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WhatsApp und Co.

16.03.2018

Sagen Emojis mehr als Worte?

Mit Emojis lassen sich auch Gefühle ausdrücken.
Bild: Britta Pedersen, dpa

Die Sprache der digitalen Bildzeichen wächst rasant. Was wir mit ihnen ausdrücken – und was sie über uns verraten.

Wir texten ohne Punkt und Komma. Allein über den Dienst WhatsApp werden jeden Tag durchschnittlich 55 Milliarden Mitteilungen verschickt. Da fehlen einem die Worte. Aber wer braucht schon Worte, wenn er Emojis hat. Ein „Wow, das ist ja eine irre Zahl“ ist mit einem staunenden Smiley schnell ausgedrückt. Oder etwa nicht?

Kritiker sehen in den Bildschriftzeichen den Auswuchs jugendlicher Sprachverblödung. An die Stelle von ganzen Sätzen rücken Wortfetzen und kitschige Bildchen. Vom Sprachverfall ist die Rede. Dem kann Sprachwissenschaftler Steffen Pappert von der Universität Duisburg-Essen nur widersprechen: „Emojis erweitern das kommunikative Möglichkeitsspektrum in der geschriebenen Sprache.“

Die Digital Natives haben das längst erkannt. Für sie gehören Emojis zum Sprachalltag. Allein auf Facebook werden pro Tag über 60 Millionen Bildchen verwendet. Kaum eine Nachricht wird ohne Emoji in den digitalen Äther von WhatsApp, Twitter oder Facebook gejagt. Denn die Bildchen bringen zum Ausdruck, was dem geschriebenen Wort fehlt. Sie transportieren Gestik, Mimik oder einen bestimmten Ton und schaffen damit kommunikative Nähe, weiß Pappert, der die Funktion von Emojis in der Internetkommunikation untersucht. Die Bildchen können spontan eingesetzt werden, fördern die Interaktivität zwischen den Nutzern und wecken ein Gefühl von Vertrautheit.

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Mehr als 2600 Emojis gibt es inzwischen

Über 2600 Emojis gibt es mittlerweile. Smileys, Tiere, Essen, Flaggen, Alltagsgegenstände – alles ist verbildlicht. Und die Palette an Ausdrucksmöglichkeiten wächst. Allein der Smiley, früher ein einfacher Kreis mit zwei Augen und sanftem Lächeln, hat heutzutage ein Dutzend verschiedener Gesichter. Er zwinkert, zweifelt, jubelt, weint, schämt sich, sabbert und übergibt sich. Er kommt als Hornbrille tragender Nerd oder Sonnenbrille tragender Checker daher. Der beliebteste unter ihnen weint vor Lachen. Das Gesicht mit den verkniffenen Augen, der hervorblitzenden Zahnreihe und den dicken Tränen wurde 2015 vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres ernannt. Derzeit gilt es als das meist versandte Emoji weltweit. Allein auf Twitter wurde es seit 2013 fast 2 Milliarden Mal verschickt, wie die Internetseite emojitracker.com zeigt. Der Tränen lachende Smiley dicht gefolgt von Herzchen-Emojis aller Art.

„In einem richtigen Gespräch vermitteln wir Inhalte auch über Blicke, Gesten oder die Körperhaltung“, sagt Christa Dürscheid von der Universität Zürich. „Es verwundert nicht, dass wir auch in dialogischen Texten auf Mittel zurückgreifen, die zusätzlich zur Sprache etwas ausdrücken können.“ Wie Pappert untersucht auch Dürscheid das Phänomen der Emojis und sieht in ihnen weniger eine Gefahr als vielmehr eine Erweiterung des sprachlichen Repertoires. „Wir verwenden Emojis selten, um ganze Wörter zu ersetzen, sondern meist, um das Geschriebene zu illustrieren“, erklärt sie. Um abstrakte, grammatische Zusammenhänge auszudrücken, stoße man mit Emojis schnell an Grenzen. „Wörter wie gestern oder morgen beispielsweise lassen sich mit ihnen nicht darstellen“, so Dürscheid.

Mehr als 2600 Emojis gibt es derzeit.
Bild: Arno Burgi, dpa

Auch Missverständnisse lassen sich nicht vermeiden. Denn die vermeintlich klaren Bilder sprechen keine eindeutige Sprache. Für die meisten Twitter-Nutzer symbolisiert ein Pfirsich keine pelzige Frucht, sondern vielmehr einen Hintern. Laut der Plattform Emojipedia wird das Pfirsich-Bildchen häufiger in einem sexuellen Kontext verschickt als im Zusammenhang mit Obst. Ähnlich ergeht es der Aubergine, mit der so manch männlicher Nutzer sein Intimstes zu umschreiben versucht. Und während in Japan der lachende Kot-Haufen Glück symbolisiert, wird er hierzulande versendet, um Glück im Unglück mitzuteilen. „Bilder sind bedeutungsoffener als Worte und geben viel Raum für Interpretationen“, erklärt Pappert.

Emojis können leicht zu Missverständnissen führen

Selbst ein einfacher Smiley kann zu Missverständnissen führen. Ist der getippte Lacher auf die Frage, wie die Verabredung lief, jetzt ernst gemeint oder doch nur ironisch. Und wirkt der schlichte Ur-Smiley mit seinem sanften Lächeln nicht fast schon verschlagen neben all den ausdrucksstarken Gesichtern. Die schiere Auswahl kann den smarten Nutzer überfordern. Aber wie die Sprache erlauben auch Emojis Feinheiten. Seit 2015 gibt es die Bildchen politisch korrekt in verschiedenen Hautfarben. „Es schafft ein Bewusstsein für gesellschaftliche Vielfalt“, sagt Dürscheid. Aber es sei langfristig nicht möglich, alle benachteiligten Gruppen abzubilden. „Ob solche Emojis auch in der Realität etwas bewirken können, ist eine ganz andere Frage.“

Bei gesellschaftlichen Großereignissen wirken Emojis wie ein Stimmungsbarometer. Auf Twitter wurde der Brexit mit klatschenden Händen, tränenüberströmten Gesichtern oder einem Affen, der die Hände über dem Gesicht zusammenschlägt, um den Tatsachen nicht ins Auge sehen zu müssen, verbildlicht. Auf Donald Trumps Wahlsieg folgten Luftschlangen, Partyhütchen und wutschnaubende Aggro-Smileys. Dabei fing alles so harmlos an.

:-) Diesen Ur-Typ aller bildlichen Schriftzeichen benutzte der amerikanische Informatiker Scott Fahlmann 1982, um seinem sarkastischen Unterton in einem Online-Forum Ausdruck zu verleihen. Daraus entwickelten sich Varianten wie der :-( oder der ;-), die als Emoticons, einer Kombination aus Emotion und Icon (Bildchen), bekannt wurden. Erst der Japaner Shigetaka Kurita verwandelte Anfang der 1990er Jahre die mageren Zeichenkonstruktionen in grafisch ansprechende Bilder. Er erfand 176 einfarbige Symbole und nannte sie Emojis. Dahinter steckt keine Emotion, sondern die japanische Wortzusammensetzung aus „e“ für „Bild“ und „moji“ für „Schriftzeichen“.

Verdrängen Emojis die normale Sprache?

Heute gibt es über 2600 Emojis und es werden jedes Jahr mehr. Allein im Juni sollen über 60 neue Emojis auf den Displays leuchten. Darunter Errungenschaften wie eine Rolle Klopapier, ein Törtchen oder ein überanstrengter Smiley mit Schweißperlen auf der Stirn. „Je mehr Emojis auf dem Display aufpoppen, umso schwieriger wird die Suche nach dem Passenden“, so Dürscheid. Bei neueren Betriebssystemen würden Emojis wie bei der Worterkennung schon kontextbezogen vorgeschlagen. „Das kann natürlich dazu verführen, Emojis künftig häufiger auch als Wortersatz zu verwenden“, so die Sprachwissenschaftlerin.

Welche neuen Emojis hinzukommen, darüber entscheidet das 1991 gegründete Unicode-Konsortium. In ihm sind Mitglieder aller großen Softwareunternehmen wie Apple, Microsoft oder Google vertreten. Emoji-Fans weltweit können Vorschläge für neue Bildchen einreichen. Und, welches neue Emoji würden Sie gerne auf Ihrem Display blinken sehen?

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