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Bildung

15.10.2019

Mehr Dialekt in der Schule – ist das nötig?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will die Mundart im Freistaat mehr in den Fokus der Bildung rücken.
Bild: Daniel Karmann, dpa

Die bayerische Regierung möchte Mundart stärker in den Unterricht einbinden. Wir haben Schulleiter in der Region gefragt, wie es um den bayerischen Dialekt steht.

Woisch, hosch, kosch – wer sich so ausdrückt, kommt wahrscheinlich aus dem Raum Augsburg. Und je nach Herkunft des Zuhörers schafft diese sprachliche Färbung Zugehörigkeit oder eben nicht. Dialekt bringe Heimat und Identität, wirbt auch das bayerische Kultusministerium seit Jahren. In etwa so lange schon reihen sich Regionalkrimis im Sendeprogramm des Bayerischen Rundfunk aneinander. Vor diesem Hintergrund hat die Stiftung Wertebündnis Bayern im Frühling das Projekt „Mundart Wertvoll“ präsentiert. Die Handreichung, eine Art Bayern-Fibel, soll Lehrern Impulse für den Unterricht mit Mundart geben. Mehr Dialekt in der Schule also – ist das nötig?

Gerade in den Städten beherrsche kaum ein Schüler den Dialekt

Ja, glauben viele Schulleiter der Region. Denn trotz vereinzelter Dialektsprecher nimmt die Fähigkeit der Schüler, sich in Mundart auszudrücken, insgesamt ab. Mittlerweile sprechen viele Kinder und Jugendliche an bayerischen Einrichtungen fast ausschließlich Standarddeutsch. Das gehe so weit, berichtet Anton Oberfrank von der Konradin-Realschule in Friedberg, dass eigentlich alltägliche Ausdrücke im Dialekt weder gebraucht noch verstanden werden. Aus dem „Bua“ sei so der „Junge“ geworden und aus dem „Mädel“ das „Mädchen“. Der Schulleiter bedauert diese Entwicklung. Gerade in den Städten, sagt er, beherrsche neben Hochdeutsch kaum ein Schüler auch den Dialekt.

Zu demselben Schluss kommt Werner König, der sich während seiner akademischen Laufbahn an der Universität Augsburg jahrelang mit dem Gebiet des Dialekts auseinandergesetzt hat. „Was vor 50 Jahren gang und gäbe war, ist heute selten geworden“, fasst der emeritierte Dialektforscher zusammen. Mitverantwortlich für das Schwinden der Mundart seien Großstadt und Globalisierung. Weil es dort immer schon mehr Bildung und Arbeit gegeben habe als in den ländlichen Regionen, erklärt er, hätten viele Menschen Dorf und Dialekt verlassen, um in der Stadt zu leben.

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Und mit der Zeit haftete der Mundart etwas Primitives an – der Ruf des Bauerntölpels, den sie bis heute nicht vollständig ablegen konnte. „Es ist ein Faktum, dass der Dialekt ein schlechtes Image hat“, bekräftigt Werner König. Zwar sei er nicht mehr so verpönt wie noch in den 70er Jahren. Aber: „Selbst wer heute in der Großstadt Dialekt spricht, gilt als eher minderbemittelt.“ Ein Beispiel für eine solche Diskriminierung sei Satiriker Jan Böhmermann, der zuletzt Tränen über Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger gelacht hatte, als dieser ein Grußwort zur Eröffnung der Gründermesse „Bits & Pretzels“ hielt – auf Englisch und mit deutlich bayerischer Sprachfärbung. „Eine Reaktion, die daher rührt, dass der Dialekt unterschwellig immer noch als defizitär gilt“, ärgert sich Werner König.

Dialektpflege als eine Aufgabe von Schulen

Diesen Ruf versucht die Politik nun zu korrigieren. Im vergangenen Herbst erst kündigte Ministerpräsident Markus Söder eine Initiative zu Dialekt und Mundart in der Schule an, um den Sinn für Heimat zu schärfen. „Die Sprachsituation in Bayern ist durch das Nebeneinander von Hochsprache und Mundarten gekennzeichnet“, heißt es dazu aus dem Kultusministerium. Es sei wichtig, Schülern das „positive Erleben und Einbringen des Dialekts in Unterricht und Schulleben als bedeutsamen Teil der Sprachkultur und der jugendlichen Erfahrungswelt zu ermöglichen“.

Obwohl er bereits im gymnasialen Lehrplan verankert ist, befürwortet auch Peter Seyberth vom Descartes-Gymnasium in Neuburg mehr Dialekt in bayerischen Klassenzimmern. Er selbst sei mit der Mundart groß geworden. „Einen Nachteil habe ich dadurch nie empfunden“, erzählt der Schulleiter. Tatsächlich belegen Erkenntnisse der Hirnforschung, dass Kinder, die sowohl mit Mundart als auch mit Standarddeutsch aufgewachsen sind, sprachlich flexibler agieren. „Diese sogenannte innere Mehrsprachigkeit stellt einen großen Wert dar“, kommentiert das Kultusministerium.

Auch in der Bischof-Ulrich-Grundschule in Illertissen zeichnet sich ein langsames Schwinden von Dialektsprechern ab. Zurückzuführen sei diese Tendenz nicht nur auf mehr Kinder mit Flucht- und Migrationshintergrund, sagt Brigitte Kögel. Es zögen auch zunehmend Familien aus anderen Teilen Deutschlands in die Region. Als ein weiteres und grundsätzliches Problem sieht die Konrektorin, dass Kinder heute deutlich sprachärmer seien als noch vor Jahren. Hochdeutsch an der Grundschule in Wort und Schrift zu lehren – das habe daher Priorität.

Die Schulleiterin derselben Illertisser Einrichtung, Silvia Lang, sieht die Dialektpflege dennoch als eine Aufgabe von Schulen. Ob und inwiefern, das hänge vom jeweiligen Fach und der Lehrerpersönlichkeit ab, sagt sie. „Anfängern im Deutschunterricht gegenüber müssen Lehrer Sprachvorbilder sein.“ In anderen Fächern aber sollten sie auch sprachlich authentisch auftreten. Und ein schwäbelnder Sachse tut das nun mal nicht.

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