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Ichenhausen

18.02.2018

Zwischen Purimfest und Fastnachtsspiel

Auch Juden verhöhnende Bildmotive mittelalterlicher, christlicher Kunst waren Thema beim Ichenhauser Kolloquium. Cora Dietl (Uni Gießen) zeigte unter anderem die umstrittene, antijudäische Tiermetapher "Judensau", angebracht an der Stadtkirche der Lutherstadt Wittenberg.
Bild: Helmut Kircher

Was Experten bei ihrer Tagung in der ehemaligen Synagoge über die Berührungspunkte der jüdischen und christlichen Tradition herausgefunden haben.

Es hätte sich wahrlich kein besserer Ort für eine Veranstaltung dieser Art finden lassen, versicherte Landrat Hubert Hafner dem hochkarätigen Expertengremium der Universitäten Augsburg, Stuttgart, Gießen, Mainz, Halle, Bern und Innsbruck bei deren Begrüßung in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen. Ein Großkraftwerk geistiger Potenz traf sich hier, das sich allein schon im Ausdruck der Themengebung manifestierte: „Interdisziplinäres Kolloquium zur Gattungsinterferenz“. Ein Betreff, der im Sachkundigen sicherlich Lustgefühle zu erwecken vermag, dem Laien aber die Haare zu Berge stehen lässt, wenn auch auf hohem Niveau. Und er ist wohl der Grund, der die Judaik-Forscher weitgehend unter sich bleiben ließ. Organisator und Dramenforscher Klaus Wolf (Uni Augsburg) präzisierte: „Es geht uns darum, die wechselseitigen Anspielungen zwischen den Gattungen Purim- und Fastnachtsspiel auszuloten“.

Die vielfältigen Vorträge, Referate und Diskussionsbeiträge gingen auf das von Unterdrückung und Verfolgung geprägte Leben der Juden des 14./15. Jahrhunderts ein, auf ihr erzwungenes Außenseitersein. „Wer sich nicht zum Christentum bekannte wurde bedroht, war dem Teufel verfallen, stand im Abseits.“ In der Dramenliteratur wurden sie zu „Ritualmördern“ gestempelt, als „Judensau“ verhöhnt und in Form von Puppen an Galgen gehängt. In gut einem Viertel aller mittelalterlich dramatischen Belustigungsliteratur waren Juden drastischer Diffamierung preisgegeben.

Doch mit den Fastnachtsautoren Hans Folz, Jakob Ayrers und Hans Sachs wich die plumpe Judenfeindlichkeit mehr und mehr wirklichkeitsnaher Seriosität. Ließen sich mit den sogenannten „Esther“- oder „Hesterpielen“ unverkennbare Berührungspunkte zwischen christlichem Fastnachts- und dem jüdischen Freudenfest Purim herleiten. Ein Fest, das an die Errettung des jüdischen Volkes in der persischen Diaspora im fünften Jahrhundert vor Christus erinnert. Als der Königsstellvertreter Haman die Ermordung aller Juden des Perserreiches plante, an einem Datum, das per Los – hebräisch „Pur“ – stattfinden sollte. Doch die Jüdin Esther wusste dies durch ihren königlichen Gatten zu verhindern.

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Haman und seine zehn Söhne endeten am Galgen und das ausgelassenste aller jüdischen Feste, das Purimfest, trat mit Gesang, Tanz, Verkleidung, Geschenken, Süßspeisen und viel, viel Wein zum Siegeszug in Dörfern, Städten, Ländern und Kontinenten an. Nur in unserem heimatlichen Schwaben, so war zu hören, sei die Quellenlage für Beweise jüdischen „Faschingstreibens“ spärlich bis gar nicht vorhanden. Lediglich anhand einiger vergilbter Bilder und einem schriftlichen Nachweise christlicher Beschwerdeträger über die Lautstärke einer jüdischen Purims-Fete in einem christlichen Wirtshaus (mit christlichen Mitsäufern) gebe Kunde davon, dass Livesets mit Purim-Rasseln und prächtigen Trinkgelagen tatsächlich stattgefunden haben sollen.

Organisator Klaus Wolf zeigte sich bereits im Anfangsstadium des Kapazitätentreffs mit der kollektiven Wissensvermittlung seines Expertengremiums höchst zufrieden und bescheinigte mit geradezu faustischer Erkenntnis die Quintessenz gelehrter Sinngebung: „Fragen, die so noch nie gestellt, und Antworten, die so noch nie gegeben wurden.“ Die Ergebnisse des von der Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg geförderten Kolloquiums werden „zeitnah“ in einem Tagungsband der Reihe „Studia Augustana“ (DeGruyter Verlag) publiziert werden.

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