienekonzepte nur schwer umsetzbar, das Abstandhalten nicht möglich. Und auch für die Tagesmutter sei es ein gutes Gefühl gewesen, dass sie durch die Tests ein geringeres Infektionsrisiko hat. Das familiäre Test-Team hat aber auch erfahren, dass nicht alle Eltern wissen möchten, ob das Virus in der Kita-Gruppe ihres Kindes grassiert. Aus Angst vor Quarantänemaßnahmen lehnen manche Väter und Mütter und auch Kita-Leitungen das Screening ab. „Das hat mich überrascht“, sagt Schramm. Er vermutet, dass mehr Eltern dabei wären, wenn es eine Quarantänebefreiung für regelmäßig PCR-getestete Familien mit negativem Testbefund gäbe.

Rieser Professor setzt mit Corona-Testkonzept auf Eigenverantwortung statt Zwang

Im Kleinen funktioniere das Schrammsche Konzept problemlos. Theresa Klotz, Wolfgang Schramm und Michael Schleef sind sich sicher: Es würde auch größer funktionieren und wäre ein Möglichkeit für Kitas und Familien, sich im Herbst vor einer weiteren Infektionswelle zu schützen. „Wichtig ist, dass eine Person pro Pool den Hut auf hat und alles organisiert“, sagt Theresa Klotz. Schramm setzt auf Eigenverantwortung: „Wenn es freiwillig nicht funktioniert, funktioniert es mit Zwang schon gar nicht.“

In seinem dunkelgrün gestrichenen Arbeitszimmer hat er eine extra Pool-Ablage angelegt, in der er neueste wissenschaftlich Erkenntnisse und Korrespondenz zu dem Thema sammelt. Darunter sind auch Mails mit dem bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), denen er sein Konzept präsentiert hat. „Leider habe ich seit dem letzten Telefonat im März nichts mehr dazu gehört.“ Auf Anfrage unserer Redaktion teilte das LGL am Mittwoch mit, dass das Pilotprojekt bisher nicht geprüft wurde, weil es um keine Finanzierung gegangen sei.

Die Behörde begutachtet und genehmigt für das Gesundheitsministerium Coronatest-Pilotprojekte in Bayern. Die Stadt Augsburg hat vor Ostern ebenfalls ein Lolli-Test-Projekt beim LGL eingereicht und wartet seitdem auf die Genehmigung. Es würde ähnlich ablaufen wie das Schrammsche Konzept: Eltern testen Kinder daheim, die Proben werden gepoolt – nur die Finanzierung wäre eine andere. Augsburg hat dafür Fördergelder beim LGL beantragt.

Schramm hat sich eine Finanzierung überlegt, für die es gar keine Extramittel bräuchte. „Man müsste nur die Ressourcen besser bündeln und einsetzen, dann würde das Geld reichen, das der Freistaat ohnehin für kostenlose PCR-Tests oder Antigen-Schnelltests für die Bevölkerung bereitstellt“, sagt er. Heißt: Pro Pool wird eine Person als PCR-Test abgerechnet, der Rest fährt kostenlos mit. So sei es möglich, einen PCR-Test zum Preis eines Antigen-Schnelltests anzubieten – „aber der PCR-Test ist zehntausend- bis hunderttausendfach empfindlicher“, sagt Schramm. Zudem gebe es nicht so viel Betrugsmöglichkeiten wie bei den Antigen-Schnelltests.

Laborarzt: Das Konzept beeinträchtigt nicht die Laborkapazitäten

Allerdings braucht es dafür Labore, die beim Pooling mitmachen obwohl Einzeltests lukrativer sind. „Cui bono Corona“, sagt Schramm lächelnd, wem nutzt Corona? Er ist sich dennoch sich sicher, dass sich genügend Labore finden würden. „Das Schrammsche Konzept ist gut, es hilft den Familien“, sagt Michael Schleef, der mit seinem Labor das private Pooling ermöglicht und aus Verbundenheit zu seinem ehemaligen Chef die Tests bisher kostenlos durchgeführt hat. „Das Pooling ist ohne Beeinträchtigung der Laborkapazitäten möglich“, betont Schleef. Die Politik könne dabei helfen, Standards für Poolgrößen und auch Preise festzulegen, denn da variieren die Angebote der Labore bisher stark. In Nordrhein-Westfalen führen Labore flächendeckende PCR-Pooltests an Grund- und Förderschulen für 50 Euro pro Kopf durch - nach Ansicht von Laborexperten sind sie aber auch für weit unter zehn Euro pro Kopf möglich.

Laut Professor Schramm macht die bayerische Schnellteststrategie bei Erwachsenen aus gesundheitspolitischer Sicht bisher zwar Sinn, weil die Antigen-Schnelltests dazu beitragen, dem Virus auf die Spur zu kommen und Inzidenzen zu senken. Für kleine Kinder seien diese Schnelltests aber ungenügend und zu unsicher. Daher sollte der Freistaat zur Sicherheit der Jüngsten schnell flächendeckende Pool-PCR-Tests ermöglichen, empfiehlt Professor Schramm. Die Nachricht darüber würde er liebend gerne bald auf seinem Computer in seinem Arbeitszimmer lesen.

Details zu dem Pooling-Projekt finden Sie hier: Professor Schramms Test-Strategie für Familien

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