Herr Wiedenmann, Sie leiten die Fachstelle Seniorenarbeit der Stadt Augsburg und waren lange in der Beratung. Wie bereite ich mich aufs Alter vor?
CHRISTIAN WIEDENMANN: Grundsätzlich gilt, dass ich unbedingt versuchen sollte, sowohl körperlich als auch geistig aktiv zu bleiben und vor allem soziale Kontakte zu pflegen. Offen für Neues zu bleiben, ist wirklich entscheidend. Also auch neue soziale Kontakte zu knüpfen, sich ein neues Hobby suchen, das alles hält einen fit. Und man sollte sich sehr frühzeitig mit Themen wie Wohnen im Alter, Vorsorgefragen und mögliche Pflegebedürfnisse auseinandersetzen. Viele Menschen beschäftigen sich mit dem Thema Pflege erst, wenn sie Pflege brauchen, dann ist es aber oft zu spät, um selbstbestimmt entscheiden zu können.
Wann ist der beste Zeitpunkt?
WIEDENMANN: Allerspätestens beim Übergang von der Berufstätigkeit in den Ruhestand sollte man sich die Frage stellen: Wer hilft mir, wenn ich Unterstützung brauche? Denn man sollte sich bewusst machen, dass „das Alter“ meistens grob aus drei Phasen besteht: Erst kommt in der Regel eine lange Zeit, in der man fit und aktiv ist. Und diese Zeitspanne wird im Schnitt immer länger, was eine gute Nachricht ist. Dann kommt die Phase, in der sich körperliche und/oder geistige Einschränkungen bemerkbar machen. In dieser Zeit wird die Wohnumgebung wichtiger, Hilfsmittel spielen eine große Rolle. Und in einer letzten Phase folgt meist der ständige Bedarf an Unterstützung und Pflege. Gerade hier gilt es, die Abhängigkeit sehr rechtzeitig zu organisieren, um vorhandene Möglichkeiten gut zu nutzen und in der gewohnten Umgebung bleiben zu können, was ja sehr viele möchten.
Wie bereite ich mich konkret vor?
WIEDENMANN: Ich sollte mir wichtige Fragen stellen und für mich beantworten. Beim Übertritt in den Ruhestand ist es beispielsweise entscheidend, sich zu fragen: Was will ich jetzt noch machen? Nicht wenige erleben einen regelrechten „Rentenschock“ und fallen seelisch in ein Loch, weil sie sich nicht mehr gebraucht fühlen, weil berufliche Kontakte wegbrechen. Sich rechtzeitig nach einem ehrenamtlichen Engagement umzusehen, ist hier ausgesprochen lohnenswert. Apropos Engagement: Wie ich bereits gesagt habe, gehört zu den Fragen, die man sich gleich zu Beginn des Ruhestands stellen sollte: Wer könnte mich unterstützen, wenn ich krank bin? Die nächste Frage wäre: Gibt es eine Nachbarschaftshilfe? Wenn nicht, könnte vielleicht eine aufgebaut werden. Und: Ist meine Wohnung, mein Haus barrierefrei?
Bleiben wir bei der letzten Frage, sie werden viele mit nein beantworten müssen – und dann?
WIEDENMANN: Zu meinen wichtigsten Tipps zur Vorbereitung aufs Alter gehört: Sich schon in der sorgenfreien Zeit mal bei einer Seniorenberatung unverbindlich vorzustellen. Jede Kommune hat eine Beratungsstelle, das kostet nichts. Wenn ich aber mit den Menschen dort schon einmal persönlich gesprochen habe, werde ich mich später viel leichter tun, wenn ich wirklich Hilfe brauche. Konkret zu Ihrer Frage: Wem klar ist, dass sein Wohnumfeld nicht barrierefrei ist, der sollte unbedingt zur Beratung zur Wohnanpassung.
Muss nicht vor allem das Bad barrierefrei sein? Und das kostet viel Geld...
WIEDENMANN: Ja, das Bad ist ein wichtiger Raum. Für den barrierefreien Umbau gibt es aber bei einem bereits vorhandenen Pflegebedarf beispielsweise Zuschüsse. Oft muss aber gar nicht gleich das ganze Bad umgebaut werden. Und es geht auch nicht immer um eine barrierefreie Gestaltung, in vielen Fällen hilft schon eine barrierearme Wohnumgebung, und hierfür gibt es ganz viele einfache Hilfen: Beispielsweise Stolperfallen entdecken und entfernen. Teppiche gehören hier etwa dazu oder Türschwellen. Haltegriffe an der richtigen Stelle sind wichtig. Hinzu kommt: Es gibt immer mehr technische Hilfsmittel, die das Altwerden in der eigenen Wohnung erleichtern: Um Sturzgefahren etwa beim nächtlichen Toilettengang zu reduzieren, helfen beispielsweise Nachtlichter mit Bewegungssensoren, damit der Herd sicher aus ist, gibt es Herdwächter, nicht zu vergessen Hausnotrufsysteme. Man sollte sich hier wirklich von einer Expertin, einem Experten vor Ort in seinem Haus beziehungsweise in seiner Wohnung frühzeitig beraten lassen. Und noch ein Punkt ist wichtig: Wer zu dem Schluss kommt, dass er in eine barrierefreie Wohnung umziehen will, der sollte dies wirklich sehr frühzeitig in die Wege leiten, denn diese Wohnungen sind leider sehr rar und dementsprechend dauert es, das passende Objekt zu finden.
Die Digitalisierung schreitet voran, sie kann auch helfen, im Alter selbstständig zu bleiben...
WIEDENMANN: In jedem Fall! Das Problem ist nur, dass viele Seniorinnen und Senioren mit dem Tempo der Digitalisierung sich schwertun. Ich rate aber jedem gerade im Alter dazu, zu versuchen, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Auch hier gibt es viele Kurse, die man besuchen kann. Denn die Digitalisierung ermöglicht mit vielen Diensten nicht nur einen selbstbestimmten Alltag, sie eröffnet vor allem auch Kontakte zu Menschen, wenn ich nicht mehr so mobil bin. Dann kann ich beispielsweise per Video mit jemanden telefonieren oder an kulturellen Veranstaltungen per Stream teilnehmen. Hinzu kommt: Immer mehr gesundheitliche Angebote sind auch online möglich, etwa die Sprechstunde beim Arzt oder der Ärztin. Nicht zuletzt ist es doch gut, wenn ich mir die Lebensmittel per Online-Einkauf nach Hause bringen lassen kann, die ich möchte, wenn ich nicht mehr die Kraft zum Einkaufen habe.
Ins Heim wollen die wenigsten und doch bleibt am Ende oft kein anderer Weg...
WIEDENMANN: Das Problem ist auch hier oft, dass meist ganz schnell ein Heimplatz gefunden werden muss und man dann nehmen muss, was frei ist. Besser wäre es, sich rechtzeitig zu kümmern und mehrere Einrichtungen anzuschauen. Wissen sollte man hier: Es gibt auch ambulant betreute Wohngemeinschaften als Alternative zum Heim. Und auch ambulante Pflegedienste können heute selbst extrem pflegebedürftige Menschen gut zu Hause versorgen.
Zur Person: Christian Wiedenmann, 50, ist Sozialpädagoge und Gerontologe. Seit 2014 leitet er unter anderem die Fachstelle Seniorenarbeit der Stadt Augsburg im Amt für Soziale Leistungen, Senioren und Menschen mit Behinderung.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren