Im „Haus Isar“ und im „Haus Donau“ ist es angenehm warm, gefühlt jedenfalls. Denn man hat ja kein Thermometer mit und misst die Temperatur in diesem weitläufigen Gebäudekomplex des Bayerischen Rundfunks, in dem unter anderem die Büros von Informationsdirektor und Chefredakteur sind. Aus den Redaktionen und Studios hier in München-Freimann kommt so einiges, was der Rundfunkbeitrag hergibt. Manches Mal – das mag man an diesem frischen Herbsttag gar nicht glauben – wird es hitzig. Und bisweilen scheint alles heiß zu laufen im komplexen System öffentlich-rechtlicher Rundfunk und den Debatten darüber.
Gecancelt? Die „Causa Ruhs“ wurde in rasendem Tempo zum Politikum
Wie kürzlich, nachdem die in diesem Fall kooperierenden Sender BR und NDR mitgeteilt hatten, die 31-jährige BR-Journalistin Julia Ruhs werde nach drei Pilotfolgen die Sendung „Klar“ nicht länger im NDR präsentieren, bleibe jedoch „Teil des Moderationsteams“ der vom BR produzierten künftigen Ausgaben. Die Personalie wurde in rasendem Tempo zum Politikum. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sagte in eine Kamera des Springer-Kanals Welt TV mit ernster Miene: „Dass jetzt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bereits Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen ausgeschlossen werden, weil sie vielleicht dem einen oder anderen zu konservativ erscheinen, das ist ein Tiefpunkt.“ Linnemann, und das fand selbst Ruhs überzogen, forderte: „Wir frieren die Gebühren auf dem jetzigen Niveau bis auf Weiteres ein, damit endlich Druck entsteht, damit Reformen passieren.“
Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk – nicht zuletzt um seiner Akzeptanz und zum Nutzen der Demokratie willen – reformiert werden muss, dürfte Konsens sein und ist politisch beschlossen. Weniger soll mehr sein. Weniger Programme, mehr Zusammenarbeit, weniger Konkurrenz zu privaten Medienunternehmen, mehr öffentlich-rechtliches Profil. Aber mehr Reformdruck wegen weniger Ruhs?
Nius, das rechtspopulistische Krawallportal um Ex-Bild-Chef Julian Reichelt, und ähnliche Medienangebote ließen nicht nach, die Debatte zu befeuern. Es war ein Feuer, das sich immer wütender durch Debatten-Deutschland fraß. Ging schließlich wieder um alles und das ganz grundlegend: ARD, ZDF und Deutschlandradio seien „linksgrün“, machten bestimmte Themen (Gendern) zu groß und bestimmte andere Themen (Ausländerkriminalität) zu klein, würden ihrem gesetzlichen Programmauftrag, der sie zu Objektivität, Unparteilichkeit, Meinungsvielfalt und Ausgewogenheit verpflichtet, nicht gerecht, und „cancelten“ eben konservative Stimmen wie die von Julia Ruhs.
Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk so? Hat er ein Problem mit Ausgewogenheit und Binnenpluralismus? Fehlt es ihm an Perspektivenvielfalt? Um Antworten zu erhalten, kann man mit aktuellen und früheren Programmverantwortlichen, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit Expertinnen und Experten sprechen. Kann Studien lesen und sich durchs beitragsfinanzierte Angebot zappen, klicken, wischen. Und man kann den BR in München-Freimann besuchen.
In einem wohlig temperierten Büroraum von BR-Programmdirektor Information, Thomas Hinrichs, geht es auch gleich um Gefühliges angesichts des verbreiteten Eindrucks, das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen schwinde massiv. Auch wegen einer „Causa Ruhs“. Hinrichs war vor seiner BR-Zeit Zweiter Chefredakteur der Gemeinschaftsredaktion „ARD-aktuell“ mit Sitz beim NDR in Hamburg, er hat Ruhs als Volontärin, also Auszubildende, mit ausgewählt. „Manchmal fragt man sich: Wie kommt man dagegen an? Es ist eine gefühlte Wahrnehmung“, sagt er. Gewissermaßen mit kühlem Kopf. „Wenn es nur um die Fakten ginge, hätten wir kein Problem. Der Eindruck herrscht nun mal aber vor.“ Deshalb müsse man darauf achten, die hohen journalistischen Standards zu halten. Vor allem die erste Folge von „Klar“ über Ausländerkriminalität war vielfach als einseitig bemängelt worden. Die Kritik teilten einige auch im BR.
Studien zeigen: Die Öffentlich-Rechtlichen werden positiver wahrgenommen, als es manche erhitzte Debatte nahelegt
Die WDR-Studie zur Glaubwürdigkeit, die ARD-Akzeptanzstudie, die Zusammenhaltsstudie von ARD, ZDF und Deutschlandradio, eine Studie der Uni Mainz – an Fakten mangelt es nicht. Demnach erreichen die Öffentlich-Rechtlichen hohe Werte in Sachen Glaub- und Vertrauenswürdigkeit. Sie werden positiver wahrgenommen, als es manche erhitzte Debatte nahelegt.
Trotzdem zeigt der Blick in eine der Studien, und das muss alarmierend für sämtliche Verantwortungsträger sein, einen erheblichen Sinkflug der Werte zwischen Ende 2019 und Frühjahr 2025 bei der Frage, ob man die Berichterstattung für sehr oder eher ausgewogen halte. Eine andere hat zum Ergebnis, dass sich weniger als die Hälfte der Befragten in den Angeboten der ARD repräsentiert sehen. In einer dritten, die der Uni Mainz, heißt es über neun im Jahr 2023 untersuchte Nachrichtenformate: Während „heute“ (ZDF) oder BR-Nachrichten zu den ausgewogensten Medien zählten, befanden sich RBB- oder WDR-Nachrichten „deutlich weiter von der Mitte entfernt“.
Hinrichs sagt: Eine Vielfalt der Perspektiven sei notwendig, um die Gesellschaft in ihrer Breite abzubilden. Das sei nur möglich, wenn man auch intern eine Vielfalt der Perspektiven habe. Im BR fange diese mit der Auswahl der Volontäre an – und sie endet nicht mit der Gästeauswahl von Talksendungen wie der „Münchner Runde“.
Auf die bereitet sich gerade Chefredakteur Christian Nitsche vor. Er moderiert den Polit-Talk, der an diesem Abend eine besondere Herausforderung sein wird. Erstmals ist AfD-Chef Tino Chrupalla zu Gast. Die vom Verfassungsschutz teils als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestufte Partei schrieb in ihr Bundestagswahlprogramm 2025, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse „entideologisiert werden“. Aus ihren Reihen dröhnt es seit Jahren: „Staatsfunk!“
Dass Chrupalla auftritt, ist im Sender nicht unumstritten. Hinrichs und Nitsche haben dazu eine klare Meinung. „Wir müssen uns auch mit denen an einen Tisch setzen, mit denen wir nicht so gern ein Bier trinken würden – weil sie uns abschaffen wollen. Deswegen haben wir auch Tino Chrupalla in der Sendung“, erklärt Hinrichs. „Die AfD ist nicht verboten, also müssen wir mit ihren Vertretern reden. Wir müssen uns mit ihren Positionen kritisch journalistisch auseinandersetzen – dazu verpflichtet uns unser Auftrag, und das war auch immer schon unsere Position beim BR.“ An diesem Abend ist das Nitsches Auftrag. Bis dahin studiert er in seinem Büro die Unterlagen, die ihm die Redaktion zusammengestellt hat. Schlüsselwörter markiert er fett mit Neonmarker, einzelne Passagen lernt er auswendig. Während der Sendung werden fünf DIN-A4-Blätter vor ihm liegen.
Die „Münchner Runde“ beginnt – und alle arbeiten sich an AfD-Chef Tino Chrupalla ab
Die „Münchner Runde“ beginnt um 20.15 Uhr, live und ein paar Meter neben Haus Isar in „Studio FM 1“. Sie beginnt turbulent. „Angst vor Eskalation – wie gefährlich ist Putin?“, ist das Thema. Mit Tino Chrupalla, Deutschlandflagge am Revers, diskutieren: Manfred Weber, CSU, André Wüstner, Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbands, Professor Peter R. Neumann, Politikwissenschaftler, und Gesine Dornblüth, ehemalige Auslandskorrespondentin in Moskau. An Chrupalla richtet sich Nitsches zweite Frage: „Ist Putin Diktator, Aggressor und Kriegsverbrecher?“ Chrupalla: Putin sei Präsident einer Weltmacht und dementsprechend habe man ihm mit Respekt entgegenzutreten. Nitsche hakt nach. Es passiert, was oft passiert: Die Runde arbeitet sich am AfD-Vertreter ab.
Durcheinandergerede. Aus der Regie bekommt Nitsche von seinem Redaktionsleiter Hinweise „aufs Ohr“: „Lass den Neumann einfach reagieren!“, „Geh‘ auf die Drohnen!“. Vor der Sendung sagte Nitsche: „Ich bin kein Moderator, der sich in den Vordergrund spielt.“ Nun greift er ein: „Herr Chrupalla, jetzt lassen Sie Herrn Weber ausreden!“ Es passiert noch etwas: Neumann gibt Chrupalla gelegentlich recht, zum Beispiel auf dessen Frage hin, ob man einen Beweis habe, dass es russische Drohnen am Frankfurter und Münchner Flughafen waren. Man könne das nicht gerichtssicher nachweisen, sagt Neumann, man erkenne aber ein Muster.
Wie ausgewogen ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk? Zu erleben ist zumindest: Viele Leute machen sich darüber viele Gedanken in den Funkhäusern der Republik. Beim BR unter anderem in der Abteilung Portfoliomanagement, einem zehnköpfigen Team, das die Programmdirektoren und Redaktionen hinsichtlich des Programm- und Themenangebots berät. Auch zwei grundverschiedene, meinungsstarke Männer haben zur Ausgewogenheit eine Meinung: Sigmund Gottlieb und Leonhard Dobusch.
Gottlieb, einst Chefredakteur des BR Fernsehens und Moderator der „Münchner Runde“, galt als „die konservative Stimme der ARD“. Seit acht Jahren ist er im Ruhestand, der Ruf nach einem „neuen Gottlieb“, den die ARD gebrauchen könne, erschallt bis heute. Allerdings nicht in Haus Isar und in Haus Donau. Gottlieb lobt Julia Ruhs, vor wenigen Tagen präsentierte der 74-Jährige mit ihr deren Buch „Links-grüne Meinungsmacht“ in München. Dobusch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck, wissenschaftlicher Leiter einer gewerkschaftsnahen Denkfabrik und seit Juni Mitglied des Stiftungsrats des ORF. Zuvor gehörte er dem ZDF-Fernsehrat und dem ZDF-Verwaltungsrat an. Ruhs sieht er kritisch.
Die beiden sind sich überraschend einig: Es müsse innerhalb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mehr Binnenpluralismus, ein Mehr an Perspektiven- und Meinungsvielfalt herrschen und dies müsse sichtbarer werden. Zugleich müsse gelten: „Transparenz im Umgang mit Daten, Quellen, Recherchen – und mit Haltungen. Das ist ehrlicher als zu behaupten, Haltungen würden keine Rolle spielen, etwa bei der Auswahl eines Themas oder seiner Bearbeitung und Aufmachung.“ So sagt es Dobusch während eines Anrufs, Gottlieb sagt am Telefon: „Ein linker Journalist muss nicht automatisch links sein, wenn er seinen Job ernst nimmt – und umgekehrt.“ Das Thema treibt beide hörbar um.
Wann es mit der Sendung „Klar“ von Julia Ruhs im BR weitergeht
Und Julia Ruhs? Die Debatte über „Klar“ ist sicher nicht die letzte, die für erhitzte Gemüter sorgen wird. Möglich, dass die Moderatorin mit den „moderaten konservativen Positionen“ (Ruhs über Ruhs) bald erneut im Zentrum steht. Der BR, sagte Hinrichs am Vormittag, sei dabei, ein eigenes redaktionelles Team mit ihr aufzubauen. Einen Sendetermin gebe es bislang nicht, 2026 solle es losgehen. Er sagte, dass „Klar“ im Wesentlichen ein Reportageformat bleibe, das er sich „noch reportagiger vorstellen“ könne. Er sagte: „Ich hätte nichts dagegen, wenn sich andere Landesrundfunkanstalten an ,Klar‘ beteiligten, mit eigenen Ausgaben und vielleicht einem dritten oder vierten Moderator aus anderen Teilen des Landes, gerade aus dem Osten oder Westen.“
Es ist spät geworden, kühl. Die Aufgeheiztheit in der „Münchner Runde“ ist einer Stehpartystimmung gewichen. Christian Nitsche und seine Talkgäste wechseln noch ein paar Worte in einem Aufenthaltsraum, bei Häppchen, alkoholfreiem Bier und Rotwein. Chrupalla hat vom Angriffs- in den Smalltalk-Modus geschaltet. Er sagt, wenn alle gegen einen seien, alle gegen die AfD, sei dies das Beste, was passieren könne. Er lächelt ein sehr breites Lächeln. Wie er die „Münchner Runde“ fand? „Es war fair“, sagt er.
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