Cold Cases, also „kalte Fälle“, sind besonders tragische Verbrechen, weil kein Täter ermittelt werden kann. Für Polizei und insbesondere Angehörige ist die Ungewissheit in solchen Fällen besonders schwierig zu ertragen. Wir stellen vier Fälle vor, die sich in der Region Schwaben und Oberbayern zugetragen haben und bis heute die Menschen beschäftigen.
Berühmter deutscher Cold Case: Hinterkaifeck
Der Kriminalfall Hinterkaifeck ist einer der berühmtesten Cold Cases Deutschlands. In der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 kam es dort auf dem gleichnamigen Einödhof zu einem Mehrfachmord an der fünfköpfigen Bauersfamilie Gruber/Gabriel und deren Magd.
Schon einige Zeit vor der Tat häuften sich rund um den Hof seltsame Vorkommnisse. Mitte März 1922 etwa wurde ein Exemplar der Münchner Zeitung gefunden, die rund um das heutige Gemeindegebiet von Waidhofen (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) in Oberbayern nicht verbreitet war. Außerdem fand Bauer Andreas Gruber einige Tage vor der Tat Fußspuren im Schnee, welche zwar zum Hof hinführten, aber nicht wieder weg. Ein Haustürschlüssel verschwand, ein Vorhängeschloss an der Motorhütte des Hofs wurde aufgebrochen und ein Rind im Stall losgebunden.
Außerdem hatten die Bewohnerinnen und der Bewohner des Hofs das Gefühl, vom Wald aus beobachtet zu werden. Nachts hörte die Familie Schritte auf dem Dachboden, konnte jedoch bei der Suche niemanden finden. Andreas Gruber weigerte sich trotz dieser Vorkommnisse, Hilfe von der Polizei oder Nachbarn anzunehmen.
Am Nachmittag des 31. März 1922 kam die neue Dienstmagd der Grubers, Marian Baumgartner, auf dem Hof an. Nur wenige Stunden danach war sie, ebenso wie das Ehepaar Andreas und Cäzilia Gruber, deren verwitwete Tochter Viktoria Gabriel und die Enkelkinder Cäzilia und Josef tot. Am 4. April wurden die Leichen schließlich entdeckt. Alle sechs Personen wurden erschlagen, vermutlich mit einer Kreuzhacke.
Tatverdächtige gab es einige, unter ihnen ein angeblich psychisch gestörter Bäcker, der aus der Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Günzburg geflohen war, zwei Tagelöhner aus Sattelberg, die als gewalttätig beschrieben wurden und ein Mann aus Deinhausen, der 1935 gegenüber seiner Tochter ein Geständnis abgelegt haben soll. Diese zeigte ihren Vater daraufhin an, er leugnete jedoch Tat und Geständnis. Anhaltspunkte für eine Täterschaft gab es nicht.
Verdächtigt wurde auch Lorenz Schlittenbauer, Ortsvorsteher von Gröbern. Auch heute gilt er noch als einer der Hauptverdächtigen. Er hatte ein Verhältnis mit Viktoria Gabriel, galt als möglicher Vater ihres Sohnes Josef. Diese Vaterschaft erkannte er zwar nach mehrmaligen Widerrufen an, zahlte jedoch nie Unterhalt. Verdächtig war er vor allem, weil er immer wieder Andeutungen bezüglich der Morde machte. Er verklagte vor seinem Tod mehrere Personen deswegen wegen übler Nachrede.
Zu den Motiven gibt es ebenfalls verschiedene Theorien. Die Familie war angeblich wohlhabend, neben einem beträchtlichen Barvermögen besaß sie etwa 17 Hektar Land und relativ viel Vieh. In der Dorfgemeinschaft Gröbern galt die Familie als geizig, beschäftigte oft illegal und nur für kurze Zeit umherziehende Hilfsarbeiter.
Dazu kam das inzestuöse Verhältnis zwischen Andreas Gruber und seiner Tochter Viktoria. Beide waren 1915 deshalb bereits verurteilt worden – der Vater zu einem Jahr Zuchthaus, die Tochter zu einem Monat Gefängnis. Es gab Gerüchte, der 1919 geborene Sohn sei nicht von Lorenz Schlittenbauer, sondern von Andreas Gruber.
Das tatsächliche Motiv und der oder die Mörder sind jedoch bis heute unbekannt.
Seit mehr als 7 Jahren gibt es keine Spur des Lehrers Helmut Strigl
Im Juni 2018 wurde der ehemalige Lehrer Helmut Strigl aus Trugenhofen, ebenfalls im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, zuletzt von seinen Nachbarn gesehen. Zum damaligen Zeitpunkt war Strigl gerade erst seit fünf Monaten aus dem Lehrerberuf ausgeschieden, galt als zurückgezogen.
Vielleicht dauerte es auch deshalb dreieinhalb Jahre, bis eine Cousine Strigls endlich Vermisstenanzeige aufgab und der Fall ins Rollen kam. Niemand schien ihn in all dieser Zeit vermisst zu haben, obwohl der damals 66-Jährige in Trugenhofen bekannt war, dort 30 Jahre Lehrer an der Grund- und Hauptschule war und oft im Café Göbel in Neuburg einkehrte, wo er einen Zweitwohnsitz hatte.
Die Ermittlungen ergaben, dass Strigl 2011 nach einer Alkoholfahrt seinen Führerschein abgeben musste. Er behielt sein Auto, suchte sich per Annonce einen Fahrer. Ein Osteuropäer, etwa 30 Jahre jünger als Strigl, übernahm nicht nur Fahrten für Helmut Strigl, sondern soll ihm auch anderweitig unter die Arme gegriffen haben. Ihm wurde nachgewiesen, Strigls Bankkonto abgeräumt und regelmäßig dessen Unterschrift gefälscht zu haben. Hat er etwas mit dem Verschwinden des älteren Mannes zu tun? Beweise gibt es dafür nicht, jedoch wurde der Rumäne inzwischen wegen gewerbsmäßigen Betruges zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt.
Eine heiße Spur zum Verbleib Helmut Strigls fehlt bis heute. Auch die Abhandlung des Falles in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ konnte daran nichts ändern – obwohl über 30 neue Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen waren.
Wurde sie Opfer eines Serienmörders? Lisa Vopper aus Augsburg
20 Jahre alt war Lisa Vopper, als sie am 14. Mai 1969 zu einem frühen Spaziergang im Gögginger Wäldchen aufbrach. Später hätte sie ihren Dienst als Kinderkrankenschwester in Ausbildung im Augsburger Kinderkrankenhaus Josefinum antreten sollen. Stattdessen fand die Polizei gegen 11 Uhr ihre fast vollständig entblößte Leiche. Lisa Vopper war erwürgt worden, im Anschluss wurde ihr mit einem Messer die Halsschlagader durchtrennt.
28 Zeugen sollen den Mörder an jenem Morgen gesehen haben. 15 von ihnen konnten eine detaillierte Beschreibung des Täters liefern. Ein blaues Rad und ein Fernglas soll er dabeigehabt haben. 3000 Fahndungsplakate und tausende Handzettel in insgesamt sechs Sprachen verteilte die Polizei. 1200 Menschen wurden überprüft, 150.000 Fingerabdrücke genommen. Doch der Täter wurde nicht gefunden.
1970 berichtete Der Spiegel, Vopper sei Opfer eines Serienmörders. Ein amerikanischer Soldat stand unter Verdacht, zehn Frauen getötet zu haben, konnte jedoch nicht überführt werden. Insgesamt wurden zwischen 1963 und 1975 14 Frauen in Augsburg ermordet. Ob sie alle demselben Täter zum Opfer fielen, ist unbekannt. 2009 untersuchte die Operative Fallanalyse München den Fall und fand Parallelen zu zwei Fällen aus Ravensburg und Sonthofen, wo 1968 zwei Frauen auf dieselbe Weise ums Leben kamen wie Lisa Vopper. Dennoch bleibt der Fall auch nach 56 Jahren ungelöst.
Simone Langer aus Donauwörth wurde vor 42 Jahren getötet
Es war der 29. Juli 1983, als die damals 15-jährige Simone Langer aus Donauwörth in der Nacht von Wörnitzstein aus nach Hause radeln wollte. Dort hatte sie einen Freund besucht, der am nächsten Tag 16 Jahre alt wurde. Simone wollte mit ihm „reinfeiern“. Doch in ihrem Elternhaus kam sie nie an, ihr Vater bemerkte ihr Fernbleiben um 2.30 Uhr, als er wegen eines Gewitters aufgewacht war. Am Morgen meldete er seine Tochter als vermisst.
Ihr Fahrrad und eine Plastiktüte mit Gegenständen Simones wurde Tags darauf an der Bundesstraße 2 am Ortseingang von Donauwörth gefunden. An derselben Stelle hatten Zeugen in der Tatnacht Hilferufe gehört und einen weißen Kastenwagen gesehen.
Zwei Monate nach ihrem Verschwinden wurde Simones Leiche in einem Wald bei Allersberg (Landkreis Roth) gefunden – 80 Kilometer von Donauwörth entfernt. Der Täter konnte nicht ermittelt werden, auch nicht nachdem der Fall am 23. Februar 2022 in „Aktenzeichen XY... ungelöst“ noch einmal der Allgemeinheit vorgestellt worden war.
Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Archiv, wir wollen Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er am 24. August 2025 veröffentlicht.
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