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Polizei

26.06.2018

Wie sinnvoll sind Söders Kavallerie-Pläne für die Region?

Eine Streife der Münchner Reiterstaffel im Englischen Garten. Dieser ist ein wichtiger Einsatzort für die Tiere.
Bild: Lino Mirgeler, dpa

Jede Großstadt-Polizei im Freistaat soll eine Reiterstaffel erhalten. Es gibt gute Gründe dafür. Doch viele Beamte im Raum Augsburg halten die Pläne für Unsinn.

Früher, also viel früher, da war die Kavallerie echt mal ein kriegsentscheidender Faktor. Wenn so eine Horde von Soldaten auf großen Pferden dahergaloppiert kam, die Lanze oder den Bogen parat, wurde es still in der gegnerischen Infanterie. Doch spätestens seit dem Ersten Weltkrieg war auch den konservativsten Heerführern klar, dass die Kavallerie keine Zukunft mehr hat. Es gab ja jetzt Panzer.

Was also will ein konservativer Regierungsführer wie Markus Söder (CSU) damit sagen, wenn er für seine Regierungszeit den Aufbau einer „bayerischen Kavallerie“ ankündigt? Und dies ohne einen Hauch von Ironie, sondern mit stolz geschwellter Brust.

Die Opposition im bayerischen Landtag konnte gar nicht mehr aufhören, sich die Schenkel zu polieren, als Söder Ende April in seiner Regierungserklärung neben einem bayerischen Raumfahrtprogramm („Bavaria One“) auch einen Ausbau der Polizei-Reiterstaffeln avisierte. Jede bayerische Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern soll eine bekommen, also acht Städte. Insgesamt werden künftig 200 Polizeipferde und Reiter im Dienst des Freistaats stehen. Nicht mehr Laptop und Lederhose, sondern Sattel und Satellit, so die Botschaft. „Das ist keine Nostalgie“, fügte Söder vorsichtshalber noch an. Was dann? Geht es dem Ministerpräsidenten um mehr als eine Showtruppe?

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Jedenfalls weiß PR-Profi Söder, dass sich Polizeipferde gut für einen Show-Effekt eignen. Gerade erst hat er die Münchner Reiterstaffel besucht, neben einem kleinen Trupp in Rosenheim die bisher einzige Reiterstaffel im Freistaat. Da steht der Politiker nun: 1,93 Meter groß, kräftig, selbstbewusst. Den Polizeipferden reicht er trotzdem nur bis zur Schulter. Und als sechs berittene Beamte mit ihren „Partnern“ auf die Besucher zureiten, müssen Söder und die Pressevertreter rasch das Weite suchen. Die Übung soll zeigen: Pferde werden ernst genommen und können allein durch ihre Anwesenheit für Sicherheit sorgen. Vor ihnen weicht jeder zurück – auch ein Mannsbild wie Söder. Die Übung soll auch zeigen: Der Mann will ernst genommen werden mit seiner Reiterstaffel-Idee.

Was ein Pferd einem Polizeiauto voraus hat

Auch wenn er es zunächst mit Scherzen probiert: „Wir bringen dann am Ende 200 PS auf die Straße“, sagt er. Und ein Pferd sei sogar länger im Einsatz als ein Polizeiauto, 15 Dienstjahre sind es im Durchschnitt. Doch dann geht der Ministerpräsident langsam zu echten Argumenten über. „Ein Polizist auf einem Pferd macht mehr Eindruck als einer auf dem BMX-Radl“, sagt Söder. Die Tiere würden helfen, die Präsenz der Polizei im öffentlichen Raum zu verstärken. Zulasten des Personals würde das nicht gehen. Im Gegenteil. Mit den Pferden gebe es sogar zusätzliche Einsatzkräfte.

Noch mehr Argumente für ein Mehr an Polizeipferden bringt Andreas Freundorfer vor, der das zwar schon von Berufs wegen tun muss, mit seiner Leidenschaft aber authentisch wirkt. Freundorfer ist Chef der Münchner Reiterstaffel. Er ist der Einzige in seiner Dienststelle, der nicht reitet. Vom „Einsatzmittel Pferd“ ist er aber zu 100 Prozent überzeugt, vor allem wegen der vielen Fußballspiele. Während der Saison sind die Münchner Polizeireiter praktisch jedes Wochenende im Einsatz. Nicht nur in der Allianz-Arena, wo bei jedem Heimspiel des FC Bayern je zehn Pferde und Reiter Dienst tun, sondern auch im Grünwalder Stadion und im Sportpark Unterhaching. Wer einmal gesehen hat, wie Polizeipferde aggressive Fangruppen voneinander trennen, ist beeindruckt. „Wo wir auftauchen, ist schnell Ruhe“, sagt der Reiterstaffel-Chef.

Eine Reiterstaffel der Polizei sichert den Bereich vor der Allianz Arena in München. Fußballspiele sind das wichtigste Einsatzgebiet der Pferde.
Bild: Matthias Balk, dpa

Im Englischen Garten in München patrouillieren Freundorfer zufolge täglich berittene Polizisten. Dann gibt es noch Reiterstreifen an den Badeseen und in anderen Grünanlagen. Und – weithin unbekannt – die Einbruchs-Prävention. Tatsächlich streifen die Polizeireiter mit ihren Pferden regelmäßig in Wohngebieten umher. Die erhöhte Sitzposition bringt Vorteile. Die Augen des Beamten befinden sich etwa auf drei Meter Höhe. So kann man über fast jede Hecke und Mauer schauen. „Wir nehmen keine Einbrecher fest. Aber wo wir reiten, bricht keiner ein“, sagt Freundorfer.

Nach Augsburg sollen 30 Pferde kommen

Ein Modell auch für Augsburg? Schwabens einzige Großstadt soll eine Reiterstaffel mit 30 Pferden erhalten. Thomas Rieger, der Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Nord, sagt zu den Plänen: „Wir sehen es positiv.“ Die Pferde sollen unter anderem bei den Fußballspielen des Bundesligisten FC Augsburg oder bei Demonstrationen eingesetzt werden. Auch an Pferdestreifen auf öffentlichen Plätzen in der Stadt und in den Parks und Naherholungsgebieten wie dem großen Siebentischwald denkt man.

Und doch sind bei der Polizei in Nordschwaben beileibe nicht alle begeistert von Söders Kavallerie-Plänen. Hört man sich unter Beamten um, gibt es abseits offizieller Stellungnahmen nur wenig Sympathien dafür. Einsätze, bei denen man die Hilfe von Pferden hätte brauchen können, habe es in Augsburg bisher so gut wie nie gegeben. Der AfD-Bundesparteitag, der am Wochenende auf dem Augsburger Messegelände stattfinden soll, ist da eine Ausnahme. Hier werden mehrere Polizeireiter im Einsatz sein.

Bei der Kriminalpolizei ist immer wieder zu hören, das viele Geld, das eine Reiterstaffel verschlinge, wäre besser in neue Computertechnik investiert, um im Kampf gegen Cyber-Verbrecher etwas besser gerüstet zu sein als bisher. In den unterbesetzten Polizei-Inspektionen der Stadt rechnet niemand damit, dass Polizeipferde eine nennenswerte Entlastung im Alltag bringen. Im Gegenteil: Ein höherer Beamter etwa befürchtet, dass von den neu eingestellten Polizisten weniger Beamte in den Revieren ankommen, weil ein Teil für die Reiterstaffel gebraucht wird – oder für andere CSU-Projekte wie eine eigene bayerische Grenzpolizei.

Dass durch die neuen Reiterstaffeln die Personalengpässe verschärft werden, befürchtet auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP). Dabei seien die Polizei-Inspektionen schon jetzt unterbesetzt. Bei der Inspektion Augsburg-Mitte sind statt der laut Stellenplan vorgesehenen 154 Beamten im zweiten Halbjahr vorigen Jahres nur 113 einsetzbar gewesen, bei der Inspektion Augsburg-Süd waren es in der Praxis nur 100 Beamte statt der 132 Planstellen auf dem Papier. Der bayerische SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher sagt daher: „Wir brauchen mehr Zweibeiner in Uniform auf bayerischen Straßen und Plätzen statt Dr. Söders Vierbeiner.“

Ein anderer Beamter schimpft: „Das ist Geldverschwendung.“ Der Betrieb der Reiterstaffel dürfte pro Jahr eine sechsstellige Summe kosten. Die zunächst nötigen Investitionen, unter anderem in Stallungen und Fahrzeuge, dürften mindestens in einem ähnlichen Bereich liegen.

So werden die Pferde der Münchner Reiterstaffel trainiert. Sie werden dabei gezielt akustischen und optischen Reizen ausgesetzt.
Bild: Polizei

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Aufbau und der Unterhalt von Reiterstaffeln eine ganze Menge Geld kostet. Ob es gleich 100 Millionen Euro pro Legislaturperiode sind, wie der Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger befürchtet, muss sich zeigen. Klar ist, dass für die neuen Einheiten entsprechende Stallungen gebaut oder angemietet werden müssen. Die Anschaffung eines geeigneten Pferdes mit Vorausbildung kostet im Durchschnitt rund 15.000 Euro. Den Unterhalt inklusive Stroh, Heu und Hufschmied beziffert Andreas Freundorfer auf etwa 700 Euro im Monat.

Dass die Pferde einen Beitrag dazu leisten sollen, Einbrecher zu verjagen, können sich viele Beamte aus dem Großraum Augsburg ebenfalls nicht vorstellen. Ein Kripobeamter, der früher im Streifendienst unterwegs war, hält das für schwierig. Spätestens, wenn es darum gehe, einen Einbrecher festzunehmen, gerate ein Polizist mit Pferd an seine Grenzen. Der Beamte könne ja schlecht absteigen, erst das Pferd anbinden und dann die weitere Verfolgung aufnehmen. Auch in der Innenstadt gibt es nach Ansicht des Beamten bessere Fortbewegungsmittel. „Ein Polizist auf einem Pferd ist nicht bürgernah“, sagt er. „Das Fahrrad bietet sich in der Innenstadt viel eher für Streifen an.“

Es gibt sehr wohl einen Show-Effekt

Das sieht der Reiterstaffel-Chef naturgemäß anders. „Das Pferd genießt hohe Sympathie, das bringt ein Höchstmaß an Bürgernähe“, sagt Andreas Freundorfer. Aber er kennt auch die Grenzen der berittenen Polizei. In der Regel sind sie nur tagsüber unterwegs. Denn es gibt eben sehr wohl einen Show-Effekt: „Wir wollen gesehen werden, unser Hauptvorteil ist die Optik.“ Enge Straßen sind auch nicht so das bevorzugte Einsatzgebiet des Fluchttiers Pferd. In der Ausbildung müssen die Tiere darauf trainiert werden, sich von Krach, Enge und hektischen Menschenmassen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

In den Ställen der Münchner Reiterstaffel riecht es nach frischem Stroh. Das 1,2 Hektar große Areal liegt am Rande des Stadtteils Riem, entfernt von Wohngebieten, nahe der Galopprennbahn. Nach den Olympischen Sommerspielen 1972 erhielt die Polizei in München das Angebot, einen Teil des Geländes nutzen zu dürfen. Das Fell der Tiere glänzt, genau wie der Boden. Pferde schauen neugierig aus ihren Boxen. Die meisten sind Bayerische Warmblüter, eine alte deutsche Pferderasse. Besonders robust sollen sie sein, und leistungsfähig. Auf dem Boden der Reiterhalle liegen deshalb Planen, Folien und leere Plastikflaschen. Poller stecken im Boden, große orangefarbene Gymnastikbälle rollen durch die Halle. Ausbildungsleiter Michael Reger steht bei einer Übung mitten in der Halle. Er beginnt zu trommeln, schlägt zwei Holzlatten aneinander, wedelt mit großen Fahnen hin und her – und gibt einen Schuss ab.

Möglichst viele akustische und optische Reize sollen dafür sorgen, dass die Tiere optimal vorbereitet werden, im Dienst nicht zurückschrecken bei Lärm und Unvorhersehbarem. Vor besonderen Ereignissen wie dem Oktoberfest absolvieren die Pferde einen zusätzlichen Test. Nur wer einigermaßen ruhig einer eigens eingeladenen Musikgruppe der Polizei zuhören kann, darf als Generalprobe mit zum Straubinger Gäubodenfest. Und danach vielleicht zur Wiesn. Jeden Tag trainieren die Mitglieder der Reiterstaffel, mindestens vier Stunden verbringen sie im Sattel. Der Standort in Riem sei optimal, sagt Dienststellenleiter Freundorfer.

Eines der 36 Tiere in München ist Oreon. Am Tag des Söder-Besuchs steht er im Mittelpunkt der PR-Maschinerie. Oreon bekommt viele Leckerlis vom Ministerpräsidenten – zumindest bis zum perfekten Foto. Ob das Pferd Söder ebenso lieb aus der Hand fressen würde, wenn es wüsste, dass der sein Zuhause plattmachen will? Denn der Freistaat wird den so idealen Stall in Riem abreißen lassen. Es ist nicht ohne Ironie, dass die bislang einzige Reiterstaffel dann einem anderen Prestigeprojekt Söders weichen muss: dem Bau neuer Wohnungen.

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