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Interview
04.12.2021

Monty-Python-Star John Cleese: „Wir brauchen ein Mysterium“

John Cleese hat die Kunst des hintersinnigen schwarzen Humors perfektioniert.
Foto: Koen Van Weel, dpa

Die britische Comedy-Legende John Cleese ist wieder da. Er spricht über Humor, ein glückliches Leben und Nahtoderfahrungen. Worüber er nicht lachen kann.

Herr Cleese, Ihr Film „Clifford, der große rote Hund“ verbreitet den Optimismus, dass wir Menschen uns alle gut verstehen können, wenn wir wollen. Teilen Sie den?

John Cleese: Im privaten Bereich: ja. Aber insgesamt habe ich große Zweifel, was unsere Spezies angeht. Ich war in den 70ern in einer Therapiegruppe voller kluger Menschen, die versuchten, sich und ihr Leben zu ändern. Aber sie haben es nicht geschafft. Und ich dachte, wenn das intelligenten Personen schon so schwerfällt, wie schwierig ist das erst mit der ganzen Gesellschaft.

Aber gibt es denn nicht auch positive Tendenzen? „Clifford“ zum Beispiel spielt in Amerika, wo es immerhin in diesem Jahr einen Regierungswechsel gegeben hat.

Cleese: Aber vielleicht verliert Biden wieder seine Mehrheiten im US-Kongress. Ich bin sehr enttäuscht von den progressiven Demokraten, die auf ihren maximalen Forderungen bestehen. Die sollten nehmen, was sie kriegen können. Politik ist die Kunst des Möglichen. Und gleichzeitig hat Trump immer noch eine riesige Gefolgschaft. Die reicht zwar nicht aus, um Wahlen legal zu gewinnen, aber in einzelnen Staaten kontrollieren seine Unterstützer die Wahlsysteme, und auf diese Weise können sie eben doch den Sieg davontragen. Und dann haben wir die Katastrophe. Wer sonst kann die Demokratie noch schützen außer Europa? Das ist ein vergleichsweise anständiger Kontinent, aber er ist leider nicht stark genug gegenüber dem Rest der Welt.

Komiker John Cleese warnt vor „Cancel Culture“

In der westlichen Welt gibt es aber nun auch eine Bewegung, die radikal auf politische Korrektheit plädiert und die Sie mit Ihrer künftigen Serie „Cancel Me“ aufs Korn nehmen.

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Cleese: Oh ja, das ist eine sehr alarmierende Entwicklung.

Worin genau liegt das Problem dieser gesellschaftlichen Strömungen?

Cleese: Ich selbst bin mit liberalen demokratischen Prinzipien groß geworden. Und dazu gehört es, dass man auch den Menschen zuhört, die eine gegensätzliche Meinung vertreten. Aber wenn du dich in deine Echokammern versenkst, wo jeder deine Auffassung bestärkt, dann entgehen dir wichtige Informationen. Und speziell das Problem der „Cancel Culture“ ist, dass sie alles wortwörtlich versteht. Diese Leute begreifen nicht, dass Worte ihre Bedeutung aus dem jeweiligen Kontext bekommen und nicht aus dem Lexikon. Und deshalb können sie Ironie nicht verstehen. Denn wer dieses Stilmittel einsetzt, meint eigentlich das komplette Gegenteil. Du kannst auch Leute necken oder hänseln – aber auf liebevolle Weise. Das gehört zu engen zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber das verstehen diese Leute auch nicht. Es ist nur nicht okay, wenn man Menschen auf hämische Weise ärgert.

Was ist denn guter Humor?

Cleese: Mit gutem Humor baust du für eine kurze Zeit eine Distanz zum eigenen Ego auf. Du machst dir bewusst, dass unsere Situation als Menschen eigentlich lächerlich ist. Wir können die fantastischsten Pläne schmieden, aber die meiste Zeit bleiben wir weit hinter unseren Erwartungen und Hoffnungen zurück.

John Cleese hat mit 82 seine Jugendlichkeit noch nicht verloren.
Foto: Jörg Carstensen, dpa

Was ist schlechter Humor?

Cleese: Das sind diese bösartigen Scherze über die Leute oder Gruppen, die wir nicht mögen. Auf dieser paranoiden Seite des Spektrums finden sich auch diese üblen rassistischen Witze. Vieles davon ist auch gar nicht lustig. Damit versucht man nur, seine Überlegenheit gegenüber den Menschen ausdrücken, die man herabsetzen möchte.

Monty-Python-Star Cleese lacht am liebsten über sich selbst

Worüber machen Sie selbst sich am liebsten lustig?

Cleese: Die politische Entwicklung, gesellschaftliche Situationen und natürlich mich selbst. Es gibt fast keinen Aspekt meines Lebens, über den ich mich nicht amüsieren könnte.

Wo ist Ihnen in Ihrem Leben das Lachen vergangen?

Cleese: Dass ich meiner Ex-Frau 20 Millionen Dollar zahlen muss. Weshalb ich immer noch Geld verdienen darf, anstatt mich aufs Schreiben zu konzentrieren.

Sie haben sich ja viele Jahre mit Psychologie beschäftigt, haben auch Bücher geschrieben. Was ist der Schlüssel, um ein glückliches Leben zu führen?

Cleese: Eine wirklich vernünftige Antwort habe ich nicht. Wir können eigentlich nur Folgendes machen: Wir können versuchen, unser Ego und unser Unterbewusstes zu verstehen. Und dann stürzen wir uns in Aktivitäten und suchen uns ein paar Glaubensvorstellungen, bei denen wir anerkennen, dass wir effektiv nicht verstehen, was wir hier auf diesem Planeten sollen. Denn um das zu begreifen, reicht wahrscheinlich die Kapazität unseres Gehirns nicht aus.

Ist das nicht sehr deprimierend?

Cleese: Nein, denn dadurch verstehen wir auch, dass wir uns einfach nicht so ernst nehmen sollen. Und diese Erkenntnis kann uns glücklich machen.

Glaube kann auch lustig sein

Religion sollte man auch nicht ernst nehmen – wenn man von Monty Pythons „Das Leben des Brian“ ausgeht.

Cleese: Religion als solche kann sehr hilfreich sein, solange es nicht um organisierte Religion geht. Ein Jesus, ein Mohammed oder ein Buddha hatten zutiefst mystische Erfahrungen, aber ihren Nachfolgern, insbesondere im Christentum und Islam, ging es nur um reine egoistische Machtausübung. Und in diesem Sinne interpretieren sie auch ihre Lehren. Wir brauchen eine Religion, in der es nicht darum geht, das eigene Ego oder das Ego der jeweiligen Glaubensrichtung aufzublasen.

Mit ihrem schrägen Humor haben Terry Gilliam, Terry Jones, John Cleese und Michael Palin (von links) die Comedy-Welt verändert.
Foto: Justin Williams, PA Wire/dpa

Doch gegen die mystische Erfahrungswelt der Religion haben Sie nichts?

Cleese: Nein, denn wir brauchen ein Mysterium. Wir verstehen immer noch nicht, woher wir kommen. Ja, es gibt das Konzept des Urknalls. Aber was sagt das schon aus? Die Wissenschaftler, die glauben, dass sie alles erklären können, haben völlig die Tuchfühlung mit der Realität verloren.

Cleese glaubt an paranormale Fähigkeiten

Welches Mysterium fasziniert Sie denn am meisten?

Cleese: Der Tod beziehungsweise das Leben nach dem Tod. Ich beschäftigte mich schon seit vielen Jahren mit dem Thema der Nahtod-Erfahrungen, und ich bin inzwischen überzeugt, dass es danach etwas geben muss.

Was gibt Ihnen diese Sicherheit?

Cleese: Zum Beispiel hat meine Frau Menschen mit paranormalen Fähigkeiten gefunden, die Informationen über Verstorbene hatten, die sie von keiner anderen Quelle hätten haben können. Ich habe jemand mal einen Geldbetrag geliehen, wovon nur drei Menschen wussten – und dieses Medium konnte genau sagen, wem ich das geliehen hatte und wie viel das war. Wenn so etwas passiert, dann denkst du dir schon: Da muss es noch etwas anderes geben. Das Leben ist viel reicher, als wir denken. Aber die Wissenschaftler haben immer noch diese strikt materialistische Sicht auf die Dinge, die einfach falsch ist. Aber diese Menschen sind eben wie wir alle: Sie haben ein Ego und möchten immer recht behalten.

Zur Person: John Cleese ist inzwischen 82 Jahre alt – und seit seinem Wirken mit Terry Gilliam, Terry Jones, Michael Palin und dem bereits gestorbenen Eric Idle in der Komikergruppe Monty Python legendär. Der englische Mittelschichtsprössling Cleese studierte Jura in Cambridge, ist heute in vierter Ehe verheiratet, hat aus früheren zwei Töchter und lebt in der Karibik. Sein neuer Film heißt „Clifford, der große rote Hund“.

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04.12.2021

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