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Kulinarik

16.02.2021

Dänischer Hotdog: Ein Kult-Würstchen feiert Jubiläum

Essen auf der Straße? Ein Kulturbruch! Das ist lange vorbei. Der dänische Hotdog feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag.
Bild: Patrycia/Adobe.Stock

Das Brötchen schlabbert, die Zwiebeln rieseln: Der dänische Hotdog feiert 100. Geburtstag. Für Gourmets und Spitzenköche bleibt er jedoch eine Herausforderung.

Jeder Dänemark-Besucher, der auf sich hält, setzt kurz nach dem Grenzübergang bei Flensburg den Blinker und biegt von der E 45 rechts ab auf den ersten Rastplatz. Andere, besonders Traditionsbewusste, haben schon in Flensburg einen kleinen Umweg ins nahe Kruså genommen. Alle aber wollen sie nur das eine: stilbewusst den Urlaub einläuten. Mit einer in ihren Augen kulinarischen Großtat, dem ersten Hotdog auf dänischem Boden.

Den einen genügt dafür die unbedeutende Bude auf dem Rastplatz neben der Autobahn. Für die anderen aber muss es „Annies Hotdog“ sein, eine Institution seit 1936, die direkt an der Flensburger Förde gelegen ist. Annie Bogild, die den Kiosk von dem Gründer Reinhardt Petersen 1974 übernommen hatte und 2016 starb, hatte es zu einiger Berühmtheit gebracht. Biker treffen sich hier, Segler legen an, Helmut Kohl gab sich die Ehre – und auch sie alle wollten und wollen immer noch nur das eine: den Hotdog.

Das simple Würstchen im lappigen Brot ist längst zu so etwas wie einer leicht abgegriffenen kulinarischen Visitenkarte des Landes geworden, der erste Biss hinein, ein Akt der Ankunft, des Warming-up beim geschätzten Nachbarn.

1921 verkauften die ersten Imbisswagen in Kopenhagen den dänischen Hotdog

Jetzt feiert Dänemark den hundertsten Geburtstag dieses seines Hotdogs. Im Jahr 1921 erhielten die ersten sechs Pœlsevogne, Wurstwagen also, in Kopenhagen die Erlaubnis, die Laufkundschaft mit einem schnellen Essen aus roten Würstchen zu versorgen.

Dieser Entscheidung war ein erbitterter Kulturkampf vorausgegangen: Essen aus der Hand auf der Straße – niemals, ein Kulturbruch! Zudem mit dieser deutschen Erfindung, Hotdogs, die ausgerechnet in den USA zum Renner geworden war. Heiße Hunde. Die hätten, behaupteten die einen, ihren Namen aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit den lang gestreckten deutschen Dackeln erhalten, während andere, noch bösartigere Zungen mutmaßten, dass besagte Dackel selbst, wenn sie nicht schnell genug flüchten konnten…

Geschwätz von gestern. In den 1950er Jahren schoben schon um die 500 Frauen und Männer ihre Wurstwagen durch die Straßen Kopenhagens. Seitdem standen und stehen Millionen von Schnellgenießern davor und haben Entscheidungen von einiger Tragweite zu treffen.

Für den dänischen Hotdog muss es die giftige Rote aus dem Siedekasten sein

Während die Wahl der Zwiebeln noch keine Probleme bereitet – geröstete natürlich, die frischen würden sich in dem perfekten Arrangement von Konservierungsstoffen ja doch wie Fremdkörper ausnehmen –, ist die Frage nach der Art der rœde pœlser, der klassisch roten Wurst, schon von anderem Kaliber: Kogt oder ristet? Gebrüht oder gebraten? Das ist wie: grüne oder gelbe Götterspeise? Der Purist kämpft mit dem Genießer, und wie immer siegt nach reiflicher Überlegung die Tradition über den Gaumen: Die klassische dünne, giftig Rote muss es sein, heiß aus dem Siedekasten, die Bratwurst folgt ein andermal.

Sorgsam schlitzt nun Wurstfrau oder Wurstmann das eliptische Wabbelbrötchen seitlich auf, legt die Wurst ein, zieht einen Streifen Senf, einen Streifen Ketchup aus dem Hahn darüber, spritzt aus der Plastikflasche gurgelnd Remoulade dazwischen, streut Zwiebeln darauf und deckt das Gebilde dachziegelartig mit süß-sauren Gurkenscheiben ab.

Da liegt er, im dünnen Papierserviettchen, auf dem wellenförmigen Halter aus Edelstahl, auf dem noch vier andere seiner Sorte Platz fänden. Der Hotdog. In seiner ursprünglichen Gestalt. Die Grundversion.

Auch Spitzenköche spielen mit den dänischen Hotdog

Doch so wie die dänische Kulinarik mittlerweile einen langen Weg zurückgelegt hat – von den Ebenen des Schweinebauchs mit Petersiliensoße und der pittoresken Smoerrebrod-Happen, empor zu den Gipfeln der nordischen Küche, mit ihren eingedampften Rentierflechten, gelierten Robbenspeckperlen und den Tropfen aus Schafsmilchsoße – so hat auch der Hotdog diverse Stufen der Evolution durchlaufen.

Claus Christensen etwa, der selbsternannte DŒP, Den Œkologiske Pœlsemand, der ökologische Wurstmann also, serviert in Kopenhagen Hähnchen-, Ziegen- oder Tofu-Würstchen im Brot, samt Soßen mit Merguez-, Käse- oder Knoblauchgeschmack, gluten- und laktosefreie Optionen inklusive, versteht sich.

Asger Jœrgensen baut ebenfalls in der Hauptstadt seinen „Nordic Hotdog“ aus frischgebackenem Brot, Würstchen vom Schlachter aus Fünen und rein hausgemachten Soßen zusammen.

So wehrt sich der dänische Hotdog gegen hastige Esser

Und das Michelin-Sterne-Restaurant MeMu aus Vejle gewann 2019 in Aarhus den dänischen Hotdog-Wettbewerb mit einer Variante aus geräucherten Äpfeln, Chorizo-Wurst, gepickeltem Queller und einer Habanero Chili Mayo. Zum „Hotdog-König“ wurde übrigens das Dyvig-Badehotel gewählt. Seine Kreation „Südjütländische Versuchung“ bestand neben dem Würstchen von Schlachter Nielsen aus Kartoffelrollbrot, dazu Apfel-Citro-Quark, des weiteren Parmesan, Cognac- und Pilzsenf, mit knusprigem Schweinefilet in schwarzem Knoblauch.

Nun ja. Der Straßenköter-Hotdog wird auch diese Einkreuzungen überleben. Den traditionsbewussten Urlauber lassen solche Sperenzchen ohnehin kalt. Er will jetzt nur eines: bestellen, bewundern, beschnuppern. Dann zugreifen, reinbeißen, ankommen. Doch das ist so eine Sache. Denn mehr als jedes andere Gericht verlangt der Hotdog Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl.

Nur Dänemark-Novizen glauben, ihn zum problemlosen Fast-Food zählen zu dürfen. Ist er doch, wie der Hamburger – knapp –, zum menschlichen Verzehr geeignet. Und scheint auch, wie dieser, in zwei, drei Bissen zu vertilgen zu sein. Fastfood also – ja, aber von der hinterhältigen Sorte. Denn der Däne ist ein heimtückischer Bursche, der sich gegen das hastige Verschlungenwerden sehr wohl zu wehren weiß.

Senf schmiert er als erste Warnung auf die Finger, platscht gleich drauf einen dicken Klacks Ketchup auf die weiße Bluse und lustige gelb-grünliche Remouladenkringel aufs rote T-Shirt. Und schon ist er nicht mehr zu halten: Zwiebeln rieseln, fettiges Wasser spritzt, Gurken klatschen auf Jeans und Business-Kostüm. Wer an dieser Stelle meint, eher zum Ende zu kommen, indem er schneller schlingt, gerät erst recht unter Beschuss: Die Soße suppt und schmatzt herunter, die Statik des fragilen Gebildes bricht endgültig zusammen und ein glitschiger Klumpen landet im Schoß des hastigen Essers, gefolgt von einer Reihe vollmundiger, gotteslästerlicher Flüche.

Schmeckt er denn nun, der dänische Hotdog?

Und schmeckt er denn nun, der Hotdog? Nein: Man kann keinen einzelnen der Bestandteile ausmachen. Und nein: Irgendein neues, klar zu definierendes Aroma entsteht durch die Kombination unverträglicher Elemente auch nicht. Und ja: Genau so, wie er aussieht, schmeckt er. Ein unübersichtlicher Angriff auf die Geschmacksnerven, der das Opfer am Ende aber keinesfalls ratlos zurücklässt: Köstlich ist das Ganze irgendwie doch, alles in allem.

Nicht Nahrung ist der Hotdog schließlich, sondern Flair. Ein Willkommensgruß, ein Abschiedswink. Keinesfalls stellt er, wie behauptet wird, die dänische Antwort auf den Hamburger dar. Der Hotdog ist kein Imbiss, sondern ein Ereignis. Red & white, Danish Dynamite. Tillykke, lille poelse, herzlichen Glückwunsch!

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