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Interview

07.11.2017

Wie ein Berg zu seinem Namen kommt

Der Volkskundler Martin Scharfe hat erforscht, wie die Bezeichnungen für die Alpengipfel entstanden sind. Er erklärt, wieso jeder Berg getauft werden musste und warum mancher heute noch umbenannt wird

Herr Professor Scharfe, als Wissenschaftler in Innsbruck haben Sie die Entstehung der Bergnamen in Bayern, Österreich und der Schweiz erforscht. Was fasziniert Sie daran?

Der Prozess der Namensgebung ist unheimlich spannend. Man muss ja bedenken, was die Namen mit den Bergen gemacht haben: Ohne sie hätte es den Alpinismus in der heutigen Form nie gegeben. Die Bergnamen sind die Voraussetzung dafür, dass Menschen erst in die Alpen hinauffinden.

Hatten die Berge früher keine Namen?

Doch, schon. Einheimische wussten, wie sie ihre Berge nennen. Sie haben vor allem die Gipfel benannt, die wirtschaftlich wichtig für sie waren. Aber andere Berge hatten keine Namen. Und einheitliche Bezeichnungen gab es vor 1800 auch nicht, von verlässlichen Karten ganz zu schweigen. Die Berge waren ja noch nicht vermessen. Da konnte es vorkommen, dass ein Gipfel von zwei verschiedenen Tälern aus unterschiedliche Namen trug. So war es bei der Oberstdorfer Hammerspitze, die die Kleinwalsertaler bis heute „Schüsser“ nennen. Es war ein großes Tohuwabohu, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Heute gelten Lawine und Felssturz als gefährlich. Damals bestand die Hauptgefahr darin, sich zu verirren.

Wann genau änderte sich das?

Es war ein revolutionärer Prozess: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stiegen Vermessungsingenieure auf Berge und hielten alles in Karten fest. Sie hatten die Anweisung, zuerst nach traditionellen Namen zu suchen. Diese wollte man unbedingt bewahren, um Einheimische nicht vor den Kopf zu stoßen. Traditionelle Bergnamen kamen oft aus der Mundart und Vermessungsingenieure nicht aus der Region, was zu Missverständnissen führte. Da wurden oft Namen notiert, die so gar nicht gemeint waren.

Wie reagierten die Einheimischen?

Sie hatten keine Wahl. War ein Name einmal auf einer Karte abgedruckt, verbreitete er sich rasend schnell. Touristen kamen, fragten Bergführer gezielt nach Gipfeln, die sie zu Hause auf Karten angesehen hatten und ließen sich hinführen. Die Einheimischen passten sich an, sie wollten ja am Tourismus Geld verdienen. Kurz darauf dachten alle, der Berg habe immer so geheißen.

Andere Gipfel hatten bei der Vermessung allerdings noch keinen Namen…

Das stimmt. Um sie für den Tourismus zu erschließen, kam es auf die Fantasie der Vermesser an. Viele Berge benannten sie nach Gutdünken. Heute merkt man etwa am Beispiel des Säuling, dass sich Namen teils schlicht an der äußeren Struktur der Gipfel orientieren. Andere führen in die Irre, da werden die Gipfel „Garten“ oder „Paradies“ genannt, die besonders wüst und karg sind. Bei vielen Bergnamen rätseln wir heute vergeblich, wie sie zustande gekommen sind. Es ranken sich Mythen darum, aber selbst Sprachforscher tappen im Dunklen, was die Bedeutung angeht. Vieles kann man nur vermuten.

Gibt es immer noch Berge, die keinen Namen haben oder ihn ändern?

Es kommt darauf an, wie sehr man bei der Betrachtung der Berge ins Detail geht. Im Wesentlichen sind die Namen vergeben, aber erst mit GPS sind die letzten Winkel auszumachen. Statt Namen erhalten sie Koordinaten. Und manche Gipfel werden auch heute noch umbenannt. In der Region des Venediger hat ein österreichischer Wurstfabrikant einen Gipfel gekauft und versucht, ihn zu Werbezwecken nach seinem Unternehmen zu benennen. Da gab es natürlich große Gegenwehr von der Bevölkerung und auf juristischem Weg konnte die Gemeinde das Vorhaben noch stoppen. Andere Berge tragen ihre Namen aus der Nazizeit, aus Gründen der Political Correctness sollen sie verändert werden. Und hin und wieder findet die Forschung im Nachhinein doch noch einen traditionellen Namen für einen Berg, den man ihm dann quasi zurückgibt. Interview: Anika Zidar

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