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„Vom Gelernten bleibt kaum etwas“: Wie nützlich ist das Sitzenbleiben in der Schule?

Bildung

„Vom Gelernten bleibt kaum etwas“: Wie nützlich ist das Sitzenbleiben in der Schule?

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    Mathematik war für unsere Leserin Stefanie Mayr ein Graus.
    Mathematik war für unsere Leserin Stefanie Mayr ein Graus. Foto: Patrick Pleul, dpa (Symbolbild)

    Hamburg hat das Sitzenbleiben in der Schule schon lange abgeschafft und durch Förderunterricht ersetzt, in Bremen können Schülerinnen und Schüler freiwillig ein Jahr wiederholen, müssen aber nicht. Bayern jedoch hält an der „Ehrenrunde“ fest, wenn die schulischen Leistungen nicht für die nächste Jahrgangsstufe genügen. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband möchte die „Ehrenrunde“ jetzt reformieren, sodass man nur die Fächer wiederholt, in denen die Probleme am größten sind. Der Vorschlag wird kontrovers diskutiert, auch unter unseren Leserinnen und Lesern. Hier eine Auswahl der Reaktionen.

    Stefanie Mayr, Augsburg: „Ich bin ab der Grundschule jedes Jahr knapp am Sitzenbleiben vorbeigeschrammt. Bei mir wurde als Kind ADHS diagnostiziert und ich habe mir total schwergetan, dem Unterricht zu folgen – besonders in Mathematik. Im Nachhinein denke ich: Es wäre besser gewesen, wenn ich einmal wiederholt hätte. Zum Beispiel in der dritten Klasse, wo ich den Druck als besonders groß empfand. Dieser Druck wäre dann sicher etwas gesunken, ich hätte einfach mehr Zeit zum Verstehen gehabt. Ein Jahr länger in der Schule zu sein – auf ein ganzes Leben gerechnet, ist das doch nicht viel. Freiwillig wiederholen wollte ich nicht, es fühlt sich ja schon erstmal doof an und man ist weg von seinen Freunden.“

    Dieter Albert Schwarz, Memmingen: „Wenn der BLLV das Sitzenbleiben reformieren will, ist das durchaus ein guter Ansatz. Doch die Umsetzung scheitert am Lehrermangel. Jahrelang wurde vor dem Lehramtsstudium für Gymnasien vom Kultusministerium gewarnt, heute zahlen wir, vor allem eben die Kinder, die Zeche. Das Übel muss von der Wurzel her angepackt werden. Viel zu viele anderweitig begabte Schüler werden ins Gymnasium gedrückt, werden mangels der Anforderungen eines Gymnasiums zu den Unterrichts-störenden Kasperl oder ziehen sich einfach ganz zurück. Als Pädagoge bringt man Geduld auf, macht aber die schlechten Schüler nicht zu besseren, nein im Gegenteil, die guten werden durch Unterforderung schlechter. Ein guter Handwerker steckt von den Finanzen her jeden nur mäßigen Akademiker in den Sack. Nicht allein das Gymnasium bringt Heil und Lebensqualität.“

    Mangelhaft? Das sollte nicht zu oft im Zeugnis stehen, sonst ist das Vorrücken höchst gefährdet.
    Mangelhaft? Das sollte nicht zu oft im Zeugnis stehen, sonst ist das Vorrücken höchst gefährdet. Foto: Ina Fassbender, dpa

    Hans Meck, Günzburg: „Sitzenbleiben ist Sitzenbleiben und muss so auch weiterhin Bestand haben. Ein großes Problem in diesem Zusammenhang ist unser Bildungssystem und der Bildungsstand vieler Schüler und Schülerinnen. Bereits in der Grundschule müsste viel mehr auf Bildung und Leistung abgestellt werden. Denn dann könnten die Schüler mit einem entsprechend fundierten Bildungsstand die Schulart und gegebenenfalls auch aufs Gymnasium wechseln. Dann wären die Probleme auf weiterführenden Schulen und die Zahl der Sitzenbleiber geringer. Ein guter Hauptschulabschluss mit einer erfolgreichen Lehrzeit ist heutzutage oftmals mehr wert als ein mittelmäßiger oder gar schlechter Gymnasialabschluss.“

    Rolf Munz, Mauerstetten: Der jüngste Vorschlag des BLLV, der sich an Österreich orientiert, ist gut gemeint, gleichermaßen richtig und falsch. Falsch, weil er die Schüler nach wie vor zuerst in den Brunnen des Sitzenbleibens fallen lässt. Gut, weil er für die Wiederholer zumindest eine gezielte Förderung vorsieht. Wann begreift man bei uns endlich, dass es im Sinne einer menschenwürdigen Pädagogik und auch eines sinnvollen und nachhaltigen Einsatzes finanzieller Ressourcen zwingend angezeigt ist, bei den Lernproblemen dann mit Fördermaßnahmen anzusetzen, wenn diese erstmals sichtbar werden? In Finnland, Kanada und anderen Ländern wird das unter dem Motto „No child left behind“ (Kein Kind wird zurückgelassen, Anmerkung d. Redaktion) längst präventiv praktiziert! Bei uns klammert man sich ans Sitzenbleiben, weil den Schülern unterstellt wird, sie würden ohne dieses Instrumentarium nichts mehr leisten. Vermeidungsangst als Lernmotivation – wie auch bei Exen! Kein Wunder, dass von dem unter solchen Bedingungen Gelernten kaum etwas dauerhaft bleibt.

    Bernd Kuhnle, Augsburg: „Wissenschaftlich kann man klar sagen, dass die wichtigsten Faktoren auf die Qualität eines Bildungssystems folgende sind – positiv: summatives Feedback, Schüler-Lehrer-Beziehung und die Organisation der Lernumgebung. Negativ: frühe Trennung und Nichtversetzung. In Deutschland haben wir formatives Feedback, eine Lehrerausbildung mit Fokus aufs Fachdidaktische anstelle der Organisation der Lernumgebung und Feedback-Kompetenz und halten weiter am Sitzenbleiben fest. Aber Hauptsache, der Umfang des Religionsunterrichts wird bloß nicht angetastet …“

    Eva-Maria Lorenz: „Wenn alle Schülerinnen und Schüler beziehungsweise in erster Linie deren Eltern die für sie geeignete Schulart wählen würden, gäbe es solche Probleme nicht. Wenn jedoch alle Kinder auf das Gymnasium gehen müssen, werden sich solche Probleme nie vermeiden lassen.“ 

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