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Liebe

17.02.2021

Trend Polyamorie: Über das Leben in einem "Liebesrudel" in Augsburg

Besser viele Lieben als eine Paarbeziehung?
Bild: Kavafolio, Adobe

Plus Besser viele Lieben als eine Paarbeziehung? Das sagt Evolutionsbiologin Meike Stoverock. Und so lebt das Augsburger Liebesrudel um Clara Tengler. Eine Erkundung.

Die, der, das. Liebe, Sex, Geschlecht. Darum geht es. Und bei aller Konjunktur, die diese Themen ja sowieso immer, aber derzeit wieder besonders in der Öffentlichkeit haben – vom Geschäft mit der Sinnlichkeit über (auch sozial) medial aufmerksamkeitsträchtige Offenbarungen bis hin zu hitzigen ideologischen Debatten: Kann es eigentlich Persönlicheres geben?

Darum soll das hier auch persönlich beginnen. Was also denken Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie lesen, dass es einen Trend gibt, der Polyamorie heißt? Dass sich etwa in Augsburg Menschen, zumeist im Alter zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig, zu einem sogenannten „Liebesrudel“ zusammengeschlossen haben? 20 sind es im Kern, etwa 40 in der sogenannten „Familie“ und gut 100 im Gesamten … Denken Sie an Orgien, eine Art privaten Swinger-Klub? Oder denken Sie vielleicht an die Rückkehr des Hippietums samt freier Liebe und so?

Ist sexuelle Treue natürlich? Führt sie zur Depression?

Gleich werden wir die Person kennenlernen, die dieses Liebesrudel vor vier Jahren gegründet hat – und es inzwischen sogar in einen Verein mit eigenen Räumlichkeiten und gemeinsamer Kasse überführt hätte. Wäre nicht Corona auch über die Beziehungswelt hereingebrochen. Denn wenn die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie schon für manche normale Paarbeziehung zum Problem werden, dann wirken sie sich freilich für eine ganze Liebesgemeinschaft noch viel verheerender aus. Wobei allein die Formulierung dieses Satzes schon wesentliche Schwierigkeiten enthält. Denn was heißt hier „normal“? Und meint „Liebe“ hier das Gleiche? Oder denken Sie, beides sei doch eigentlich klar?

Meike Stoverock ist Biologin und hat das Buch "Female Choice" zur Kulturgeschichte der Beziehung zwischen Mann und Frau geschrieben
Bild: Annette Hauschild, Ostkreuz

Darum zunächst zu Meike Stoverock. Die ist Biologin und erzählt in ihrem Buch nichts weniger als die (Kultur-)Geschichte von Mann und Frau von ihrem Anfang bis heute („Female Choice“, Tropen-Verlag, 320 Seiten, 22 Euro). Darin ist zum Beispiel zu erfahren, dass die Menschheit vor rund 10.000 Jahren quasi „falsch abgebogen“ sei. Weil sich beim Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit eine Dominanz des Mannes samt Alleinanspruch auf die Frau erst etabliert habe. Also das, was in Debatten bis heute so gerne als natürlich bezeichnet wird – als „normal“. So Stoverock.

Und wer ihr nun etwa die Frage vorlegt, was das Problem sein soll an einer ja in all der Zeit durchaus moderner und partnerschaftlicher gewordenen „romantischen Paarbeziehung“, der bekommt folgende Antwort: „Sexuelle Treue, vor allem von Frauen, hat in der Regel ein natürliches Verfallsdatum. Gerade in längeren Beziehungen begehren Frauen ihre Partnerpersonen daher nicht mehr. Das führt zu großer sexueller Unzufriedenheit bei allen Beteiligten.“ Schlucken, kurz durchatmen, und weiter: „Weil wir aber dem gesellschaftlichen Narrativ der ewigen großen Liebe mit der einen richtigen Person nachhängen, trauen wir uns nicht, uns einzugestehen, dass wir sexuelle Bedürfnisse haben, die wir in der Partnerschaft nicht mehr länger erfüllt finden. Statt die Beziehung zu beenden, erhalten wir sie unter Verleugnung unserer eigenen Sehnsüchte. Seitensprünge, Ehekrisen bis hin zur Depression sind die Folge.“ Ein herber Befund.

Augsburger Liebesrudel: Neue Familie oder alternativer Swinger-Klub?

Das Problem liegt demnach also bereits in der „Natur“, genauer: in ihrer Verschiedenheit die Sexualität betreffend. Während „natürlich“ für Frauen, „die zeitlich begrenzte Paarbeziehung“ sei, seien dies „für Männer weniger starke Bindungen zu mehreren Frauen“. Also: „Männern entspricht es eher, mehrere Partnerinnen zu haben, Frauen haben diese eher zeitlich nacheinander.“ Sagt die Biologin. Und gefragt, was an offeneren Modellen besser ist, sagt sie: „Zum einen können wir den Reiz des Neuen, also die frische Schwärmerei und das Begehren, immer wieder erleben, ohne gleichzeitig auf die vielen anderen Dinge, die eine Beziehung erhaltenswert machen, verzichten zu müssen.“ Aber: „Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass beide Personen sich einig sind, dass das offene Modell Vorteile bringt, und sich nicht eine von beiden nur der anderen zuliebe darauf einlässt.“

Und hier kommt nun, auch wenn Meike Stoverock gleich noch mehr Interessantes zu sagen haben wird, unweigerlich Clara Tengler ins Spiel, 28, selbstständige Künstlerin aus Augsburg. Und Gründerin des Liebesrudels. Denn hier wird all das, was es zunächst ja ist: persönlich. Der Zündfunke ihrer Initiative nämlich war, dass sie in einer längeren Beziehung mit einem Mann an einen Punkt kam, wo die Liebe zueinander zwar noch da war, aber gerade, um diese zu bewahren, der gemeinsame Entschluss zu einer Öffnung folgte. Und wo die Biologin sehr viel über Sex spricht, spricht die Künstlerin vor allem von Liebe. Denn Polyamorie ist ja nicht nur wie Polygamie Gegenbegriff zur Monogamie, also viele Sexualpartner statt einem. Es geht um Gefühle, Beziehungen, die ganze Person, nicht nur den Körper, es geht um Gemeinschaft, „ein Zuhause“. So viel zu Orgien oder Swinger-Klubs.

Clara Tengler ist selbstständige Künstlerin und hat das Liebesrudel in Augsburg gegründet.
Bild: Jaqueline Höger

Volle zwei Stunden spricht Clara Tengler darum zu Menschen, die sich für das bis Corona stetig wachsende Liebesrudel informieren wollen – bevor für weiter Interessierte dann noch eine Reihe von Workshops vor einer Aufnahme stehen. Obligatorische wie die zum Grenzenziehen, zur Verletzlichkeit oder zu Geschlechtskrankheiten. Aber auch kursorische wie etwa zu Lehren der Langsamkeit oder zu Traumata. Es geht um Bewusstseinsbildung. Und Clara Tengler spricht, wie sie auch sonst wirkt: zart, aber dabei eindringlich. Eine junge Frau, kräftig tätowiert, aber mit Sanftmut in der Erscheinung.

Wobei in diesem Satz wieder ein vermeintlich normales Wort problematisch wird: Frau. Denn wie so manch andere Person im Liebesrudel sieht sich Clara Tengler jenseits der Festlegung in Mann und Frau. Hadert, wenn man ihren Namen im Text mit „sie“ oder „er“ ersetzen will, hätte gerne eine deutsche Entsprechung für das im Englischen hier üblich gewordene Mehrzahl „they“ – und schlägt schlicht den Vornamen vor. Clara also.

Bei Meike Stoverock liegt in ähnlichem die beste Lösung für eine gesellschaftliche Gesundung der Liebe. Sie schlägt „eine androgyne Zivilisation vor“, zwitterhaft also, „in der männliche wie weibliche Bedürfnisse gleichermaßen berücksichtigt werden“. Clara versucht genau das mit dem Liebesrudel bereits zu leben – zunächst im Persönlichen. Und natürlich geht es dabei mitunter auch um Sex und die Freude, die sogar dabei zu empfinden ist, einen geliebten Menschen mit jemand anderem im intimen Miteinander zu sehen. Aber in vielem, was Clara zum Sinn und zu den Ritualen des Rudels sagt, wirkt der Ansatz doch viel mehr beziehungstherapeutisch.

Vielfalt der Liebe, Vielfalt der Sexualität, Vielfalt des Geschlechts

Zum Beispiel: „Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem wir uns selbst frei und sicher in voller Offenheit erleben können – mit all dem, wonach uns verlangt. Aber auch mit all den Verengungen, die in uns sind und zum Teil noch aus den Leben unseren Vorfahren auf uns übertragen wurden.“ Oder: „Es geht um die Bereitschaft, sich und einander wirklich zu begegnen, sich auch verletzlich zu machen und sich gerade dabei zu entfalten, als die, die wir sind. Und nicht in Festlegungen zu verharren, die aus der Gesellschaft stammen.“

Es geht um die Vielfalt der eigenen Liebe, die Vielfalt der eigenen Sexualität, die Vielfalt des eigenen Geschlechts – denn das alles sei eben in stetiger Bewegung. Und der offene Umgang damit sei „wie ein Muskel, den man trainieren muss“. Sagt Clara.

Wie das im Liebesrudel aussieht? Die Gruppe ist über Social Media verbunden – und neben den vielfältigen Kontakten, die die Angehörigen ohnehin pflegen, gibt es (ohne Corona) gelegentliche Feste und mindestens einmal im Monat eine Einladung zum Gruppen-Treffen. Dabei tritt, wer sich gerade dazu frei fühlt, gemeinsam mit den anderen buchstäblich in einen offenen Raum der Möglichkeiten. In dem gesprochen wird, es aber vor allem um Berührung geht: bereits durch Einander-Ansehen, die Begegnung in der Bewegung, in den Arm nehmen, streicheln, kuscheln – aber auch durch das Gehen in die „penetrative oder orale Sphäre“, wie Clara es nennt. Je nachdem, wer gerade welches Bedürfnis hat oder was sich zwischen Anwesenden jenseits aller Geschlechter- und Bindungsfestlegungen ergibt …

Die historische Bedingtheit ändert nichts an der Wahrhaftigkeit des Empfindens heute

Das Ziel? Clara beschreibt es als „das möglichst intensive Erleben dieses Lebens, alles umfassend“, auch den Schmerz. Aber weil dieses eigene Leben allzu oft an verinnerlichten Grenzen äußeren Festlegungen der Gesellschaft leidet, versteht Clara das Liebesrudel auch als „politischen Aktivismus“, gemäß der 68er-Losung: Das Private ist politisch. Also doch Hippietum mit freier Liebe und so? Wenn dann ein neues. Denn das Unterfangen erscheint hier zwar nicht weniger spirituell, aber eher evo- als revolutionär, neu- statt antibürgerlich, erst therapeutisch, dann politisch; und ohne resoluten Absolutheitsanspruch.

Clara jedenfalls ist sich bewusst, dass die Suche dieser neuen Gemeinschaft, dieses „Tribes“, wie sie es nennt, dieses Stammes also, nicht nur eine ist, die sich aus den Verbindungen des Internet-Zeitalters speist. Sie weiß auch, dass es eine historische Gunst dieser von Krieg und existenzieller Bedrohung verschonten Generationen ist, sich dem widmen zu können. Wenn andere Generationen überhaupt erst darum ringen mussten, ein Leben zu haben und sich eine Existenz aufzubauen, gibt es nun die Gelegenheit, diese zu vollem Bewusstsein zu entwickeln.

Aber die historische Bedingtheit ändert ja nichts an der Wahrhaftigkeit des Empfindens heute. Und dieses Empfinden widerspricht ja nicht selten grundsätzlich der Ausrichtung des Daseins am Besitz – hier vor allem aber diesem Anspruch in Beziehungen. Was im Übrigen im Liebesrudel nicht heißt, dass es nicht auch Menschen gibt, die eigentlich in einer Paarbeziehung leben und doch dazugehören. Die Grenzen sind nur keine festen mehr. Und Clara selbst kann sich durchaus vorstellen, mal Kinder zu haben – aber auch das dann nur im Rahmen einer Gemeinschaft, eines „Tribes“. Klingt irgendwie schon fast natürlicher, oder? Und sollte es normaler werden?

Statt Fortpflanzung nun Liebe, Verbindlichkeit, Unterstützung

Meike Stoverock sagt: „Der Gegensatz besteht weniger in der Anzahl der Partner, mit denen man Liebesbeziehungen eingeht, als vielmehr in der Dauer dieser Beziehungen. Monogame Beziehungen kommen in vielen Kulturen vor, auch in ursprünglichen, naturnah lebenden. Doch sind sie in der Regel zeitlich begrenzt, und die Frauen bekommen Kinder von unterschiedlichen Vätern.“ Die Polyamorie nun sei „ein rein kulturelles Konzept, das den ursprünglichen Zweck von Bindungen – die Fortpflanzung – gegen modernere Gründe – Liebe, Verbindlichkeit, Unterstützung – ersetzt hat.“

Aber warum das gerade heute ein Trend ist? Die Biologin: „Auch wenn die Zivilisation und Kultur viel an dem natürlichen, evolutionär entstandenen Partnerschaftsmodell geändert haben, bleiben die Informationen in unseren Genen gespeichert. Die natürlich entstandene Reproduktionsstrategie zeitlich begrenzter Begegnungen liegt uns also immer noch im Blut. Das spüren vor allem Frauen, weil sie heute nicht mehr so durch wirtschaftliche Zwänge in die lebenslange Ehe gedrängt werden, wie das bis zur Erfindung der Pille der Fall war. Wir kehren zurück zu unserer eigenen Lust.“ Das falsche Abbiegen könnte korrigiert werden …

Und? Was denken Sie nun? Dass es sich, wer in Polyamorie lebt, zu leicht macht mit der Liebe, weil sie lieber mit vielen gespielt, als im Paar um sie gerungen wird? Oder dass es, im Gegenteil, allzu kompliziert wird in vielen Beziehungen? Ist es womöglich die romantische Vorstellung, die es sich zu leicht macht mit der Liebe? Denken Sie, dass Polyamorie das Ende der Familie bedeutet? Oder wäre es der Beginn eines neuen Miteinanders?

Entsteht hier eine Parallel- oder die neue Gesellschaft? Und wie wird es für deren Kinder, wenn sie, inmitten unfestgelegter Möglichkeiten heranwachsend, sich selbst suchen und die Liebe? Wird zu viel Freiheit zur Last? Helfen da Grenzen? Oder ist der nötige Halt aneinander zu gewinnen? Bringen viele Lieben mehr Liebe? Oder gibt es nur die eine, wie oft man sie auch teilt? Hauptsache, man findet sie?

Also: Welche Antworten gibt Ihnen die Liebe? Darum geht es doch.

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14.02.2021

Frauen und Männer sind also verschieden! Das unterschreibe ich sofort! Sollte man die psychische und physische Gesundheit einer derartigen Gruppe über einen längeren Zeitraum beobachten, bin ich mir sicher, daß die Ergebnisse eindeutig wären!

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