An diesem Samstagvormittag ist der Supermarktparkplatz ein lebendiges Wimmelbild des Wochenendes. Autos rollen über den Asphalt, Einkaufswagen klappern, Autotüren schlagen. Menschen kreuzen zwischen den Reihen, einige laden Einkaufstüten in den Kofferraum. In den Glascontainern klirren Flaschen, Kinder quengeln. Alles wie immer – fast. Etwas fehlt. Dort, wo sonst in Marktoberdorf vier gewerbliche Altkleidercontainer standen – überfüllt, verdreckt, von Säcken umstellt – ist jetzt: nichts. Kein Stofffetzen, kein Metallbehälter, kein Müll zeugt mehr von ihrer einstigen Existenz. Auch im Norden der Stadt, bei Einkaufscenter und Getränkemarkt, ist der Container seit einigen Wochen weg. Nach Angaben des Landratsamts Ostallgäu soll das auch so bleiben.
Was hier in Marktoberdorf passiert, steht sinnbildlich für eine Entwicklung, die weit über das Ostallgäu hinausreicht. Denn der Altkleidermarkt steht vor dem Kollaps. Während die Sammelcontainer zu Zeiten, als das Geschäft mit abgetragenen Klamotten bestens lief, sprichwörtlich wie Pilze aus dem Boden schossen, verschwinden nun überall im Land Container. In Marktoberdorf genauso wie in Rosenheim, in Mindelheim wie in Tirschenreuth. Organisationen wie das Rote Kreuz ziehen sich ebenso wie gewerbliche Sammler zurück. In manchen Gegenden Deutschlands gibt es gar keine Sammelcontainer mehr, heißt es beim Verband Fairwertung, einem Zusammenschluss von über 130 gemeinnützigen Organisationen, die Altkleidersammlungen durchführen.
In Ettringen im Unterallgäu kennen sie die Folgen nur zu gut. Auf einem alten Gutshof am Ortsrand sortiert die Aktion Hoffnung das, was in den Containern gelandet ist. Und seit immer mehr Wettbewerber ihre Behälter abziehen, ist das immer mehr Ware. In Krisenzeiten wie diesen, in denen die Preise für Altkleider am Boden sind, wird das zum Problem. „Wir sammeln viel mehr Menge und darauf sind unsere Sortierkapazitäten gar nicht ausgelegt“, sagt Geschäftsführer Johannes Müller. Im Unterallgäu, wo etwa das Bayerische Rote Kreuz in Mindelheim seine Container abgebaut hat, waren es zuletzt 30 bis 40 Prozent mehr, im Oberallgäu 20 Prozent mehr. Erst an diesem Donnerstagmorgen gab es eine Krisensitzung, berichtet Müller. „Für die Mitarbeiter ist die Belastung enorm.“ Viel zu viele Altkleider, zu viele Touren, viel zu viel Müll.
In diesem Jahr hat der Fahrer der Aktion Hoffnung sogar eine tote Katze gefunden
Marcel Kunath ist gerade mit seiner zweiten Sprinterladung eingetroffen, 18 Container hat er in den letzten sieben Stunden in Wertingen, Dillingen und im Ries geleert, seit halb 3 morgens. Jetzt öffnet Kunath die Hecktür und hievt schwarze, blaue und durchsichtige Säcke von der Ladefläche in große Gitterboxen. Eine Frau hat er heute erwischt, die ihren Müll in den Sammelbehälter werfen wollte. Und auch sonst gibt es gefühlt nichts, was Kunath nicht schon aus dem Altkleidercontainer gefischt hat. Hausmüll und Hasenmist, Teppiche und Bauschutt, Küchenmesser und eine klein geschnittene Matratze. „Dieses Jahr hatte ich sogar eine tote Katze drin.“ Zehn Prozent dessen, was in den Containern landet, ist inzwischen Müll, der im schlimmsten Fall den kompletten Inhalt des Containers kontaminiert, erklärt Müller. Der Aktion-Hoffnung-Geschäftsführer – Jeans, weißes Hemd, gelbe Warnjacke – spricht vom „Entledigungswillen“ der Menschen, die ihren Unrat loswerden wollen. „Die Kleidercontainer haben einfach die größte Klappe.“
Die Lage auf dem Markt für Alttextilien bezeichnet der Recycling-Branchendienst EUWID aktuell als „dramatisch“. Während die Sammelunternehmen vor zwei bis drei Jahren noch 500 Euro und mehr pro Tonne Altkleider bekamen, werden unterschiedlichen Berechnungen zufolge nur noch zwischen zehn und 30 Euro bezahlt. Bei EUWID heißt es, die Sammelunternehmen müssten derzeit froh sein, wenn ihnen die Ware überhaupt abgenommen wird. Vielfach sind Landkreise und Kommunen gezwungen, Zuzahlungen zu leisten. In Ettringen sagt Geschäftsführer Müller: „Mit jedem Kilo Kleidung, das wir erfassen, zahlen wir drauf.“
Die Gründe für die Misere sind vielfältig: Wichtige Absatzmärkte wie in der Ukraine und im Nahen Osten sind durch Kriege weggebrochen. Zugleich wird in Europa weit mehr gesammelt, als benötigt wird. Erst recht, seit zu Jahresanfang eine neue EU-Richtlinie gilt. Diese Getrenntsammlungspflicht besagt, dass Textilien getrennt von Restmüll entsorgt werden müssen – was in Deutschland längst der Fall ist. Doch viele Bürger scheint das verwirrt zu haben. Inzwischen landet viel mehr verschmutzte und nicht tragbare Kleidung in den Altkleidercontainern statt im Restmüll.
Den Müll, den Aktion-Hoffnung-Mitarbeiter Kunath aus den Behältern gefischt hat, hat er unterwegs auf dem Wertstoffhof entsorgt. Doch die Kosten dafür muss die Aktion Hoffnung tragen. Und dann die vielen losen Kleidungsstücke, die vor oder in den Containern landen. Normalerweise, sagt Kunath, hat er einen Behälter in drei Minuten geleert. Muss er viele einzelne Teile in die durchsichtigen Tüten packen, dauert es auch mal 15 Minuten. In der Halle gegenüber steht Michaela Schmid an einem großen Tisch und sortiert, was Kunath und die Kollegen heute gesammelt haben. Sie reißt Müllsäcke und Papiertüten auf, kippt Einkaufstaschen aus. Ein graues Sweatshirt, ein einzelner Turnschuh mit Loch, Kuscheltiere, rosarote Einhorn-Plüsch-Hausschuhe. „Die sind dreckig, die sind eklig, die gehören einfach in den Müll“, sagt Schmid.
Säcke voller Windeln, verschimmelte Klamotten, all das hatte Schmid schon auf dem Tisch. Ihre rechte Hand steckt im Handschuh, die linke nicht. „Ich muss das Material erfühlen“, erklärt sie. Nächster Müllsack, ein Rüschenoberteil in glänzendem Schwarz mit weißen Herzen, drei Glitzerbikinis, ein schwarzes Top mit weißen Perlen. Michaela Schmid muss nicht auf das Etikett schauen, um zu wissen, woher die Ware stammt: Shein. Der chinesische Billigst-Mode-Anbieter wird, ebenso wie Temu, zunehmend zum Problem für die Sammler. Weil die minderwertige und kurzlebige Kleidung – Stichwort Ultra-Fast-Fashion – praktisch wertlos ist. Allein das Sammeln, Sortieren und Transportieren koste mehr als das Kleidungsstück im Einkauf.
Nur fünf Prozent der gesammelten Kleidung ist so hochwertig und gut erhalten, dass sie in Second-Hand-Shops verkauft werden kann. Retro-Pullis und Blusen mit schönen Mustern, Markenware in 1a-Zustand – all das sortiert Michaela Schmid in eine helle Box. Ein Teil der Sammelware geht als Hilfsgüter nach Osteuropa. Aus löchrigen Baumwollshirts können Putzlappen gemacht werden, anderes wird zu Dämmmaterial verarbeitet. Ideen für nachhaltige Textilwirtschaft gibt es. Am Institut für Textiltechnik Augsburg etwa wird daran geforscht, wie aus löchrigen Baumwollshirts neues Garn gesponnen werden kann.
Die Realität aber ist eine andere. Schon, weil Modekonzerne heute deutlich mehr Kollektionen auf den Markt bringen, weil Konsumenten heute so viel Kleidung kaufen wie nie zuvor. 19 Kilo waren es zuletzt pro EU-Bürger, Tendenz stark steigend. Gleichzeitig wirft jeder im Schnitt zwölf Kilo Kleidung im Jahr weg. Die EU hat die Mitgliedsstaaten inzwischen verpflichtet, eine erweiterte Herstellerverantwortung einzuführen. Spätestens in zwei Jahren sollen die Modefirmen für das Sammeln, Sortieren und Recyceln der Kleidung, die sie auf den Markt bringen, bezahlen. „Die Modebranche muss sich finanziell am System beteiligen“, fordert Müller. Und dass das etwa beim Batterierecycling auch funktioniere.
Im Marktoberdorf verlängern Renate Dantinger und ihr Team den Lebenszyklus von Textilien. Dantinger ist Sachgebietsleiterin für Pflege und Soziales beim Roten Kreuz. Mit routiniertem Griff öffnet sie den Eingang zum Kleiderladen, an dem eine rot-weiß gestreifte Kette baumelt. „Die soll Müllablagerungen abhalten“, sagt Dantinger knapp. Auf einem Schild an der Kette steht: Das Abladen von Waren ist streng verboten und wird zur Anzeige gebracht. Nur: „Das bringt bloß alles sehr wenig.“
Im Innenraum reiht sich Kleiderstange an Kleiderstange. Jacken, Hemden, Pullover, T-Shirts, Hosen, Schuhe, Schlafanzüge – alles nach Größe und Geschlecht sortiert. Im hinteren Teil hängen Accessoires und Dekoartikel, unter dem Schild „Trachtenstadl“ Dirndl und Lederhosen. Vier Euro für einen Pulli, drei für ein T-Shirt. „Jeder soll sich die Stücke leisten können“, sagt Dantinger. Neben sozialer Hilfe zählt auch Nachhaltigkeit zu den Zielen des 2008 eröffneten Ladens. Die Erlöse fließen in regionale Projekte des Roten Kreuzes. „Das Angebot kommt an – bei allen.“
Bauschutt, benutzte Babywindeln, dreckige Unterwäsche - all das wurde vor dem BRK-Laden in Marktoberdorf schon entsorgt
Vorbei an Schuhregalen und Einrichtungsgegenständen führt eine Tür in den Sortierraum. Dort stapeln sich Kisten, daneben geöffnete Säcke, Kleidung über Kleidung. Die Spenden stammen von Menschen, die ihren alten Kleidungsstücken ein zweites Leben schenken möchten. 25 Ehrenamtliche sortieren, hängen auf und zeichnen aus, sagt Dantinger, während aus der Küche Stimmen dringen.
Dort sitzen Tina Langer und eine Kollegin beim Kaffee. Beide sind schon lange im Team und helfen regelmäßig im Laden. „Man steckt sich gegenseitig an. Es ist wie ein Fieber“, sagt Langer. Die gemeinsame Pause gehört zum Alltag – zum Reden, Lachen und Kuchenessen. Ein Mal in der Woche bringt eine Ehrenamtliche Gebackenes mit. „Wir sind eine gute Gemeinschaft“, sagt Langer und nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse.
„Eigentlich läuft alles perfekt“, sagt Dantinger. Eigentlich. Hinter diesem Wörtchen stecken kaputte Kleidungsstücke, gesamte Küchenschubladen, Bauschutt, benutzte Babywindeln, dreckige Unterwäsche. All das landete immer wieder vor dem Laden – deklariert als „Spende“. Daher die Verbotsschilder an der Tür.
„Diese Ablagerungen von Müll sind ein Wermutstropfen“, sagt die Sachgebietsleiterin. Mit dem Inkrafttreten der neuen EU-Richtlinie zu Jahresbeginn habe das Problem zugenommen. Immer mehr Unbrauchbares landet vor der Tür statt im Restmüll oder am Wertstoffhof. Die Entsorgungskosten trägt das Bayerische Rote Kreuz (BRK). „Für Müll, der gar nicht unserer ist.“
Auch die Lage spielt eine Rolle. Direkt vor dem Laden können Leute anhalten, ausladen, weiterfahren. In der Nachbarstadt Kaufbeuren, wo der BRK-Laden in der Fußgängerzone liegt, passiert das kaum – zu viele Zeugen. Dantinger schaut auf die rot-weiß gestreifte Kette und seufzt. Sie ist inzwischen ramponiert, ein Standfuß fehlt. „Es ist einfach schade, dass sich manche nicht an die Regeln halten.“ Aufgeben, aber sagt sie, gilt nicht.
Für die Aktion Hoffnung in Ettringen gibt es ohnehin keine Alternative. Während andere karitative oder gewerbliche Anbieter sich vom Altkleider-Markt zurückziehen, hält man an den 2337 Sammelbehältern in Bayern fest, sagt Müller. Seit 40 Jahren sammelt und verwertet die Hilfsorganisation der Diözese Augsburg Altkleider – ihr einziges Geschäftsfeld. „Wir müssen ja weitermachen.“
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