Erst mal herzlichen Glückwunsch, Herr Landrat, der Landkreis Neu-Ulm hat in unserer Umfrage Heimat-Check den ersten Platz unter den Landkreisen erreicht. Nur die Stadt Augsburg schnitt noch besser ab. Können Sie erklären, warum sich die Menschen hier so wohlfühlen?
FREUDENBERGER: Vor möglichen Erklärungen soll doch erst einmal die Freude stehen. Ich möchte den Glückwunsch gerne weitergeben, ich nehme den ja nur stellvertretend für die 175.000 Menschen entgegen. Freuen wir uns also miteinander, dass man im Landkreis Neu-Ulm nach Einschätzung der Menschen gut leben kann.
Es gab im Heimat-Check 14 Kategorien auszuwerten, wir nennen Ihnen mal drei: Immobilienmarkt, Sauberkeit, Einzelhandel. Was schätzen Sie, in welcher hat der Landkreis am besten abgeschnitten?
FREUDENBERGER: Ich glaube, dass von den drei Bereichen der Einzelhandel am besten bewertet wurde.
Es war tatsächlich die Sauberkeit, die am besten abgeschnitten hat, mit einem sauberen Wert von 7,9. Die Höchstpunktzahl wäre 10 gewesen. Allerdings ist der Landkreis im gesamten Verbreitungsgebiet nur Vorletzter der Liste. Was ist bei uns mit der Sauberkeit los?
FREUDENBERGER: Offensichtlich deutet das Gesamtergebnis darauf hin, dass wir in vielen Kategorien gut oder überdurchschnittlich abgeschnitten haben, denn mit einem Wert von 7,9 liegen wir eher am oberen als am unteren Rand der Punkteskala. Insgesamt gilt: Dinge, die gut laufen, sehe ich als Bestärkung, so weiterzumachen. Negativere Punkte sehe ich eher sportlich, als Aufforderung, genauer hinzuschauen. Ich könnte mir vorstellen, dass das Thema Sauberkeit vor allem in den Städten eine Rolle spielt. Je größer die Stadt, desto größer die Herausforderung. Das würde auch erklären, warum wir da schwabenweit so schlecht sind, denn wir sind einer der städtischsten Landkreise. Diese Aufgabe liegt aber bei den Städten, der Landkreis kann hier selbst kaum etwas tun.
Die Kategorie, welche innerhalb des Landkreises Neu-Ulm am schlechtesten bewertet wurde, ist das Thema Verkehr. Damit ist der Landkreis auch das Schlusslicht der Landkreise in Schwaben. Woran könnte das liegen?
FREUDENBERGER: Die Erklärung ist einfach, die Lösung ist schwieriger. Wir haben einen sehr hohen Mobilitätsgrad der Bevölkerung und einen hohen Anteil an Individualverkehr, sprich Fahrten mit dem Auto. Wir haben ein gut ausgebautes Straßenverkehrsnetz und wir liegen im Herzen Süddeutschlands, am Schnittpunkt von A7 und A8. Wir haben ein hohes Verkehrsaufkommen im Landkreis und ein hohes Pendleraufkommen. Vor allem, wenn man nicht mit dem Auto unterwegs ist - etwa zu Fuß oder mit dem Rad - bekommt man sehr viel davon mit. Im Zuge der Verkehrswende müssen wir den Individualverkehr verändern, indem wir irgendwann leisere, kleinere, passgenauere Fahrzeuge haben werden. Wir bewegen ja große Fahrzeuge selbst für kleinste Fahrten, vielleicht ginge das auch klüger. Es gibt ein klares Signal, den ÖPNV weiter zu verbessern. Der ist übrigens nach externer Bewertung, im Landkreis mitnichten schlecht. Wir haben etwa den Weißenhorner, also die Bahnlinie nach Weißenhorn, reaktiviert, wir hatten als einer der ersten Landkreise den Pfiffibus. Die Grundfrage ist: Wie bekommen wir noch mehr Menschen in Busse und Züge? Daher ist das Ergebnis Motivation für uns, die Verkehrswende mutig anzugehen.
Beim ÖPNV steht der Landkreis sehr gut da, Platz zwei hinter der Stadt Augsburg. Was man bei den Kommentaren sieht: Es gibt ein gewisses Gefälle zwischen Stadt und Land. Gerade die kleineren Kommunen fühlen sich hier abgehängt.
FREUDENBERGER: Erst einmal ist es erfreulich, dass diese Platzierung das bestätigt, was ich gerade zum ÖPNV gesagt habe. Aber einerseits muss das Angebot immer noch verfeinert und ausgebaut werden, andererseits muss es auch noch bekannter gemacht werden. Ich bin sogar auf fehlende Verbindungen angesprochen worden, die aber eigentlich schon da waren. Ich spreche vor allem vom Pfiffibus, der einfach viel zu wenig bekannt ist und daher noch zu wenig genutzt wird. Das ist einerseits die Aufgabe des Nahverkehrsverbunds Ding, aber ich wünsche mir auch, dass man im Ort selber noch stärker die Angebote bewirbt, etwa im Amtsblättle, damit die Leute einfach wissen, dass es das Angebot gibt.
Vielen Leuten fehlt auch die Anbindung über den Landkreis hinaus. Vor allem im Süden gab es immer wieder entsprechende Bemerkungen. Da scheint es eine Art Barriere zu geben.
FREUDENBERGER: Das kommt aus einer alten Zeit, als man noch in Konzessionen und relativ starren Nahverkehrsplänen gedacht hat. Nachdem die Stadt Neu-Ulm entschieden hat, den Nahverkehr selber zu organisieren, machen wir uns daran, einen Nahverkehrsplan aufzustellen und der soll auch Antworten darauf geben, wie wir den "Grenzverkehr" zu den Landkreisen Günzburg oder Alb-Donau gestalten.
In der Umfrage wurde nicht ausdrücklich danach gefragt, aber die Leserinnen und Leser hatten die Möglichkeit, in Freitexten ihre Anregungen vorzubringen. Dabei hat jeder Zweite das Thema Fahrradfahren genannt. Es wird zwar hier viel getan, aber den Menschen scheint das Radwegenetz noch ein wenig zu löchrig.
FREUDENBERGER: Wenn man sich das Netz anschaut, haben wir eine gute Ausgangslage, aber wir müssen es stetig verbessern durch den weiteren Ausbau von Radwegen, was wir jährlich auch tun. Ich habe in meiner achtjährigen Amtszeit schon zahlreiche Radwege mit eröffnen dürfen. Momentan sind wir an Radschnellwegen dran, vor allem auf der Illertalachse. Das heißt: bessere Infrastruktur und klare Vorfahrt für Radfahrer. Die größte Herausforderung ist der innerstädtische Radverkehr, da kann der Landkreis wenig tun, da sind wir bei städtischen Zuständigkeiten. Wir haben im Landratsamt eine Mitarbeiterin, die sich um Radmobilität kümmert, die bei den Kommunen unterstützend und beratend tätig ist, um den Radverkehr in den Städten zu verbessern. Da gibt es noch viel Potenzial.
Es gibt ein Thema, bei dem die Stadt Neu-Ulm das Ranking innerhalb des Kreises haushoch anführt, das ist wenig überraschend, nämlich die Gesundheitsversorgung. Aber hinten auf der Liste wird es richtig bitter. Oberroth und Osterberg geben gerade mal 1,9 beziehungsweise 1,2 von zehn Punkten. Viele Leserinnen und Leser beklagen den Ärztemangel auf dem Land. Wir haben hier offenbar ein Versorgungsproblem.
FREUDENBERGER: Nach den Versorgungseinschätzungen der Krankenkassen beziehungsweise der Kassenärztlichen Vereinigung, haben wir kein Versorgungsproblem. Das ist die Theorie. Die Praxis ist, dass die Menschen etwas anderes erleben und sich Sorgen machen, wer zukünftig die medizinische Versorgung übernimmt. Die Sorge ist berechtigt, weil wir einen Ärztemangel in unserem Land haben, der alle trifft. Wir müssen darauf schlüssige Antworten geben. Ich bin froh, dass wir hier die Gesundheitsregion plus haben und in Illertissen ein Gesundheitszentrum aufbauen, um dort mehr Arztsitze zu schaffen, damit wir gewisse Ausfälle im ländlichen Raum kompensieren können. Es gibt auch neue Konzepte, wie das der mobilen Arztpraxis. Ich habe mit der Firma, die unseren Impfbus betreibt, schon vor eineinhalb Jahren gesprochen, ob sie in der Lage wäre, Busse zu entwickeln, die man als mobile Versorgung der Bevölkerung im ländlichen Bereich einsetzen könnte. Über die Gesundheitsregion plus wollen wir in den nächsten Jahren solche Konzepte umsetzen.
Wenn man Menschen im südlichen Landkreis nach der gesundheitlichen Versorgung fragt, kommt oft die Antwort, man hätte die Illertalklinik niemals schließen sollen. Rückschauend: Gibt es Dinge, bei denen sie sagen, das hätte man anders machen müssen?
FREUDENBERGER: Hinterher ist man immer schlauer. Vor vielen Jahren hätte man über ein zentrales Krankenhaus nachdenken müssen, was aber politisch nicht durchsetzbar gewesen wäre. Aber im Abstand von 20, 30 Jahren, kann man sagen: Es wäre klug gewesen. Das ist keineswegs abwertend gegenüber unseren kleinen Kliniken gemeint, die oft sehr gut bewertet werden und zu denen die Bürgerinnen und Bürger eine große Bindung aufweisen. Dass kleinere Kliniken schließen oder schwer zu kämpfen haben, erleben wir bayern- und deutschlandweit. Ich werbe immer dafür, das große Ganze zu sehen. Wir haben in Memmingen ein Haus der Versorgungsstufe zwei, das wird neu gebaut und dadurch ein noch wichtigerer Versorger des südlichen Landkreises. Wir müssen Gesundheitspolitik viel stärker überregional denken. Es ist ein Grundfehler der bayerischen Krankenhausplanung, dass jeder Landkreis für sich plant.
Beim Thema Seniorenbetreuung schneidet Neu-Ulm zwar besser ab als die Nachbarlandkreise, aber viel Menschen vermissen Angebote und Infrastruktur für Ältere. Wie stellt sich der Landkreis darauf ein, dass er immer älter wird?
FREUDENBERGER: Wir müssen die Hausarzt- und die Krankenhausversorgung sichern, das habe ich vorhin schon genannt. Wir müssen uns massiv in der Pflege engagieren, und zwar in vielfältiger Form. Die meisten Menschen wollen so lange es geht daheim bleiben und brauchen zu Hause Unterstützung, also ambulante Pflege. Wir müssen die familiäre Pflege unterstützen, indem man pflegenden Angehörigen ermöglicht, Wochenendpflege, Tagespflege und Urlaubspflege in Anspruch zu nehmen. Da werden überall Plätze fehlen, wenn wir nichts tun. Weshalb ich alle zuständigen Träger und Kommunen immer wieder auffordere, da sehr stark reinzugehen. Die immer älter werdende Bevölkerung nimmt der Landkreis jetzt zum Anlass, um einen Pflegestützpunkt zu errichten, das wollte ich immer haben. Jetzt hoffe ich auf Zustimmung vom zuständigen Ausschuss.
Zur Person
Thorsten Freudenberger, 49, ist seit 2014 Landrat des Landkreises Neu-Ulm. Davor war er Lehrer am Bertha-von-Suttner-Gymnasium Pfuhl. Erst vor Kurzem hat er verkündet, dass er vorzeitig den Chefsessel im Landratsamt räumen möchte, denn er strebt einen Sitz im Bayerischen Landtag an.