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Unterallgäu

08.08.2019

Hinweise auf Tierquälerei: Kontrolle in drittem Großbetrieb

Das Allgäu wird von einem Tierskandal erschüttert: Vor einem Monat waren schwere Vorwürfe gegen einen der größten Milchviehbetriebe Bayerns mit rund 2850 Rindern bekannt geworden.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa/lby (Archiv)

Der Tierskandal im Allgäu weitet sich möglicherweise weiter aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Großbauern. Gegen einen dritten Betrieb laufen Vorermittlungen.

Der Skandal um Tierquälerei in Allgäuer Bauernhöfen nimmt immer größere Ausmaße an. Nun ist ein dritter Rinderhalter ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Es wurden Vorermittlungen gegen das Unternehmen eingeleitet, wie die Staatsanwaltschaft Memmingen am Donnerstag mitteilte. Am Mittwoch hatte das zuständige Veterinäramt den Bauernhof mit einem großen Rinderbestand kontrolliert. Gegen den Landwirt liegen nach Auskunft des Landratsamtes Unterallgäu Hinweise wegen Verstößen in der Tierhaltung vor.

Erst am Mittwochnachmittag war offiziell bestätigt worden, dass ein weiterer Rinderhalter aus dem Landkreis Unterallgäu unter dem Verdacht der Tierquälerei steht. Die Staatsanwaltschaft Memmingen teilte mit, Ermittlungen gegen den Betrieb aufgenommen zu haben. Es seien Hinweise auf Verstöße in der Tierhaltung des Großbauern eingegangen, die sich nach einer Vorprüfung bestätigt hätten.

Tierschützer hatten vor rund einem Monat Videoaufnahmen aus einem Bad Grönenbacher Milchviehbetrieb veröffentlicht, auf denen Tiere schwer misshandelt wurden.
Bild: Matthias Becker

Vor rund einer Woche hatte das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit die bisherigen Erkenntnisse über den ersten Fall von Tierquälerei in Bad Grönenbach vorgestellt und von einem „relativ hohen Anteil“ an kranken Tieren gesprochen. Bei einigen seien erhebliche, teils ältere Verletzungen festgestellt worden. Bei 191 der gut 1700 Milchkühe habe es Auffälligkeiten gegeben. Von 137 kontrollierten Kälbern seien 46 „behandlungsbedürftig“ gewesen. Die Tiere litten etwa an eitrigen Entzündungen sowie Erkrankungen von Augen, Gelenken und Eutern.

Die Landtags-Grünen forderten nach den Vorfällen eine Rinderhaltungsverordnung. "Vom Huhn bis zum Kaninchen ist im Tierschutzgesetz die Haltung von Nutztieren klar geregelt. Einzig für Rinder und Puten gilt diese Regelung nicht", kritisierte die Sprecherin für Landwirtschaft, Gisela Sengl.

Der Schlachthof in Buchloe stellte die Geschäftbeziehungen ein

Unklar ist weiterhin, warum die Zustände nicht schon früher aufgedeckt wurden. Zwar war der Hof nach Angaben des zuständigen Landratsamtes Unterallgäu in den vergangenen fünf Jahren 34 Mal kontrolliert worden, dabei seien lediglich „tierschutzrechtliche Verstöße im geringen bis mittleren Maße“ festgestellt worden.

Bilder wie dieses zählen noch zu den harmlosen, die der Verein „Soko Tierschutz“ veröffentlichte und dem Stall in Bad Grönenbach zuschreibt.
Bild: Soko Tierschutz

Am Schlachthof in Buchloe, an den Bad Grönenbacher Tiere geliefert wurden, schlug offenbar ebenfalls niemand Alarm. Auf Nachfrage erklärte die Vion Food Group, die den Schlachthof unterhält, dass es seine Geschäftsbeziehung zu dem Hof am 9. Juli eingestellt hat. Wie viele Tiere aus Bad Grönenbach bei Vion geschlachtet wurden, möchte die Firma nicht sagen. Dafür betont sie, dass für die Kontrolle der angelieferten Tiere ein amtlich bestellter Veterinär zuständig sei. „Der Gesetzgeber gibt vor, in welchen Fällen ein Tier geschlachtet werden und wann es nicht geschlachtet und als Fleisch in die Lebensmittelkette gelangen darf“, lässt sich das Unternehmen zitieren und verweist auf die Zuständigkeit des Landratsamtes Ostallgäu.

Tierärzte klagen über Druck durch die Betriebe

Dort nachgefragt, erklärt ein Sprecher, alle von den Veterinären festgestellte Auffälligkeiten seien an die für den Hof in Bad Grönenbach zuständigen Behörden, also das Landratsamt Unterallgäu, weitergeleitet worden. Dort nachgefragt, erklärt eine Sprecherin, dass im vergangenen Jahr 1,7 Prozent der aus Bad Grönenbach zu Schlachthöfen gebrachten Tiere beanstandet worden seien. 2019 waren es bisher 0,41 Prozent. „Nach unserer Einschätzung sind diese Zahlen für einen Betrieb dieser Größe unauffällig“, erläutert die Behörde.

Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks läuft die Zusammenarbeit von Veterinär und kontrolliertem Betrieb allerdings manchmal anders als gewünscht. Gegenüber dem Sender gaben dutzende Tierärzte aus ganz Deutschland an, Druck und Einflussnahme seitens der Betriebe bei ihrer Arbeit zu spüren. Auch die Nähe zwischen Kontrolleur und Kontrolliertem sei ein Problem, heißt es. Vorstände des Vereins „Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft“ schlagen daher vor, Veterinäre im Rotationsverfahren einzusetzen. Das Veterinäramt Ostallgäu erklärt, dass dies nicht nötig sei. In Bayern gelte bereits seit 2007 die Vorschrift, Kontrolleure alle fünf, spätestens sieben Jahre zu versetzen. Die durch den Verein erhobenen Vorwürfe seien nicht nachvollziehbar."

Ampfing: "Soko Tierschutz" veröffentlicht Video über Puten-Lieferant

Unterdessen gibt es auch Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Transport von Puten aus Ungarn zu einem Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb im oberbayerischen Ampfing (Landkreis Mühldorf am Inn). Die Organisation "Soko Tierschutz" veröffentlichte im Internet ein mehrere Wochen altes Video, das zeigen soll, wie lebende Puten teils meterweit in Tiertransporter regelrecht geschleudert werden.

Die Süddeutsche Truthahn AG teilte dazu mit, dass aus dem Betrieb in Ostungarn bis zur Klärung der Vorwürfe keine Puten mehr nach Ampfing geliefert werden dürften. "Weiter haben wir dies zum Anlass für eine Regelung genommen, dass alle Höfe, die uns beliefern, ab sofort noch häufiger geprüft werden", sagte Vorstand Dieter Bockhorn. Bisher hätten sich jedoch aus den Transport- und Veterinärprotokollen keine Hinweise auf mögliche Tierschutzvergehen ergeben. (mit dpa)

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08.08.2019

Lauter Einzelfälle !
Oder
eine Kultur des Wegsehens, Duldung, Formalkontrollen am Schreibtisch - alles dem Profit geschuldet.
Mal Schauen, was z.B. dem Landrat dazu einfällt.

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08.08.2019

Schuld sind die Regierungen, welch diese Großbetriebe gefordert und gefördert haben, daß solche großen Tierbestände schwer zu bearbeiten sind ist wohl klar, wenn auch noch am Personal gespart werden muß, weil die Milchpreise, wieder durch die Übergrößen, im Keller sind. LEIDER denken Politiker bei solchen Entscheidungen nicht a die Folgen. Dazu fehlt der Fachverstand und dieser ist bei den heutigen Politikern nicht vorhanden und Berater empfehlen was die Industrie will.

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14.08.2019

Sogar das bayerische Fernsehen war bei der Entstehung einer solchen gigantischen Anlage mit dabei vor ein paar Jahren. Nach der Fertigstellung waren sich die Ersteller einig, dass es zu klein konzipiert war. Diese Großbetriebe werden nach wie vor gefördert. Welcher Politiker hat Sachverstand? Richtig, er hat ja seine hochdotierten "Berater" an der Seite, die aus genau dem Stall stammen, der letztlich davon profitiert. Letztendlich geht es nur um Stimmenfang. Stellen Sie sich vor in Bayern würden alle Landwirte die Fahne wechseln die ihnen bis dato so freundlich winkte?

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