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Misshandlungsvorwürfe

02.04.2010

Schwestern holten Mixa, wenn sie überfordert waren

Walter Mixa, Bischof von Augsburg
Foto: DPA

Ein Sprecher der Mallersdorfer Schwestern hat gegenüber unserer Zeitung bestätigt, dass diese den Augsburger Bischof Walter Mixa in seiner Zeit in Schrobenhausen riefen, weil sie im Umgang mit den Kindern überfordert waren. Von Daniel Wirsching

Die beiden entscheidenden Fragen lauten: Hat der heutige Augsburger Bischof Walter Mixa in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen (1975 bis 1996) Heimkinder in den 70er und 80er Jahren brutal geschlagen? Und: Wie glaubwürdig sind sechs ehemalige Heimkinder, die ihm das vorwerfen und mit eidesstattlichen Erklärungen untermauert haben?

Nach Recherchen unserer Zeitung holten sich die Mallersdorfer Schwestern, die im Kinder- und Jugendhilfezentrum St. Josef bis 1990 die pädagogische Verantwortung trugen, gelegentlich Rat bei Mixa. Der von der Ordensleitung beauftragte Sprecher sagte, dass diese "manchmal den Stadtpfarrer (Mixa, die Red.) geholt haben, weil sie überfordert waren". Sie hätten ihn gebeten, mit Jugendlichen einzeln zu reden - allerdings "nicht im Sinne eines pädagogischen Einschreitens". Diese Gespräche hätten in einem Zimmer im oberen Stockwerk des Kinderheims stattgefunden. Er wisse zumindest von einer beschuldigten Nonne, dass sie bei diesen Gesprächen nicht dabei gewesen ist.

Damit bestätigte sich ein Teil der Schilderungen eines der ehemaligen Heimkinder. Monika Bernhard (47) hatte unserer Zeitung gesagt: "Mixa war der Herr im Haus und hat für Ordnung gesorgt." Er sei gerufen worden, wenn die Nonnen mit der Erziehung der Kinder und Jugendlichen überfordert gewesen seien. So habe sie Mixa einmal in einem Mehrbettzimmer erwartet, weil sie etwas angestellt habe. Er habe sie in "barschem Ton" angeredet. Nach einer "patzigen Antwort" von ihr habe er ihr eine "Watschen" gegeben - dermaßen gewaltig, dass sie in ein Bett gefallen sei (wir berichteten).

Der Sprecher der Mallersdorfer Schwestern bestätigte zudem, dass die Schwestern damals Heimkinder "leicht körperlich gezüchtigt" haben. Es habe "manchmal Situationen gegeben, in denen sie überfordert waren und wo sie es in den pädagogischen Maßnahmen übertrieben haben". Sie hätten Kinder zum Beispiel am "Oberarm gerissen" oder "aufs Gesäß geklopft". "Das war absolut normal - gerade wenn sie bei Streitigkeiten zwischen den Kindern einschreiten mussten." Dies tue den beiden jetzt beschuldigten Schwestern leid. Niemals hätten sie jedoch sadistische Handlungen vorgenommen oder mit Gegenständen zugeschlagen. Die Züchtigung habe sich "im Rahmen der bis in die 80er Jahre gesellschaftlich üblichen Disziplinarmaßnahmen" bewegt.

Eine der Schwestern ist schwer erkrankt, die andere betreute gestern Heimkinder in St. Josef und hat auch heute Dienst. Ihnen wird vorgeworfen, Kinder regelmäßig mit Holzbesen oder Kleiderbügeln geschlagen zu haben. Eine soll die Dichtung aus einem Türstock gerissen und als Peitsche verwendet haben. Eine Nonne habe überdies einem Kind einen Schlüsselbund an den Kopf geworfen. Orden wie Heimleitung bemühen sich nun um eine Aufklärung der Vorwürfe und wollen mit den ehemaligen Heimkindern ins Gespräch kommen.

Am Donnerstagvormittag haben sich Heimleiter Herbert Reim und Stadtpfarrer Josef Beyrer - er ist Vorsitzender des Kuratoriums des Kinderheimträgers - unter anderem mit Vertretern des Jugendamtes des Landkreises Neuburg-Schrobenhausen, der Opferschutzorganisation Weißer Ring, der Diözese Augsburg sowie Mallersdorfer Schwestern zu einem Runden Tisch getroffen. In einem Brief wollen sie Kontakt mit ehemaligen Heimkindern aufnehmen und "besonders eventuelle Opfer damit ermutigen, das Gespräch mit der Einrichtung zu suchen".

Für diese Gespräche sollen auch "neutrale Ansprechpartner" zur Verfügung stehen. An den bekannt gewordenen Vorwürfen und der Berichterstattung darüber stört Josef Beyrer, dass pauschaliert werde: "Wer hat denn bislang einen Beweis geliefert, dass es überhaupt zu Gewalttätigkeiten im Sinne einer juristisch relevanten Straftat gekommen ist?" Diese Meinung teilten mehrere frühere Ministranten, die Walter Mixa jahrelang als Stadtpfarrer erlebt haben. Einer, der 1977 als Ministrant begann, sagte: "Mixa war für uns eine Vaterfigur." Der frühere Diakon von Schrobenhausen (1992 bis 1993), der im Kinderheim wohnte, sagte: "Mixa hat nie in irgendeiner Form Gewalt angewendet. Er hat nicht einmal geschrien." Zu jungen Menschen sei er sehr väterlich gewesen.

Laut Bistum Augsburg bleibt Mixas Einladung zu einem Gespräch mit den ehemaligen Heimkindern bestehen. Er hoffe, dass sie ihre Antwort über die Ostertage nochmals überdenken. Zwei der sechs ehemaligen Heimkinder reagierten auf sein Angebot entrüstet und lehnten es ab. Von Daniel Wirsching, Alois Knoller und Claudia Stegmann

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