Alter gilt als einer der größten Risikofaktoren für Demenz. In vielen Lebensbereichen haben wir es aber selbst in der Hand, ob wir das Risiko für die Krankheit erhöhen.Foto: fizkes, stock.adobe.com (Symbolbild)
Die wichtigsten Erkenntnisse
Zwischen 40 und 45 Prozent aller Demenzfälle könnten laut Forschenden theoretisch vermieden oder zumindest verzögert werden.
Hörverlust, Rauchen, Depressionen und soziale Isolation zählen inzwischen zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren.
Fachleute sehen Demenz heute zunehmend als Folge langfristiger Schäden an Gefäßen, Stoffwechsel und Gehirn – nicht nur als reine Alterserscheinung.
Demenz gehört zu den Erkrankungen, vor denen sich viele Menschen im Alter besonders fürchten. Lange galt vor allem das Alter als entscheidender Auslöser. Inzwischen zeigt die Forschung jedoch ein deutlich komplexeres Bild: Neben genetischen Faktoren scheinen auch Lebensstil, Herz-Kreislauf-Gesundheit, soziale Kontakte und Umweltfaktoren das Risiko zu beeinflussen. Fachleute gehen heute davon aus, dass sich ein Teil der Demenzfälle möglicherweise verhindern oder zumindest hinauszögern ließe, wenn bestimmte Risikofaktoren frühzeitig erkannt und behandelt werden.
Demenz: Welche Risikofaktoren gelten als besonders gut belegt?
Forschende der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben inzwischen eine Reihe von Faktoren identifiziert, die das Risiko für Demenz erhöhen können. Einige davon lassen sich beeinflussen, andere nicht.
Viele dieser Faktoren wirken offenbar nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig. Forschende beobachten seit Jahren, dass insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselprobleme eng mit dem Risiko für Demenz verknüpft sind. Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Cholesterinwerte können Blutgefäße schädigen und dadurch die Versorgung des Gehirns beeinträchtigen. Vor allem das Risiko für vaskuläre Demenz steigt dadurch deutlich an. Gleichzeitig diskutieren Forschende, ob erhöhte Cholesterinwerte die Ablagerung von Amyloid-beta und Tau begünstigen könnten – Eiweiße, die als typische Merkmale der Alzheimer-Erkrankung gelten.
Damit verändert sich auch der Blick auf Demenz insgesamt. Lange wurde die Erkrankung vor allem als Folge von Alterungsprozessen im Gehirn verstanden. Heute gehen viele Fachleute davon aus, dass Demenz häufig das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklungen im gesamten Körper ist. Die Alzheimer Forschung Initiative schreibt, dass zahlreiche Risikofaktoren Gefäße und Stoffwechsel belasten, Entzündungen fördern oder die sogenannte kognitive Reserve schwächen – also die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegenüber Schäden. Besonders problematisch scheint es zu sein, wenn mehrere Risiken gleichzeitig auftreten.
Rauchen, Hörverlust und Depression: Welche Faktoren beeinflussen das Demenz-Risiko am stärksten?
Wie groß der Einfluss einzelner Faktoren sein könnte, versuchen Forschende inzwischen auch statistisch zu beziffern. Die viel zitierte Lancet-Kommission geht davon aus, dass weltweit bis zu 40 Prozent aller Demenzfälle mit beeinflussbaren Risikofaktoren zusammenhängen könnten. Besonders stark fällt der Zusammenhang demnach beim Hörverlust aus: Eingeschränkte Hörfähigkeit könnte rechnerisch mit rund acht Prozent der Fälle verbunden sein. Rauchen wird mit etwa fünf Prozent in Verbindung gebracht, Depressionen und soziale Isolation jeweils mit rund vier Prozent. Kopfverletzungen gelten laut Modell als möglicher Faktor bei rund drei Prozent der Fälle. Auch Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Luftverschmutzung und Diabetes tragen demnach messbar zum Gesamtrisiko bei.
Rauchen erhöht etwa das Risiko für Alzheimer und vaskuläre Demenz unter anderem durch Schäden an Gefäßen und Durchblutung, heißt es vonseiten der WHO. Gleichzeitig erhöhen Bewegungsmangel und starkes Übergewicht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes – und damit indirekt auch das Risiko für Demenz. Die WHO verweist außerdem darauf, dass körperliche Inaktivität, Übergewicht und hoher Alkoholkonsum zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren zählen.
Besonders stark hat sich der Fokus der Forschung in den vergangenen Jahren jedoch auf Faktoren verschoben, die lange kaum mit Demenz in Verbindung gebracht wurden. Dazu gehört vor allem Hörverlust. Studien deuten darauf hin, dass das Gehirn bei nachlassendem Gehör dauerhaft stärker belastet wird, weil Sprache schwieriger verarbeitet wird. Gleichzeitig steigt bei Schwerhörigkeit das Risiko für sozialen Rückzug und Einsamkeit. Das National Institute on Aging verweist zudem darauf, dass Hörhilfen den kognitiven Abbau bei einigen Menschen verlangsamen könnten.
Auch soziale Isolation gilt inzwischen als relevanter Risikofaktor. Fachleute vermuten, dass fehlende soziale Kontakte die geistige Aktivität verringern und damit langfristig die Widerstandsfähigkeit des Gehirns beeinträchtigen könnten. Die WHO zählt soziale Isolation und Depressionen ausdrücklich zu den Faktoren, die das Risiko für Demenz erhöhen können.
Hinzu kommen psychische Belastungen. Menschen mit Depressionen im mittleren oder höheren Lebensalter haben laut der Alzheimer Forschung Initiative ein erhöhtes Risiko für Demenz. Forschende diskutieren dabei unter anderem chronischen Stress, erhöhte Cortisolwerte und Entzündungsprozesse im Gehirn, die empfindliche Hirnregionen wie den Hippocampus beeinträchtigen könnten.
Risiko für Demenz: Spielen Umwelteinflüsse ebenfalls eine Rolle?
Daneben beschäftigen sich Studien zunehmend mit Umweltfaktoren. Sowohl die WHO als auch der National Health Service (NHS) und das National Institute on Aging verweisen auf Hinweise, dass Luftverschmutzung das Gehirn beeinflussen und das Risiko für Demenz erhöhen könnte. Welche Mechanismen dabei genau eine Rolle spielen, ist bislang allerdings noch nicht vollständig geklärt.
Auch Kopfverletzungen gelten inzwischen als bedeutender Risikofaktor. Besonders schwere oder wiederholte Erschütterungen des Gehirns – etwa bei Kontaktsportarten – werden seit Jahren mit bestimmten Demenzformen in Verbindung gebracht. Die Mayo Clinic verweist darauf, dass Demenz-Symptome oft erst viele Jahre nach der eigentlichen Verletzung auftreten. Diskutiert werden unter anderem langfristige Entzündungsprozesse sowie Ablagerungen von Amyloid-beta und Tau im Gehirn.
Risikofaktoren vermeiden: Kann Demenz damit verhindert werden?
Dennoch betonen die Fachgesellschaften, dass Demenz nicht zwangsläufig verhindert werden kann. Der NHS schreibt ausdrücklich, dass es bislang keine sichere Methode gibt, alle Formen der Erkrankung komplett zu vermeiden. Gleichzeitig gehen mehrere Studien davon aus, dass sich ein Teil der Fälle möglicherweise hinauszögern ließe. Die Alzheimer Forschung Initiative spricht von bis zu 45 Prozent potenziell vermeidbarer oder verzögerbarer Demenzfälle weltweit.
Deshalb empfehlen Fachgesellschaften vor allem Maßnahmen, die Herz, Gefäße und Gehirn gleichzeitig schützen sollen. Dazu gehören regelmäßige Bewegung, Nichtrauchen, eine ausgewogene Ernährung, die Kontrolle von Blutdruck und Blutzucker sowie soziale und geistige Aktivität. Die WHO betont zudem, dass körperliche Aktivität und soziale Teilhabe helfen könnten, die Lebensqualität und die geistige Leistungsfähigkeit möglichst lange zu erhalten.
Dabei beginnt Vorbeugung offenbar nicht erst im hohen Alter. Das sogenannte Lebensphasen-Modell der Lancet-Kommission geht davon aus, dass sich Risikofaktoren bereits in jungen und mittleren Lebensjahren auf die spätere Gehirngesundheit auswirken können. Forschende sprechen deshalb zunehmend davon, dass Demenzprävention eine Aufgabe über den Verlauf des gesamten Lebens sein könnte.
PMC / Frontiers in Psychology („Modifiable risk factors for dementia, and awareness of brain health behaviors“): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9879702/
Stanford Health Care: https://stanfordhealthcare.org/medical-conditions/brain-and-nerves/dementia/risk-factors.html
World Health Organization (WHO): https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/dementia
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