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Literatur

24.06.2020

Buchbesprechung: In der Haut der Patti Smith

Nicht nur für Fans von Patti Smith hinreißend: Die Aufzeichnungen der Ikone aus einem Schicksalsjahr.

Ja, es ist ein besonderes Jahr. 2016: das Jahr, in dem Patti Smith 70 wird, ein Jahr, in dem diese herzensstürmende Punk- und Lyrik-Ikone langsam und schmerzlich von gleich zwei jahrzehntelangen Kunst- und Lebensbegleitern Abschied nehmen muss, dem Musiker Sandy Pearlman und dem Schriftsteller Sam Shepard; und das Jahr, in dem …:

„Erster April. Ein Gauner riss die Zügel an sich, während Wellen der Verwirrung auf uns zurollten, stahlharte Brecher, die uns stolpern ließen und uns dauerhaft aus dem Gleichgewicht brachten. Die Nachrichten überschlugen sich, und alle versuchten fieberhaft, den Wahlkampf eines Kandidaten zu begreifen, der so schnell Lügen produzierte, dass niemand mithalten oder sie entlarven konnte. Er bog sich die Welt nach Gusto zurecht und begoss sie mit einer metallischen Substanz, dem Gold des Narren, das schon abblätterte …“

Ein Leben, das selbst Schöpfung und Dichtung ist

Aber nein, benannt wird der Gauner nicht, er bleibt ein Schatten in den Aufzeichnungen, die die große Patti nun unter dem Titel „Im Jahr des Affen“ veröffentlicht hat, einem Titel, der eigentlich nicht ganz stimmt. Denn tatsächlich setzt sie an Silvester ein, ihrem Geburtstag, das Jahr im chinesischen Tierkreis beginnt aber erst im Februar, weshalb sie dann bis deutlich ins Jahr 2017 erzählen kann. Aber andererseits passt diese magische Verschiebung als Erweiterung des Faktischen wiederum so ausgezeichnet zum Blick der New Yorkerin auf das, was Wirklichkeit ist, dass es fast schon programmatisch erscheint.

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Und das ist beim Besonderen dieses Jahres das Allgemeine, das dieses Buch so hinreißend macht: Patti Smith macht miterlebbar, wie es ist, sie zu sein, in ihrer Haut zu stecken. Ein Leben zu leben, das noch immer vom Umherschweifen der Beatniks geprägt ist, das keine Trennung zu Kunst und Literatur kennt, sondern selbst Schöpfung und Dichtung ist; in dem das Namensschild des „Dream Inn“-Hotels in Santa Cruz zu einem sprechen kann und in dem Träume von derselben Relevanz sind wie das wach Erlebte.

„Ich wechselte zu einem mentalen Dartspiel mit einer rotierenden Scheibe, das zeitüberwindende Möglichkeiten bot, ein Spiel, das Sandy und ich gerne auf langen Fahrten spielten. Ich warf einen Pfeil, der den ganzen Weg nach Flandern am Ende des Mittelalters erhellte und mich veranlasste, die Luft mit neuen Fragen zu bestürmen wie etwa, warum die vergoldeten Worte der jungen, in ein Gewand gehüllten Maria auf der Verkündigungstafel des Genter Altars auf dem Kopf stehend geschrieben sind.“

Alles durchdringt einander, und die Bekanntschaft beim Trampen ist ebenso real wie Figuren aus dem einen Bolaño-Roman, ist auch nicht gegenwärtiger als längst Gestorbene wie Rimbaud oder ihr Ehemann. Und diese Patti, die tagelang bewegungslos durch ihr Appartement in New York treiben kann, bis sie plötzlich wieder aufbricht, meist ans Meer, oft an Strände, und die dabei noch immer Nichtschwimmerin ist – diese fantastische Patti ist derjenigen haushoch überlegen, als die sie sich zuletzt im Buch „Hingabe“ mit ihrer ersten Novelle als literarisch- fiktive Erzählerin gezeigt hat. Denn auch der Nicht-Fan kann hier (vielleicht sogar mehr als in den berühmten Erinnerungsbüchern „Just Kids“ und „M Train“) spüren: Das hier ist ein eigenes, ein durch Hingabe und Leidenschaft angeeignetes Leben, der Freiheit gewidmet, der Tragödie ausgesetzt. Toll.

Information Patti Smith: Im Jahr des Affen. Übersetzt von Brigitte Jakobeit, Kiepenheuer & Witsch, 208 S., 20 ¤

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