Newsticker
Bayern: Verwaltungsgerichtshof kippt 15-Kilometer-Regel
  1. Startseite
  2. Kultur
  3. Journal
  4. Das erste Weltwunder der Schwarmintelligenz

20 Jahre Wikipedia

10.01.2021

Das erste Weltwunder der Schwarmintelligenz

Seit 20 Jahren gibt es Wikipedia - und eigentlich ist diese Online-Enzyklopädie ein Weltwunder.
Bild: Jens Büttner (dpa)

Seit 20 Jahren existiert Wikipedia. Ohne Verlag und ohne Budget, ohne Redaktion und Werbung – so stieg die Online-Enzyklopädie zur größten Wissenssammlung auf. Und jeder kann mitmachen. Warum funktioniert das?

Joseph Pujol (* 1. Juni 1857 in Marseille; † 8. August 1945) war ein als „Fartomaniac“ und unter seinem Künstlernamen Le Pétomane bekannter Kunstfurzer. Der Name leitet sich von dem französischen Verb péter (furzen) ab. *

Jeder Furz steht mittlerweile in Wikipedia. So scheint es jedenfalls, wenn man etwas in Google sucht. Spätesten das dritte Suchergebnis bezieht sich auf den passenden Wikipedia-Artikel. Doch ist es gerechtfertigt, die Online-Enzyklopädie als Sammelsurium von unnützem Wissen abzutun? Von Wissen, das die Welt nicht braucht? Pavel Richter ist Wikipedianer der ersten Stunde und baute fünf Jahre lang Wikimedia Deutschland zum weltgrößten Wikimedia-Verein aus. Auf diese Fragen antwortet er schlicht: „Es gibt kein unnützes Wissen. Wikipedia hat Platz für alles, wenn es mit reputablen Quellen belegt ist.“ So hat dann auch ein Artikel über einen Kunstfurzer Platz.

Eines der spannendsten Kulturphänomene unserer Zeit

Wikipedia ist eines der spannendsten Kulturphänomene unserer Zeit: soziales Experiment, ein Instrument der Freiheit und gleichzeitig geschlossene Gesellschaft. Die Online-Enzyklopädie steht als Synonym für Wissen. Richter: „Wikipedia betreibt keine Forschung. Es stellt das dar, womit sich die Menschen schon intensiv beschäftigt haben.“ Wikipedia gehört heute zu den Top 10 aller Internetseiten. Trotzdem es keine Werbung gibt und niemand damit Milliardär wurde. Trotzdem es keinen Verlag gibt, keine Redaktion, keinen Vertrieb, keine Anzeigenabteilung. Wie funktioniert das? Was macht den Erfolg von Wikipedia aus? Wer hatte die Idee zu Wikipedia? Wer sind die Autoren? Ist Wikipedia eine seriöse Quelle? Fragen über Fragen. Richter beantwortet diese und viele mehr in seinem Buch zum Geburtstag: „Die Wikipedia Story“.

Jimmy Donal „Jimbo“ Wales (* 7. August 1966 in Huntsville, Alabama) ist ein US-amerikanischer Internet-Unternehmer, der vor allem als Mitbegründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia bekannt wurde.

„‚Hello, world‘, schrieb Jimmy Wales am 15. Januar 2001 auf wikipedia.com, nachdem er die Website wenige Tage zuvor registriert hatte.“ So hat es also angefangen. Dieser Gruß der Programmierer für ein neues Projekt war so gewöhnlich – und in diesem Fall doch weltverändernd. Er bedeutete den Start von Wikipedia vor 20 Jahren – und den Anfang vom Ende dicker, in Leder gebundener Enzyklopädien. Diese konnten schon in Details bereits beim Druck überholt sein, waren geschrieben von Experten und Professoren. Und leisten konnte sich die Regale füllenden Ausgaben nicht jeder. Die 32-bändige Encyclopaedia Britannica hielt bis 2012 durch, der 30-bändige Brockhaus bis 2014. Gegen den Emporkömmling Wikipedia aber waren sie trotz ihrer großen Tradition machtlos. Die Online-Enzyklopädie stieg rasch zur größten Wissenssammlung der Welt auf.

Jimmy Wales ist Mitbegründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia.
Bild: Lino Mirgeler/dpa

Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Vor Wikipedia gab es sieben Versuche, eine offene Online-Enzyklopädie zu erstellen, mindestens. Allerdings scheiterten die – oder hatten zumindest keinen durchschlagenden Erfolg. Was bei Wikipedia anders war? „Nur Wikipedia gelang es, schnell und dauerhaft zigtausende Ehrenamtliche zu einer Gemeinschaft, den Wikipedianern, zusammenzuschließen, die ihr Wissen teilen“, erklärt Pavel Richter. Mit einem Klick Wissen von allen für alle – kostenlos und auf dem neuesten Stand, finanziert nur durch Spenden. Damals wie heute funktioniert Wikipedia genau nach diesem Prinzip. Mit Erfolg.

Autor, weiblich Autorin, von lateinisch auctor „Urheber, Schöpfer, Förderer, Veranlasser“, früher und englisch author, seit dem 17. Jahrhundert auch Verfasser genannt, bezeichnet eine Person, die ein sprachliches Werk erschaffen hat.

„Nachschlagewerke waren schon immer ein Teil meines Lebens“, seit seine Mutter ihm ein Lexikon kaufte, als er noch nicht einmal lesen konnte – schreibt Gründer Jimmy Wales im Vorwort von Richters Buch. Auch das Internet faszinierte den Studenten der Finanzwirtschaft. Vor allem Online-Fantasy-Rollenspiele. Einige der Erfahrungen, etwa sich in einer Gemeinschaft zusammenzuschließen, finden sich heute in Wikipedia wieder. Mit zwei Partnern gründete Wales 1996 die Firma Bomis, die 1999 unter anderem Nupedia, den Vorläufer von Wikipedia, in Florida startete. Die Artikel wurden damals ausschließlich von Experten geschrieben. Nupedia scheiterte aber an der Software und einem mehrstufigen Kontrollverfahren der Artikel durch angestellte Redakteure. Im ersten Jahr erschienen so nur 21 Artikel. Um mehr Inhalte für Nupedia zu generieren, wurde Wikipedia mit einer vereinfachten Software entwickelt, sodass jeder eine Website bearbeiten kann. So sollten mehr Artikelschreiber angelockt werden, deren Inhalte aber weiter Experten überprüften, bevor sie erschienen. Doch bald nach dem Wikipedia-Start war Nupedia Geschichte.

Jeder kann Artikel mitschreiben und ändern

Die Artikel von Wikipedia orientieren sich in ihren Prinzipien an denen einer Enzyklopädie: wertfreie und sachliche Darstellung des Themas, Relevanz des Themas sowie genügend und vor allem seriöse Quellen. Einen Unterschied zur herkömmlichen Enzyklopädie gibt es allerdings: Der Autor eines Artikels ist in Wikipedia kaum sichtbar. Denn ein Artikel wird nicht nur von einem Autor geschrieben. Jeder kann ihn ändern, ohne zu fragen, ohne Anmeldung (zumindest in der deutschen Wikipedia). Das wird zwar dokumentiert, aber wer letztlich was genau in einem Artikel geschrieben hat, ist nicht leicht ersichtlich. Selbst wer sich anmeldet, muss das nicht unter seinem echten Namen machen. Doch diese anonyme Gemeinschaftsproduktion senkt die Hemmschwelle beizutragen. „Es zählt nur, was eine Person in Wikipedia macht und nicht außerhalb. Für renommierte Wissenschaftler ist das mitunter schwierig. Sie müssen auf dem gleichen Niveau diskutieren wie Amateure. Aber nur das ermöglicht es, dass Nicht-Fachleuchte bei Wikipedia mitarbeiten“, sagt Autor Pavel Richter. Das war vor allem für die Anfangszeit ein wichtiger Faktor für den Erfolg.

Als Berolinismus oder Berlinismus wird ein aus der Berliner Umgangssprache bzw. dem Berliner Volksmund stammender Begriff oder Ausdruck bezeichnet. Dazu gehören unter anderem Spitznamen für bestimmte Gebäude und Bezeichnungen für berlintypische Gewohnheiten.

Ein weiteres Erfolgsprinzip: Wikipedia beruht auf Vertrauen. Transparenz, Selbstorganisation und Offenheit der Schwarmintelligenz sind die Grundpfeiler. „Das kann enorm anstrengend sein, weil die Wikipedianer alles bis zum Konsens ausdiskutieren“, sagt Richter. Doch das funktioniert. Größtenteils. Dennoch kommt es zu Fehlern und auch Fakes – und somit zur Frage, ob Wikipedia eine seriöse Quelle ist.

Von einem, der absichtlich eine Falschmeldung einbaute

Da ist der „Fall“ des Journalisten Andreas Kopietz, der 2009 als anonymer Autor im Wikipedia-Artikel zur Berliner Karl-Marx-Allee die Information einfügte, die Straße sei zu DDR-Zeiten wegen der Fassadenfliesen im Berliner Volksmund auch „Stalins Badezimmer“ genannt worden. Das klang zwar plausibel, wurde aber nicht belegt – und war schlicht falsch. Kopietz wusste das. In der Folgezeit griffen mehrere Medien die Info auf und verbreiteten sie. 2011 löschte Kopietz den Eintrag wieder. Doch kurze Zeit später stellte ein anderer Autor die Info wieder rein. Immerhin gab es nun Belege in Zeitungen und Reiseführern. Erst als der Journalist in einem Artikel seinen Fake auflöste, war der Teufelskreis durchbrochen. Als Motiv für sein Tun nannte Kopietz seinen Ärger über verschiedene angebliche Berolinismen, die tatsächlich nicht im Volksmund verbreitet seien.

Gemeinschaft (von „gemein, Gemeinsamkeit“) bezeichnet in der Soziologie und der Ethnologie (Völkerkunde) eine überschaubare soziale Gruppe (beispielsweise eine Familie, Gemeinde, Wildbeuter-Horde, einen Clan oder Freundeskreis), deren Mitglieder durch ein starkes „Wir-Gefühl“ (Gruppenkohäsion) eng miteinander verbunden sind – oftmals über Generationen.

So etwas wie der „Fall“ Kopietz würde heute nicht mehr so leicht passieren, sagt Pavel Richter. Jeder neue Artikel, jede Artikelveränderung werde heute angeschaut und müsse zur Qualitätssicherung und -verbesserung bestimmte Standards erfüllen – wie ausreichend reputable Quellen besitzen. Aber wer schaut über die Artikel? Andere Wikipedianer. Denn die Gemeinschaft bilden nicht nur Autoren. Es sind auch die, die nur Fotos beisteuern, Rechtschreibfehler verbessern oder den Bestand pflegen und aktualisieren. Das eine oder andere rutsche natürlich durch, sagt Richter. Aber: „Fehler gibt es überall, auch in gedruckten Werken.“ Dennoch rät Richter, sich nicht allein auf Wikipedia als Quelle zu verlassen. „Bei einer Recherche gilt immer: Mindestens eine zweite Quelle zum Prüfen heranziehen.“

"Neue Autoren sind der größte Schatz"

Mittlerweile ist es auch Standard, dass ein Löschantrag des Artikels erfolgt, sollten Belege fehlen oder ein Artikel nicht den Anforderungen entsprechen. Obwohl nicht ungewöhlich, ist es einer der kontroversesten Prozesse in Wikipedia. Vor dem Löschen aber beginnt ein siebentägiger Prozess, bei dem Wikipedianer den Artikel diskutieren und verbessern. Von 536 Löschanträgen im November 2019 beispielsweise erfolgten dadurch tatsächlich nur 282. Statt gleich mit einem neuen Artikel zu beginnen, rät Pavel Richter daher unerfahrenen Autoren, zunächst Ergänzungen in bestehenden Texten vorzunehmen und ein Mentorenprogramm zu nutzen.

Die Zukunft ist die Zeit, die subjektiv gesehen der Gegenwart nachfolgt. Das Wort geht auf das Verb kommen zurück und hatte im Mittelhochdeutschen noch eine religiöse Dimension im Sinne eines bevorstehenden „Herabkommens Gottes“, was sich auch an der identischen Wortbildung des lat. ad-ventus „An-kunft, Zu-kunft“ (vgl. Advent) zeigt.

„Neue Autoren sind der größte Schatz“, sagt Richter – leidet Wikipedia doch unter einem Autorenschwund. Die Gründe seien vielfältig: eine in die Jahre gekommene Benutzeroberfläche, der fehlende Reiz des Neuen, aber auch eine in Teilen toxische Diskussionskultur. Die Autoren sind zum Großteil gut ausgebildete Männer ohne Migrationshintergrund, der Umgangston ist eher rau. Das wirkt abschreckend. Um Autoren zu gewinnen, müsse die Willkommenskultur besser und Wikipedia heterogener und diverser werden, erklärt Richter. Neben dem Qualitätsausbau sei das eine der Herausforderungen für die Zukunft.

Die wichtigste Herausforderung von Wikipedia jedoch bleibt, weiterhin zu versuchen, das Wissen der Menschheit zu sammeln und darzustellen. Damit auch in Zukunft gilt: Mit einem Klick Wissen von allen für alle.

Zum Weiterlesen:

Pavel Richter: Die Wikipedia Story Campus Verlag

Peter Grünlich: Der Alleswisser Yes Publishing

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren