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Geschichte

20.05.2013

Was tun mit den bayerischen Atomschutzbunkern?

Bunker
4 Bilder
Der Atomschutzbunker unter dem Deutschen Verkehrsmuseum in Nürnberg. Von dort aus sollten im Kalten Krieg die Züge gesteuert werden. Dr. Rainer Mertens in der Befehlszentrale.
Bild: Bild: Ulrich Wagner

In den 1990ern wurden die letzten Atomschutzbunker in Deutschland fertiggestellt. Einer steht in Gersthofen. Heute stellt sich die Frage: Was tun mit dem historischen Erbe?

Augsburg/Nürnberg Hätte man, naiv gefragt, nicht die Flucht ergreifen sollen? Ganz weit weg? Statt im Affenzahn die Treppen runter, dann unendlich lange warten, zusammengepfercht mit hunderten anderen in einem Raum, auf primitiven Pritschen. Früher oder später hätte man wieder raus müssen, wenn Vorräte und vielleicht auch die Luft alle gewesen wären. Oder weil man verrückt geworden wäre da unten. Und oben wäre alles verseucht gewesen für unendlich lange Zeit. Hätte es also nicht mehr Sinn gemacht, einfach die Flucht zu ergreifen?

Die Frage geht heute leicht über die Lippen, auch wenn die Atomkraft noch da ist, zivil genutzt vor der Haustüre. Aber der Kalte Krieg ist vorbei, und deswegen wurden Atomschutzbunker ja gebaut. Zwei, drei Prozent der deutschen Bevölkerung hätten darin Platz gefunden. Und die anderen 97, 98 Prozent? Der Mann, der nun drei Meter unter der Erde Tür um Tür öffnet, Licht an, Licht aus, Gang für Gang, rechts rum, links rum, rechts rum, bis man an seiner Orientierung zweifelt, weiß darauf auch keine Antwort.

Es ist nicht so, dass Atomschutzbunker zu den Leib- und Magenthemen von Rainer Mertens gehören. Er ist zweiter Chef des Museums der Deutschen Bahn in Nürnberg. Dass er jetzt zwei Zeitungsleute durch den Keller lotst, ist eher Beiwerk als Schwerpunkt seiner Arbeit. Der Bunker unweit des Hauptbahnhofs zählt zu den besterhaltenen in Bayern. Seit einigen Jahren dürfen Besucher hinein, wenn auch nur in Gruppen und nach Anmeldung. Groß beworben wird das nicht.

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500 öffentliche Schutzräume in Bayern

Die atomare Bedrohung, der Eiserne Vorhang, der dann fiel, die Welt, die plötzlich eine andere war – das ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere spielt Jahrzehnte zuvor. Als der Zweite Weltkrieg tobte und Bomben auf Nürnberg niederprasselten. Da wurde der regionale Zugverkehr von hier unterirdisch gesteuert. Nicht in dem Sinne, dass man Signale oder Weichen ferngestellt hätte; Computer waren noch weit weg. Aber die Befehle der Reichsbahndirektion kamen von unten. Und weil die Eisenbahn Mertens’ Metier ist und aus dem Befehlsbunker eben später ein Atomschutzbunker wurde, steht der Mann nun hier in Jeans, Pullover und Sakko und sagt: „Es sieht noch alles so aus wie früher.“

Als Schluss war mit dem Ost-West-Konflikt, gab es etwa 2000 öffentliche Schutzräume in Deutschland, darunter 500 in Bayern. Solche, die aus Kriegszeiten übernommen und umgebaut worden waren, ebenso wie neu gebaute, vor allem in den sechziger Jahren, sagt ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums. 2007 gab der Bund das öffentliche Schutzraumkonzept auf. Die Bunker blieben, mehr oder weniger ohne Funktion. Wie die vielen Luftschutzräume, die Überbleibsel aus den 30er und 40er Jahren.

Nur: Welche Bunker kennt man schon? Und sind von historischem Interesse? Die Anlage am Obersalzberg, Hitlers Feriendomizil im Berchtesgadener Land, ist so einer. Oder die Katakomben in Geretsried, 40 Kilometer südlich von München, in die die Bayerische Staatsregierung im Kalten Krieg hätte flüchten sollen. Heute bewahrt eine Feuerwehrschule ihre alten Akten dort auf. Die Fuggerei in Augsburg wiederum hat in ihrem Weltkriegsbunker ein Museum eingerichtet.

Alles streng geheim

Das Problem ist, dass es über viele unterirdischen Räume keine Dokumente mehr gibt. Selbst ein Museumsmann wie Rainer Mertens steht nun am Eingang des Nürnberger Bahnbunkers hinter einer schweren Stahltüre, deutet auf ein vergilbtes Stück Papier an der Wand, das einen Grundriss zeigt, und sagt: „Das ist alles, was ich habe.“ Viel erkennt man nicht mehr darauf. Selbst das Bundesverkehrsministerium sei blank. „Bis vor ein paar Jahren war das alles streng geheim“, sagt Mertens. Und danach sei das Thema der Politik wohl nicht mehr wichtig genug gewesen.

Der Bunker mit seiner zwei Meter dicken Stahlbetonhaut ist 1938 gebaut und 1973 „atombombensicher“ gemacht worden. Leuchtstreifen an der Wand geben Orientierung, falls das Licht ausfällt. Viele Türen. Ein Keller mit fürchterlich vielen Türen auf 1000 Quadratmeter Fläche. 99 Menschen, vom Direktionspräsidenten bis zum Boten, sollten via Fernschreiber und Telefon den Verkehr aufrechterhalten.

Rechts rum, links rum, zweite Tür links: Warnzentrale. Der Ort, an dem die Störungsmeldungen eingehen sollten. Ein Tisch, eine Art Chefsessel, harte Stühle. An den Wänden hängen Streckenkarten. Neben zwei toten Telefonen steht ein kleiner Kasten, etwas größer als eine Zigarettenschachtel. Der Schalter für den Alarm. L für Luftangriff, A für atomaren Angriff, ABC für einen mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen. Über der Tür: zwei Uhren, wie die vom Aktuellen Sportstudio. Beide sind stehen geblieben. Eine um Punkt zwölf, die andere 19 Minuten später.

Das Wasser geht noch

Der Charme der siebziger Jahre. Schon als das Museum den Bunker übernahm, sah das hier so aus. „Glauben Sie’s mir“, sagt Mertens noch einmal, „wir haben nichts verändert.“ Das Wesentliche wird instand gehalten, mehr Handgriffe gibt es nicht. Es sollte modrig riechen. Tut es aber nicht, der Klimaanlage wegen. Irgendwann haben sie eine Zeitzeugin aufgetan, eine alte Dame, die für die Reichsbahn gearbeitet und im Bunker Dienst geschoben hat. Sie konnte noch ein paar Geschichten erzählen, wie das so war, „aber sonst?“, sagt Mertens. Und lässt die Antwort offen.

Das Arztzimmer. „Sehen Sie, das Wasser geht noch“, sagt Mertens mit einer Spur Stolz in der Stimme, als er über dem Waschbecken am Hahn dreht. Das Wasser ist nicht mal rostbraun. Der Aufenthaltsraum mit den vielen Spinden und der 29 an der Tür – „ach, da haben wir mal eine Weihnachtsfeier veranstaltet“. Schließlich Raum 40: Ruheraum. Auf einer der Pritschen, je drei übereinander, liegt eine graue Decke mit dem Aufdruck: Fußende.

Zwei Wochen, sagt Mertens dann noch, hätte man im Atomschutzbunker bleiben können. Dann, ja dann ... Einen historischen Charakter habe das schon, „und vielleicht machen wir den Bunker langfristig besser zugänglich“. Es gibt zwei Eingänge, aber nur einer liegt frei. Und um dorthin zu gelangen, muss man durch die Werkstatt. Ohne Museumspersonal undenkbar.

Bayerische Kriegsgeschichte in der Tiefe des Augsburger Landratsamtes

Man kann lange diskutieren über die Frage, wie viel Öffentlichkeit ein alter Bunker im Jahr 2013 noch bekommen sollte. Es gibt Gründe dafür und dagegen. Man könnte auch einfach sagen: Um so etwas museumsreif zu machen, dafür fehlt das Geld. Frank Schwindling kennt das. In der Tiefe des Augsburger Landratsamtes, für das er als Kreisbaumeister arbeitet, schlummert auch so ein erstaunliches Stück bayerischer Kriegsgeschichte. Auch dieses Gebäude am Prinzregentenplatz, 1938/39 gebaut, war einst im Besitz der Reichsbahn- und später der Bundesbahndirektion. Und wie in Nürnberg, mutmaßt Schwindling, wurde auch von diesem Bunker aus bei Luftangriffen der Zugverkehr in der Region gesteuert.

Aber es gibt Unterschiede. Einer erschließt sich, als Hausmeister Herbert Schweinberger im 2. Untergeschoss vor einer Tür mit dem Aufdruck 224 stehen bleibt und scherzhaft sagt: „Dieser Raum hier, wir nennen ihn Führerhauptquartier.“ Es soll der Schutzraum für den schwäbischen NSDAP-Gauleiter Karl Wahl gewesen sein. Belegt sei das zwar nicht, sagt Schwindling. Aber bei den extra dicken Wänden, „das wird schon so gewesen sein“.

Bei der Vielzahl an Räumen, an Originalschriften wie „Raum 59. Schutzraum für 30 Personen“, an unterirdischen Gängen bis hinüber zum benachbarten Finanzamt, wird deutlich, dass dieser Bunker nicht allein der Bahndirektion gedient haben kann. „Der war für das ganze Wohnviertel“, sagt Schweinberger. Schwindling schätzt die Kapazität auf etwa 1500 Personen, bei einer Nutzfläche von rund 860 Quadratmetern. Mit Ausnahme der Stromleitungen ist der Keller, sechs, sieben Meter unter der Erde, in nahezu unverändertem Zustand.

Im Schutzraum lagern Akten und alte Möbel

Nach dem Krieg wusste niemand so recht was mit dem Bunker anzufangen. Für einen atomaren Schutzraum kam er nicht in Frage. Trocken ist die Luft hier unten, so trocken, dass das Landratsamt schon bald nach Erwerb des Gebäudes 1977 seine Akten und alten Möbel zu lagern begann. Wenn Tag der offenen Tür ist, dürfen die Bürger schon mal einen Blick hineinwerfen. Auch in den Raum, in dem noch zwei riesige Kohleheizkessel aus den 30er Jahren stehen. Hier haben sie mal eine Kafka-Lesung veranstaltet, beleuchtet von einer Kerze, die ein Schauspieler in der Hand hielt. „Gespenstisch war das“, sagt der Hausmeister.

Es gibt Liebhaber solcher Stimmungen. Die tun sich in Gersthofen vor den Toren Augsburgs schon schwerer. Ein Bunker, den man als solchen gar nicht erkennt. Weil er eine Tiefgarage ist, unterhalb des Rathauses, erst 1993 fertiggestellt – als der Kalte Krieg schon vorbei war. Einer der letzten öffentlich geförderten Atomschutzbunker Deutschlands. Ausgerichtet für 2000 Menschen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung Gersthofens. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, so war das gedacht, sagt Herbert Ranz, der Chef des Ordnungsamtes. Wer ahnt heute schon, dass die tonnenschweren in der Verkleidung versteckten Stahltüren im Ernstfall zur Versiegelung der Garage gedacht waren? Und die von der Decke hängenden Stahlgestelle als Duschkabinen?

Alles Vergangenheit. 2006 sind letztmals Fördergelder geflossen. Die letzte Übung liegt auch schon ein paar Jahre zurück. Kürzlich hat im Büro von Herbert Ranz das Telefon geklingelt. Die Regierung von Schwaben kündigte an, jetzt endlich die letzten Sachen aus dem Materiallager abholen zu wollen. Wasserbehälter, Chemie-Toiletten, Mülleimer, Dinge für den Tag X. Das Notstromaggregat wird noch gebraucht, „sollte in der Tiefgarage der Strom ausfallen“, sagt Ranz. Aber sonst? Sonst ist das „nur“ noch eine Tiefgarage, wenngleich eine moderne. Aber kein Bunker mehr.

Als alles gezeigt, besprochen und bestaunt ist, steht Herbert Ranz, 62, sportliches Hemd, Igelfrisur, Brille, etwas verloren mit seinem Schlüsselbund in der Hand im „Bunker“, zwischen Audis und Toyotas. Halblaut sagt er: „So, jetzt geht er dann in Rente. Und ich auch.“

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