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Asyl

10.11.2017

Stricken für die Integration?

Im Rahmen des Projekts „Kulturbund/t“ strickten und häkelten Frauen aus unterschiedlichen Nationen im Friedberger Jugendtreff.
Bild: Leonie Steinhardt

Das Projekt „Kulturbund/t“ soll Jugendliche aller Nationen zusammenbringen. Warum eine gemeinsame Freizeitgestaltung für die Integration von Flüchtlingen wichtig ist.

Gemeinsam stricken und trommeln – „Kulturbund/t“ nennt sich dieses Integrationsprogramm, das vom Landkreis finanziert wird und Jugendliche aller Kulturen zusammenbringen soll. Aber fördern Trommel-Workshops und Stricknachmittage wirklich die Integration?

Marina Lovric vom Sachgebiet für Ehrenamt, Bildung und Integration des Landratsamtes meint ja. Denn es gehe in erster Linie nicht darum, Flüchtlingen das Stricken beizubringen. Langfristig wolle man über das Projekt junge Asylbewerber an bürgerschaftliches Engagement heranführen. „In arabischen Ländern ist das nicht so bekannt, da läuft vieles über Familienstrukturen“, so Lovric. Zudem sollen sie über das Projekt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und andere Jugendlichen treffen. „Damit Integration gelingt, ist es wichtig, früh anzusetzen und die Entstehung einer Subkultur innerhalb eines Kulturkreises zu vermeiden“, so Lovric. Junge Flüchtlinge mit Bleiberecht erhielten zwar viel Unterstützung, hätten aber wenig Kontakt zu Gleichaltrigen.

Kontakt zu deutschen Jugendlichen fehlt

Dem kann Petra Hamberger vom Asylhelferkreis in Kissing nur zustimmen. Sie war selbst mit ihrem Sohn beim ersten Treffen von „Kulturbund/t“ dabei. „Mir hat der Grundgedanke des Projekts gut gefallen“, sagt Hamberger. Denn der Wunsch, nicht nur Asylbewerber, sondern auch deutsche Gleichaltrige zu treffen, sei bei jungen Flüchtlingen da. „Sie durchlaufen eine Maschinerie, die funktioniert“, sagt Hamberger. Der Spracherwerb, die Schule, die Suche nach einem Ausbildungsplatz – all das laufe relativ gut. Die Wohnungssuche sei dagegen auch für junge Flüchtlinge problematisch. Ebenso wie der Kontakt zu anderen Jugendlichen. „Leider lässt sich das oft nur schwer umsetzen“, sagt Hamberger.

So war die Bilanz nach dem ersten Projekt-Treffen eher ernüchternd. „Ich hatte erwartet, dass mehr deutsche Jugendliche dabei sind“, sagt Hamberger. Integration funktioniere nur von beiden Seiten. Projektleiterin Franziska Möker will deshalb nun verstärkt auf Vereine und Verbände zugehen, um mehr Jugendliche für „Kulturbund/t“ zu begeistern.

Stephanie Posch, Asylbeauftragte der Stadt Friedberg hält das Projekt für einen guten Ansatz. „Es ist wichtig, dass junge Flüchtlinge auch soziale Kontakte knüpfen, die frei sind von der Abhängigkeit und Zweckgebundenheit, die möglicherweise beim Verhältnis mit erwachsenen Ehrenamtlichen bestehen“, so Posch. Hintergrund des Projekts sei, Freundschaften zwischen Jugendlichen zu fördern.

Pilotprojekt ohne Vorreitermodell

Doch bisher fiel die Bilanz eher durchwachsen aus. Ein junger Flüchtling, den Hamberger in Kissing betreut, war beim Trommel-Workshop dabei. „Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen“, so Hamberger. Es geht vielmehr um das ganz normale Freizeitleben wie es jeder deutsche Jugendliche auch hat. Fußball spielen, Fitnessstudio, Freunde treffen. Sie bezweifelt, dass Trommeln und Stricken da eine große Rolle spielen. „Eine Weihnachtsparty wäre vielleicht gelungener“, so Hamberger.

Sie hält die Umsetzung des Projekts insgesamt für ausbaufähig. So findet sie die geschlechterspezifische Aufteilung, dass Buben trommeln und Mädchen stricken, falsch. „Es hilft nichts, die Jugendlichen zu trennen, weil es möglicherweise nicht ihrer Kultur entspricht“, sagt Hamberger. Sie müssten auch lernen, mit dem anderen Geschlecht umzugehen.

Laut Lovric soll die Trennung nicht dauerhaft so bleiben. „Wir wollten das Angebot für geflüchtete, junge Frauen attraktiver machen, dass sie sich trauen, teilzunehmen und sicherer werden“, so Lovric. Es sei ein langfristig angelegtes Pilotprojekt ohne Vorreitermodell. „Wir müssen viel ausprobieren und die Resonanz abwarten, um zu sehen, ob es funktioniert.“

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