„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“, sagt Silvia Ahlers, greift sich eine Augsburger Allgemeine, und stapft über den spärlich beleuchteten Hof zur Eingangstreppe, an deren Seite Briefkasten und Zeitungsbox hängen. Die kleine Taschenlampe, die sie sich ans Revers geheftet hat, verbreitet wackliges Licht. Es ist kurz nach drei Uhr nachts im kleinen Weiler Ried in der Nähe von Ustersbach, die ersten Schneeflocken des Jahres rieseln vom Himmel. Auf Bayern 3 läuft „Run“ von Snow Patrol, es mag Zufall sein.
Schwarze Hose, warmer Fleece-Hoodie und eine gelbe Signalweste – das ist die Grundausstattung, die Ahlers zur Arbeit trägt. „Zu meiner Tour gehört die B300, da muss ich nachts schon mal schnell rüberlaufen“, sagt sie. Blonde Haarsträhnen fallen ins Gesicht, darüber die Kapuze. „Die Menschen erwarten, dass die Zeitung spätestens bis sechs Uhr früh da ist“, sagt sie. Leser trifft sie um diese Uhrzeit eher selten, wenn ihr aber mal ein Frühaufsteher begegnet, gibt es regelmäßig aufmunternde Worte. „Alle Achtung, was Sie da leisten.“
Mehr als 2000 Zustellerinnen und Zusteller sind in der Nacht für die AZ unterwegs
Ahlers, 43, ist eine von mehr als 2000 Zustellerinnen und Zustellern, die die Augsburger Allgemeine und ihre Heimatzeitungen im gesamten Verbreitungsgebiet zustellen, täglich, außer in der Nacht zum Sonntag. Bei der Allgäuer Zeitung sind es 1200 Zusteller. Sie alle stehen beispielhaft für die ausgefeilte Logistik, die dahintersteckt, die gedruckte Zeitung täglich von Nördlingen bis nach Landsberg zu den Leserinnen und Lesern zu bringen, von Memmingen bis nach Füssen. Und zwar in der Regel bis 6 Uhr früh, lange, bevor die normale Post kommt.
Mit ihrem anstrengenden Job stehen Ahlers und Ihre Kollegen gleichzeitig im Zentrum einer wichtigen Debatte: Es geht, zunächst, darum, wie lange sich auch große Verlage angesichts des in zwei Stufen steigenden Mindestlohns eine flächendeckende Zustellung noch leisten können. Und es geht, um die womöglich viel größere Frage, welche Rolle die gedruckte Zeitung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt künftig noch spielen wird, ob sich ihr Wert für die Demokratie überhaupt in Euro und Cent berechnen lässt. Wie kann sich aufwendig recherchierter – und pünktlich zugestellter - Lokaljournalismus behaupten in einer Zeit, in der die großen Social Media Konzerne in den USA, von Algorithmen getrieben, echte Nachrichten genauso wie Fake News ungefiltert und gratis in alle Welt verteilen?
Bis 6 Uhr morgens sind alle Ausgaben verteilt
Das Thermometer zeigt zwei Grad, Ahlers Fiat 500 dieselt bei offener Tür, die Heizung ist anfangs auf 28 Grad eingestellt. Ahlers mag das Auto, weil man ein bisschen höher sitzt, Überblick hat. Daher behält sie es, auch, wenn ihr vorne rechts vor einiger Zeit ein Wildschwein reingerannt ist. Eben, viertel vor zwei Uhr morgens, hat sie zwei große Packen Zeitungen in Dinkelscherben abgeholt, wo sie aus Augsburg mit dem Sprinter angeliefert worden waren, etwa 260 Exemplare der Ausgabe Augsburg Land West.
Ahlers kümmert sich darum, dass sie die Leserinnen und Leser in Ustersbach, Ried und Anried erreichen, sowie die Teile Dinkelscherbens, die zu ihrer Tour gehören. Rund 38 Kilometer fährt sie jede Nacht, 38 Kilometer - allerdings 260 Mal unterbrochen von Aus- und wieder Einsteigen. Bis sechs Uhr wird sie alle Exemplare, einige andere Blätter wie Bild und SZ, sowie die zusätzlich zuzustellende Post von LMF verteilt haben, einem privaten Postdienstleister, der wie die AZ zur Mediengruppe Pressedruck gehört.
Ahlers war erst Köchin und wechselte dann in die Zeitungsbranche
Der Diesel brummt, die Heizung bläst, während Ahlers zum nächsten Eingang geht, sie hat einen Knopf im Ohr und kann so einfacher telefonieren. Etwa, wenn mal eine Zeitung fehlt – oder mal mit ihrem Mann. Der arbeitet als Nachtverlader bei einem Spediteur, und macht danach, wie seine Frau, auch noch ein, zwei Zustellbezirke für die AZ.
Ahlers hält an einer modernen Villa in den Hügeln über Ustersbach, „hier wohnt mein Ex-Chef“, sagt sie. Ahlers hat eigentlich Köchin gelernt und in der Gastronomie gearbeitet, zuletzt in einem Hotelgasthof in Zusmarshausen. Corona unterbrach dieser Karriere abrupt, Ahlers bewarb sich „bei der Zeitung“, wie sie sagt. „Zuhause bleiben ist nicht.“
Im Winter ist die Zustellung deutlich schwieriger
Es ist kurz nach drei Uhr, das Radio meldet „normalen Verkehr auf Bayerns Straßen“ und teilt mit, dass diese Meldung mit Hilfe Künstlicher Intelligenz vertont wurde. „Ustersbach haben wir durch“, sagt Ahlers. Der Weg nach Ried, der zweiten Zustellstation führt durch Oberkühlbach, Schneeregen fällt vom Himmel. „Im Winter“, sagt Ahlers, „wird alles schwieriger, auch, weil die Straßen so früh noch nicht geräumt sind“. Seit bald sechs Jahren ist sie nachts unterwegs. Am Anfang, da habe sie sich fast ein bisschen geschämt für den neuen Job, sagt Ahlers. „Mensch, jetzt bist Du bloß noch Zeitungsausträgerin“, so fühlte sich das an. „Inzwischen denke ich mir: Den Job soll mir erstmal einer nachmachen.“
Ahlers verdient 12,82 Euro pro Stunde, den gesetzlichen Mindestlohn. Damit sich der Job für sie lohnt sind die rund 30 Prozent Nachtzuschlag entscheidend, die sind steuerfrei. Die von der Bundesregierung beschlossene Erhöhung des Mindestlohns zunächst auf 13,90 Euro, dann, 2027, auf 14,60 Euro pro Stunde, freut Ahlers, sie sieht das auch als Anerkennung für ihre nächtliche Arbeit. Zur Wahrheit gehört aber auch: Was für den Einzelnen ein erfreuliches Lohn-Plus ist, kostet die Augsburger Allgemeine im kommenden Jahr 4,5 Millionen Euro zusätzlich, 2027 sind es dann 7,7 Millionen Euro – Jahr für Jahr. Beim Allgäuer Zeitungsverlag sind die Zahlen entsprechend – rund 450 000 Mehrkosten 2026 und dann 740 000 Euro ab 2027.
In manchen Gegenden Deutschlands gibt es keine Lokalzeitungen mehr
Ankunft in Ried, etwa 350 Menschen leben hier, beinahe 60 Abos der AZ gibt es, für die Lokalzeitung ist die Welt hier noch in Ordnung, Ahlers stoppt gefühlt an jeder Haustür. Damit ist Ried so etwas wie das Gegenteil jener Nachrichtenwüsten wie Medienforscher Regionen bezeichnen, in denen es keine oder beinahe keine Lokalzeitungen mehr gibt. In den USA spricht man schon länger davon, inzwischen hat diese Entwicklung auch die ersten Gegenden in Deutschland erreicht. In Bayern hat die Mediengruppe Hof Coburg Suhl Bayreuth ihre Print-Montagsausgabe eingestellt. Wer sich über das lokale Geschehen informieren will, dem bleiben Internet und E-Paper.
Vor allem im Osten stoßen oftmals Gratis-Anzeigenblätter der AfD in die Lücke, die die traditionelle Tageszeitung hinterlässt. Das bleibt nicht ohne Folgen, auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. In Gegenden, wo es keine gedruckten Zeitungen mehr gibt, wählen mehr Menschen extreme Parteien, belegen Studien. Und: „Die Forschung zeigt: Wo Zeitungen verschwinden, steigen Risiken von Misswirtschaft und Fehlverhalten“, sagt Journalistik-Professor Tanjev Schultz der Mainzer Allgemeinen Zeitung.
„Vor allem die älteren Leute auf dem Land wollen ihre Zeitung haben“
Inzwischen ist es fast halb-vier Uhr. Ahlers kommt aus einer spärlich beleuchteten Einfahrt zurück. „Das zum Beispiel war jetzt schön“, sagt sie, als sie wieder einsteigt und die Fahrertür schließt. Auf der Treppe zur Zeitungsrolle stehen drei Wichtel aus Tannenzweigen. „Die stellen die Bewohner jedes Jahr vor Weihnachten auf, jetzt sind sie wieder da.“
Ahlers liest die AZ regelmäßig im E-Paper. Ob das E-Paper auch für die Menschen geeignet wäre, denen sie sechs Tage die Woche die Zeitung in den Briefkasten steckt? „Vor allem die älteren Leute auf dem Land wollen ihre Zeitung haben“, sagt Ahlers. „Sie wollen wissen, was in der Welt los ist.“ Gerade lokalen Zeitungen und Medien kommt da eine Schlüsselrolle zu, wie eine Studie des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold Salon für den Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) belegt. „Sie werden von Medienkritikerinnen und -kritikern insgesamt positiver bewertet als nationale Medien.“ Und weiter: „Durch die Nähe und Berichterstattung zur unmittelbaren Lebenswelt der Menschen können sie ein wichtiger Faktor sein, um die gesellschaftliche Spaltung zu überwinden.“
Junge Menschen konsumieren Journalismus fast nur über Social Media
Das Problem ist nur: Gerade mal 28 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren zahlen derzeit für lokale Angebote, wie eine aktuelle Erhebung im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) zeigt. Vor allem junge Menschen konsumieren Lokaljournalismus ausschließlich über Social Media – und damit weitgehend gratis.
Die großen Internetkonzerne haben weitere Startvorteile: Anders als Chefredakteure von Zeitungen und Online-Plattformen sind die Internetkonzerne für den Inhalt, den sie verbreiten, so gut wie nicht verantwortlich. Europäische Regelungen verlangen in der Regel bloß eine nachträgliche Korrektur etwa strafbarer Inhalte. Dazu kommt, dass die US-Tech-Firmen in Europa deutlich niedrigere Steuern zahlen als traditionelle Unternehmen. Wolfram Weimer, Kulturstaatsminister bei Kanzler Friedrich Merz (CDU), will mit einer sogenannten Digitalabgabe gegensteuern. Ein umstrittenes Unterfangen, auch, weil niemand weiß, wie sehr US-Präsident Donald Trump für seine Landsleute aus dem Silicon Valley in die Bresche springen wird.
Die Auflage der AZ gehört zu den stabilsten im Land
Auch bei der AZ geht die Zahl der verkauften Zeitungen zurück, allerdings zählt die Auflage der gedruckten Augsburger Allgemeinen und ihrer Heimatzeitungen weiterhin zu den stabilsten im Land. „Ich finde nicht, dass es weniger geworden ist“, sagt Ahlers über die Zahl derer, die sie Nacht für Nacht mit der AZ versorgt. Allerdings sei die Zeitung über die Jahre dünner geworden, daran gäbe es schon hin und wieder Kritik, sagt sie. Und ein kleineres Format, wie es etwa zuletzt der Münchner Merkur in der Nachbarschaft einführte, was würden die Leser davon halten? Ahlers winkt ab, das Format sei nicht so wichtig. „Nur: dünner darf die Zeitung nicht mehr werden.“
Ahlers freut sich auf zuhause, wenn sie ankommt, verabschiedet sie Sohn und Tochter in Richtung Ausbildung und Schule und legt sich bis Mittag kurz hin. Abends geht sie gegen halb neun Uhr schlafen. „Meine Freundinnen sagen über meinen Job: Du spinnst“, sagt Ahlers. „Aber ich komme gut damit klar. Ich geh‘ schon mal mit einer Freundin zum Essen. Wir fangen dann halt um 18 Uhr an.“
Manchmal liegt eine Packung Mon Chérie vor der Tür
Einer der letzten Stopps in Ried, die Zufahrt zu einem dunkel daliegenden Bauernhaus, ist versperrt, seit ein paar Tagen ist ein Teil des Hofes aufgerissen. Ahlers kann nicht wie sonst mit viel Schwung direkt vor die Tür vorfahren, sie muss aussteigen und die Zeitung zu Fuß zum Eingang bringen. Aus dem Schnee ist kalter Nieselregen geworden. Ein paar Tage vorher, sagt Ahlers als sie sich wieder hinters Steuer setzt, stand da eine kleine Schachtel Mon Chérie und ein kleiner Zettel – eine Entschuldigung des Lesers für die Zusatzarbeit.
Auf Bayern 3 lief vor ein paar Minuten der Song „Wonderful Life ´25.“ Noch so ein Zufall in dieser Nacht.
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