Es ist später Nachmittag und nach rund sieben Stunden Sitzung wirkt Bayerns Parlament ermattet. Sogar der Applaus für die eigenen Matadore fällt lasch aus. Fabian Mehring aber hängt sich am Mikrofon richtig rein. Der Zeigefinger sticht in die Luft, die Handkante saust in Richtung Rednerpult, als müsste er die Argumente der gegnerischen Seite kurz und klein hauen. Jede wichtige Silbe wird akkurat betont. Dabei ist diese Debatte in etwa so kontrovers wie die Verlesung des Wetterberichts.
Am Ende werden alle Fraktionen zustimmen, sogar die AfD ist dabei. Bayerns Landtag findet Brüssels Pläne für eine anlasslose Chatkontrolle hirnrissig und niemand kann die Gründe schöner erläutern als der Digitalminister von den Freien Wählern. Verstoß gegen die Grundrechte, Gift für eine Zukunftstechnologie, Nährboden für Verschwörungstheorien und natürlich die zwei Diktaturen auf deutschem Boden: Mehring zeichnet das ganz große Bild, vergisst auch sein eigenes Wirken als Minister nicht. Und das Ganze in nicht mal fünf Minuten. Das muss man erst mal können. Mehring kann.
Fabian Mehring, Doktor der Politikwissenschaft, erst 36, schon Minister und seit sieben Jahren Abgeordneter im Landtag. Viele halten ihn für den kommenden Mann bei den Freien Wählern, ganz sicher ist er ein Gegenentwurf zu Parteichef Hubert Aiwanger. Während der niederbayerische Landwirt Aiwanger bei protestierenden Bauern in seinem Element ist, versucht der schwäbische Lehrerssohn Mehring, der aus einem Dorf bei Meitingen kommt, das städtische Publikum anzusprechen, das so gar nicht wie die Stammkundschaft seiner Partei wirkt. Geht das zusammen - oder steuert der Überflieger aus dem Kreis Augsburg auf eine Bruchlandung zu?
Will Fabian Mehring Hubert Aiwanger stürzen?
Das Licht ist schummrig in der kleinen Bar, die Kleidung lässig, die Konversation oft in Englisch. Vor der Tür nimmt der Minister ein Handyvideo auf, der Interviewer hat sich dafür in stockfinsterer Nacht eine grüne Pixel-Brille aufgesetzt. Sieht ein bisserl nach Fasching aus, dient aber wohl dem Wiedererkennungswert, weil ihr Träger – Marc Bosch heißt er – in Neufahrn Bürgermeister werden will. Das Treffen der Games Bavaria Munich, der Interessensvertretung der bayerischen Spieleentwickler, hat was von einem Studentenabend. Doch die Branche macht längst riesige Umsätze.
Mittendrin der Fabi, wie ihn einige nennen. Mehring hat die Ärmel hochgekrempelt, eine kleine Rede gehalten, Umarmungen ausgetauscht. Dass er gerade eine Verdopplung der staatlichen Förderung auf 13 Millionen Euro verkündet hat, hat der Stimmung nicht geschadet. Vor zehn Jahren hätten Beamte im Wirtschaftsministerium die Games-Branche nicht mal mit Kneifzange angefasst, erzählt Hendrik Lesser. Er ist als Geschäftsführer von Games Bavaria so was wie der Chef-Lobbyist der Branche in Bayern und vom aktuellen Digitalminister sehr angetan. „Der Fabian ist so nahbar.“ Ein anderer Gast, die Baseballmütze schief auf dem Kopf, ruft: „Der Fabi wird Präsident.“ Wovon, lässt sich nicht mehr klären. Dass Mehring einer von Aiwangers Freien Wählern sein soll, löst in dieser Runde gelindes Amüsement aus. „Der passt doch eher zur FDP,“ sagt einer, „oder zu den Grünen.“
In diesem Moment würde Mehring mutmaßlich zu einer ausführlichen Gegenrede ansetzen. Allein, er hat es nicht gehört. Im Trubel ist er auf einen Spiele-Entwickler aus der Ukraine gestoßen. Der hat auf seiner heimischen Behörden-App fürs Handy Ausweise, Zeugnisse, Steuernummer und so weiter. Der Digitalminister ist begeistert. So was hätte er auch gern in Bayern, ach was, Deutschland. Mehring kann das: Er gibt seinen Gegenübern das Gefühl, dass er sich wirklich für sie interessiert. Was er nicht kann, sagen viele, die ihn gut kennen, ist geduldig sein.
Was Fabian Mehring und Markus Söder gemeinsam haben
In früheren Jahren wurde Mehring, der heuer erstmals Papa geworden ist, gelegentlich mit dem jungen Markus Söder verglichen. Ähnlich forsch, immer für eine Provokation gut - aber im richtigen Moment an die Machtverhältnisse angepasst. Mit dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef teilt er die Vorliebe für eingängige Formulierungen. Der Staat wird beim Digitalminister zur „Heimat von Fax und Funkloch“, einen altgedienten CSU-Landtagsabgeordneten hat er mal als „bestbezahlten Postboten Bayerns“ abgekanzelt. Bei seinem raschen Aufstieg auf etlicher Leute Zehen getreten.
Im Frühjahr, schien es, legte er sich sogar mit Parteichef Aiwanger an. Dieser hat die Freien Wähler stramm nach rechts geführt – was beileibe nicht jedem in der Partei gefällt. Der in seinen Aussagen deutlich liberalere Mehring sieht die Zukunft der FW links von der CSU, eine Art bayerische CDU sollen sie werden, auch in den Großstädten kompatibel und eine zweite Volkspartei. Sägt da einer am Stuhl von Aiwanger? Der König der Bierzelt-Rede hat die Freien Wähler groß gemacht, zuletzt hat sein Nimbus aber Kratzer bekommen. Die Bundestagswahlen waren ein Desaster, im Streit mit der CSU um neue Staatsschulden spielte Aiwanger zunächst den wilden Mann und gab dann klein bei. Die Zustimmungswerte für die Partei waren schon besser.
Kurz vor der Landesversammlung der FW am Samstag in Straubing will Mehring nichts von einem Dissens wissen. „Ich kann mit keiner Königsmord-Geschichte dienen.“ Möglicherweise wird er für einen Stellvertreter-Posten im Vorstand kandidieren. Der 36-Jährige weiß genau, dass die Freien Wähler Aiwanger allein wegen seiner Bekanntheit brauchen. In einer Volkspartei sei für Aiwanger und ihn Platz, sagt Mehring: „Zwischen Hubert und mir gibt es keinen Streit.“ Auch Aiwanger sei klar: „Wenn wir statt elf Prozent 20 haben wollen, müssen wir uns neue Wählerschichten erschließen.“ Dass er eines Tages selbst Chef der FW werden möchte, könne er nicht ausschließen, sagt Mehring, aber: „Ich bin nicht darauf festgelegt, mein ganzes Leben lang Politik zu machen.“ Falls doch, hat er seine Ambitionen in früheren Interviews klar formuliert: „Wer in der Politik ist und nicht in eine Funktion möchte, in der man Einfluss hat und gestalten kann, muss sich fragen lassen, warum er überhaupt in der Politik ist.“
An Selbstbewusstsein hat es ihm nie gefehlt. Als Jungspund ernannte er sich kurzerhand zum „Nachwuchstalent der Freien Wähler in Schwaben“ und schaltete sich über damals noch eigenhändig verfasste Pressemitteilungen in Diskussionen ein. 2013 kandidierte er erstmals (noch erfolglos) für den Landtag, es folgten die ersten kommunalen Mandate, 2018 der Einzug in den Landtag.
So begann die steile Karriere von Fabian Mehring
Fraktionschef Florian Streibl machte ihn gleich zum Parlamentarischen Geschäftsführer der FW-Fraktion, die als Partner der CSU erstmals in die Landesregierung einzog. Die ansonsten obligatorische Eingewöhnungszeit als Hinterbänkler ließ der damals 29-Jährige aus, stattdessen jazzte er seinen Posten kurzerhand zum „regierenden Mitglied der bayerischen Koalition“ hoch und bastelte weiter entschlossen an der Karriere, da konnten ihn auch kurzzeitige Rückschläge wie ein verpasstes Direktmandat bei den Landtagswahlen 2023 nicht bremsen. Aiwanger machte Mehring, der seinen Chef in der Flugblattaffäre vehement verteidigt hatte, zum Minister.
Dass sein Digitalministerium damals ein Minihaus mit knapp 200 Beschäftigten und einem Etat von 120 Millionen Euro war, ficht Mehring nicht an. Jeder Hausmeister in der Staatskanzlei habe mehr zu sagen als der Digitalminister, lästerte unlängst der stellvertretende Fraktionschef der Grünen, Johannes Becher. Doch wo andere Beschränkungen sehen, erkennt Mehring politisches Potenzial. Er reklamierte für sein Haus schon beim Amtsantritt die Position des Zukunftsministeriums und für sich die Rolle des digitalen Revoluzzers im Anzug. Dem heutigen Kanzler attestierte er vor den Bundestagswahlen, der falsche Kandidat für den Job zu sein. Nachdem Friedrich Merz dem bayerischen Kabinett auf der Zugspitze die Aufwartung gemacht habe, jubilierte dessen jüngstes Mitglied: „Merz ist richtig stark.“
Kaum einer kennt den Politiker Fabian Mehring so wie Johann Häusler. Der 73-Jährige war lange der führende Kopf der Freien Wähler im Kreis Augsburg. Mehring war zuerst sein Schützling, später Angestellter, dann der Kollege, mit dem er das Büro teilte. „Wir hatten acht gute Jahre, in denen wir voneinander profitiert haben“, sagt Häusler. Er sei für die traditionelle Klientel der Freien Wähler die Identifikationsfigur gewesen – sein junger Kompagnon sprach die Jugend an und war die Abteilung Attacke. Häusler rühmt Mehrings politisches Gespür für Themen, sein Können als Redner und seine Fähigkeit, Bündnisse zu schmieden. Er weiß aber auch, wie es ist, Mehring im Weg zu sein: „Niemand hat mich in meinem Leben so sehr gedemütigt wie er. Das hat mich echt aus den Socken gehauen.“
Die Geschichte ist schnell erzählt: Junger Politiker will Stimmkreis von älterem, der aber gerne noch weitermachen würde und sich aufgrund seiner Verdienste sicher wähnt. Dass das ein Trugschluss ist, wird Johann Häusler in einer entscheidenden Sitzung klar. Mehring hat seine Truppen längst beinander. Häusler, damals immerhin stellvertretender Fraktionschef seiner Partei im Landtag, zieht sich resigniert in den Ruhestand zurück. Von dort aus beobachtet er, wie sein einstiger Schützling die Karriereleiter nach oben steigt, Verbindungen knüpft, Anhänger in Position bringt. Will Mehring Chef der Freien Wähler werden? „Davon gehe ich aus“, sagt Häusler. „Durchsetzungsstärke, Rhetorik, Rücksichtslosigkeit: Er hat alles, was man dazu braucht.“
Fabian Mehring und sein riskantes Spiel in Augsburg
In Augsburg will Mehring als Bezirkschef seiner Partei den Beweis antreten, dass die Freien Wähler auch in großen Städten Erfolg haben können. Rein rechnerisch ist dort viel zu holen, weil die Ergebnisse weit hinter dem Landesschnitt zurückbleiben. Bei den Landtagswahlen, als die FW mit fast 16 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis einfuhren, gab es in Augsburg, München oder Würzburg bestenfalls die Hälfte. In Bamberg immerhin wurden sie knapp zweistellig. Da ist es noch ein weiter Weg hin zu zweiten Volkspartei.
Der Start für die Aufholjagd bei den Kommunalwahlen in Augsburg verlief holprig. Das angedachte Bündnis mit anderen Gruppierungen zerbrach unter lautem Geschrei, der ausgeguckte OB-Kandidat, der Aiwanger-Sprecher Jürgen Marks, wollte letzten Endes nicht. Mit dem ehemaligen Weltklassekanuten Hannes Aigner präsentierte Schwabens Bezirkschef flugs einen Ersatz und gibt sich ansonsten unbeeindruckt. Die Kandidatenliste für den Stadtrat sei so stark, dass man zwangsläufig Erfolg haben werde. Dass so ein Neustart ein paar unschöne Nebengeräusche auslöst, gehöre dazu. Mehring weiß aber auch: Endet das Unternehmen im Graben, wird es auch in den eigenen Reihen Schadenfreude geben.
Es wäre nicht die erste Augsburger Wahl, bei der Mehring scheitert. 2012 wollte er bei einer Veranstaltung in Sankt Anna zum Landesvorsitzenden des Partei-Nachwuchses gewählt werden. Aiwanger höchstselbst hat das damals verhindert, heißt es. „Der Kerl ist gefährlich“, soll Aiwanger gesagt und dafür gesorgt haben, dass zwei Busse mit Stimmberechtigten aus Niederbayern nach Augsburg fuhren. Prompt verlor Mehring die Wahl. Gebremst hat es ihn nicht.
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