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Heimat

20.03.2015

Die Wirtshaus-Retter aus dem Chiemgau

Die Hände gehen nach oben. Bis auf einen kritischen Aktionär stehen die Anteilseigner der „D‘Feldwies Wirtshaus AG“ voll hinter der Politik des Vorstandes und des Aufsichtsrates.
Bild: Ulrich Wagner

Eines der ältesten Gasthäuser Bayerns war dem Untergang geweiht. Dann packten ein Anwalt, ein Professor und ein Sozialdemokrat an. Eine Aktiengesellschaft der etwas anderen Art.

Am Südufer des Chiemsees herrschen andere wirtschaftliche Gesetze. Hier in Übersee kommen die Anteilseigner zur Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft zusammen, deren Hauptzweck nicht das Streben nach immer höheren Gewinnen, sondern der Erhalt „boarischer Wirtshauskultur“ ist. Entscheidet bei einem Unternehmen wie Siemens die Höhe des Gewinns über Wohl und Wehe des Vorstands-Chefs, sind es bei der „D’Feldwies Wirtshaus AG“ bodenständigere Werte wie Gemütlichkeit, Geselligkeit und vor allem das gute Leben im Dorf.

Hauptversammlung zwischen Hopfendolden und Samtvorhang

Wirken Siemens-Shareholder auf Zauber-Formeln wie Ebit und Cash Flow fixiert, steht bei der Chiemgauer Gesellschaft etwa die Frage im Vordergrund, wie resch die Kruste des Schweinsbratens ausfallen müsse oder ob das Bier des Hofbräuhauses Traunstein aus dem Holzfass besonders verträglich sei. Letztere These vertritt nachdrücklich der Vorstand der Wirtshaus AG.

Wolfgang Gschwendner ist ein gestandenes Mannsbild: groß, breit, bärtig, sprachmächtig, imposant. Er kann als gastropolitischer Kopf der speziellen Unternehmung gelten. Am Tag der Hauptversammlung, die immer am 19. März, dem Tag des heiligen Josef, stattfindet, genießt der 66-Jährige seinen Auftritt.

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Der Gschwendner, wie er nur genannt wird, steht mit einem Mikrofon vor der Bühne des großen Wirtshaussaals. Eng gedrängt sitzen die Aktionäre an den Tischen. Auch auf der Empore haben Miteigentümer der Gesellschaft Platz genommen. Von oben hängen Hopfendolden herab. Über der Bühne steht: „Treu dem guten alten Brauch.“ Hinter dem roten Samtvorhang spielt sich die Hauptversammlungs-Blaskapelle ein.

Die meisten Gäste haben ein Weißbier vor sich stehen. Später kommt das eine oder andere hinzu, wenn jeder Aktionär gratis Weißwürste samt Brezen essen kann. Die Getränke müssen sie selbst zahlen. Nur die Josefs, Seppen und Beppen dürfen an ihrem Festtag auf Kosten der Veranstalter den Durst stillen. Die Kandidaten dafür sind den Bedienungen bekannt. Es nützt nichts zu behaupten, man sei ein Josef oder eine Josefine. Freibiergesichter würden rasch auffliegen.

"D'Feldwies" - eine radikal-boarische Wirtshaus-Philosophie

Es wäre ohnehin vermessen, die satte Rendite steigern zu wollen. Denn für jede der heute schwer zu ergatternden Aktien im Wert von 100 Euro dürfen die Inhaber einmal im Jahr im Wirtshaus essen gehen und dazu etwas trinken. So dauert es nur rund sieben Jahre, bis ein Aktionär das Geld für sein Wirtshaus-Wertpapier wieder reingegessen und reingetrunken hat. Eine satte Rendite!

Wer von Anfang an dabei ist und jetzt seine elfte Hauptversammlung erlebt, für den hat sich sein Investment längst finanzkulinarisch bezahlt gemacht. Eine derart sättigende Aktienstory wird man in der Welt normaler Börsenfirmen kaum finden. Aktionäre, die ihren Dividendengutschein im März oder April einlösen, dürfen sich über Ochsenbackerl in Rotweinsoße, dazu Gemüse und Spätzle freuen.

Keine Knödel? Die Wirtin der erstmals 1554 erwähnten D’Feldwies kommt aus Augsburg. Beate Stang hat sich in den unter der Regie der Aktiengesellschaft restaurierten Gasthof verliebt und wird als Schwäbin nach einer Eingewöhnungsphase von den Oberbayern akzeptiert. Wirtshaus-CEO Gschwendner bittet sie bei dem Aktionärstreffen nach vorne und überreicht ihr einen Blumenstrauß.

Natürlich gibt es auch Knödel. Wer im November seinen Bonus aufessen will, darf sich auf Hirschgulasch mit Blaukraut und Semmelknödel freuen. Die Speisen entsprechen der radikal-boarischen Wirtshaus-Philosophie Gschwendners. In seinem Grundsatzreferat über die essenspolitischen Ziele der AG fällt der Kernsatz: „Bei uns gibt’s keine Pommes.“ Diese suchen Gäste wirklich vergebens auf der Karte, selbst unter der Rubrik „Für Kinder“. Was Gschwendner sagt, meint er genau so, auch seine Abneigung gegen alle Formen von Burgern und sogenannten Weinkennern.

Chiemgauer "Wirtshaus AG" mit Natural- und Unterhaltungsdividende

Als Anwalt genießt der Mann einen legendären Ruf im Landkreis Traunstein. Sie nennen ihn den „Alpen-Bossi“. Er hat früher geschickt und wehrhaft Wilderer verteidigt. Auch im Saal weiß sich der Mann durchzusetzen und fordert die Aktionäre auf, ihre Smartphones schlafen zu legen: „Mir san a boarisches Wirtshaus. Da gibt’s koane Handys.“ Bei Zuwiderhandlung droht er: „Wessen Handy läutet, der kriagt koane Weißwürscht. Beim zweiten Läuten fliagt a raus!“ Die Aktionäre sind begeistert. Gschwendner bietet ihnen wieder eine Mordsgaudi.

Auch seine Ausführungen zu den Grenzen, die einem höheren Bierkonsum in der Wirtschaft gesetzt sind, erfüllen die Erwartungen. „Normal“, so führt der Vorstand aus, „trinkt a jeder ned mehr als zwoa Bier, weil er sein Auto und seine Frau dabei hat.“ Eine aus Franken angereiste Männer-Gruppe lacht befreit auf. Ihre altbayerischen Tischnachbarn rufen enthemmt: „Schwoam ma’s obi!“

Die Franken wissen, was das heißt und setzen das Weißbier zum Obischwoam an. In solch tief-bayerischen Momenten wähnt sich der Betrachter in einem Theaterstück Ludwig Thomas. Zur Natural- gesellt sich die Unterhaltungsdividende, zumal Gschwendner in Herbert Graus, dem Aufsichtsrats-Boss, einen komödiantischen Partner gefunden hat. Seinem Vorstand dankt er: „Du opferst dich auf. Außerdem bist du a guada Kunde unseres Wirtshauses.“

Beide haben eine gewisse Affinität zum Gerstensaft. Und etwas Fundamentales unterscheidet sie von Siemens-Chef Joe Kaeser: Sie arbeiten ehrenamtlich für ihre Ess- und Trink-AG. „Aber ab und an san ma auf Freibier ang’wiesn“, räumt Graus ein. Wie Gschwendner trägt der 70-jährige Professor an der sächsischen Hochschule Mittweida eine Trachtenjacke. Graus ist Spezialist für Gründungsmanagement.

Kein Renditedruck: Zum Auskommen genügen zivile Preise

Die Wirtshaus AG kann er als Erfolgsgeschichte anführen, auch wenn die Gesellschaft operativ nur einen Gewinn von 3216 Euro verbucht hat. Die Initiatoren des Projektes streben aber keine fetten Gewinne an. Und da ihr Unternehmen nicht an der Börse notiert ist, verspüren sie weniger Druck als der Siemens-Chef. Gschwendner, Graus und der einstige Überseer SPD-Bürgermeister Franz Gnadl einte der Wunsch, das vor sich hinrottende Gasthaus vor dem Untergang zu retten. Dieses Gebäude sollte nicht dem dramatischen Wirtshaussterben in Bayern zum Opfer fallen.

Das Retter-Trio vom Chiemsee wollte ein Kulturgut erhalten und damit einem Trend entgegenwirken, dessen kalte ökonomische Logik Gerhard Polt immer wieder beschreibt. Der Kabarettist erinnert sich an früher, als die Menschen stundenlang im Wirtshaus gesessen, sich Witze erzählt und Karten gespielt haben: „Doch der Druck der Brauereien ist so groß und die Mieten sind so hoch, dass ein normaler Wirt nicht zuschauen kann, wenn die Leute wenig konsumieren.“ So sei das Wirtshaus zur Gaststätte geworden und viele blieben gleich zu Hause, um allein ihr Bier zu trinken.

Was Polt anklagend aufzeigt, lässt sich abwehren, wenn Bürger Gegeninitiativen starten. In Übersee kaufte die Gemeinde auch mit staatlichen Mitteln das Wirtshaus und verpachtete es an die Aktiengesellschaft, die ein neues Inventar beschaffte und das Haus an die heutige Wirtin weiterverpachtet hat. Die 1876 Aktionäre üben keinen Renditedruck auf die Wirtin Beate Stang aus, sodass sie das Haus wirtschaftlich auskömmlich führen und die Preise zivil halten kann. Der Schweinsbraten – eine oberbayerische Kern-Währungseinheit – liegt mit 9,90 Euro noch knapp unter der Zehn-Euro-Toleranzschwelle.

"D'Feldwies" - Vereine beleben das Wirtshaus

All das wäre kaum möglich, wenn nicht zahllose Freiwillige in rund 5500 Stunden die Feldwies rausgeputzt hätten. Die Zimmerermeisterin Irmingard Dechant gehörte zu der ehrenamtlichen Wirtshaus-Bürgerwehr und ist stolz darauf. Sie rät Gemeinden, die jetzt an Übersee Maß nehmen wollen: „Das lohnt sich nur, wenn die Vereine mitmachen und wie bei uns der Trachten- und der Theaterverein das Wirtshaus mit Leben füllen und auslasten.“

In Übersee hat das funktioniert, auch wenn andere Wirte aus der Umgebung dem Vorhaben missgünstig gegenüberstanden. Schließlich bekamen sie Konkurrenz. Von solchen Streitereien ist bei dem Aktionärstreffen nichts mehr zu spüren. Die Blaskapelle spielt „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ und fast alle singen inbrünstig die Bayernhymne. Darin ist von Frieden und Eintracht die Rede und passend für eine Gaststätte von „Glückes Herd“.

Am Ende gibt bei der Wirtshaus AG der Spaß den Ton an. Aufsichtsrats-Boss Graus bittet die Aktionäre, das Haus nicht mit zu freudiger Miene zu verlassen: „Sonst glaubt das Finanzamt, dass wir a Vergnügungssteuer zahlen müssen.“

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