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Kölner Kunstskandal
03.06.2011

Wie fälsche ich richtig?

Lassen Sie uns gemeinsam aus den Fehlern entlarvter Schwindler lernen. Eine kleine Anleitung, damit es Ihnen nicht wie Wolfgang B. ergeht, der gerade auf seinen Prozess wartet

Augsburg So. Sie sind also interessiert? Sie möchten also teilhaben am Millionengeschäft Kunstmarkt? Wollen sich auch ein Stück aus der Torte herausschneiden, weil auch Sie – wie so mancher – in Sachen Kunst des 20.Jahrhunderts, vor allem der abstrakten Kunst, der Meinung sind: „Das kann ich auch! Das kann sogar mein Nachwuchs!“

Weil auch Sie – wie so manche – im Fach „Zeichnen“ ehedem eine 1 oder wenigstens eine 2+ vorweisen konnten und wirklich nicht ungeschickt mit den Fingerchen sind. Weil es ja auch eine Gaudi ist, à la X oder à la Y zu malen und hinterher durchaus Anerkennung zu empfangen – einmal ganz abgesehen von den vielen Tausendern, die sie einstreichen könnten bei einem Verkauf. (Auch der Schreiber dieser Zeilen hat schon einmal spaßeshalber abstrakte Arbeiten eines großen Künstlers in Serie nachgeahmt. Er erinnert sich gerne an den Erfolg, der eintrat – bevor er die Fälschungen gestand und eine davon verschenkte. Heute hängt das Machwerk – als Falsifikat bezeichnet – in einer Privatsammlung.)

Stilfragen sind nur am Rande von Bedeutung

Gut, Sie wollen also tatsächlich den einen oder anderen, mehr oder weniger bekannten Künstler nachahmen – und sind scharf auf das große Geld, das winkt? Dann darf Ihnen an dieser Stelle zunächst sehr wohl Hoffnung, jedenfalls hinsichtlich abstrakter Kunst, gemacht werden. Bei Mondrian, Yves Klein und späteren Werkphasen von Kandinsky müsste doch was zu machen sein…

Handwerk und Technik vorausgesetzt, auch die Fähigkeit, Farbmischungen zu erkennen und nachzurühren und im entsprechenden Pinselduktus aufzutragen – dies alles also vorausgesetzt, werden Sie recht weit kommen. Denn: Betrachtet man den jüngsten Millionen-Kunstskandal um sehr viel schwerer zu fälschende gegenständliche, figurative Gemälde aus der frei erfundenen Sammlung Jägers, bei dem in der vergangenen Woche in Köln Anklage gegen vier Personen erhoben wurde, dann stellt sich schnell heraus, dass stilistische Kriterien entweder gar nicht oder nur ganz am Rande bei der mutmaßlichen Entlarvung der gefälschten Werke (Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Max Ernst, Fernand Léger) eine Rolle spielten.

Ja, man kann auf diese Aussage noch eins draufsetzen: Im Falle Jägers, in dessen Verlauf offenbar gefälschte Gemälde auch in Museen ausgestellt worden waren, schöpften zunächst nicht einmal eine Reihe von honorigen Museumsdirektoren, studierten Kunsthistorikern, ausgewiesenen Werkverzeichnis-Spezialisten und Künstler-Nachkommen Verdacht. Im Gegenteil: Man war hingerissen von Motiv, Bildaufbau, Farbgebung – und davon, dass ein sozusagen „verschollenes“ Werk „wiederentdeckt“ werden konnte.

Warum aber ist das so, dass jene, die die Handschrift eines Künstlers durch jahrelanges Studium am besten kennengelernt haben müssten, sich so schwertun mit stilkritischen Zweifeln? Und warum liefern oft ganz andere Kriterien die entscheidenden erkennungsdienstlichen Hinweise für die Enttarnung gefälschter Kunst? Machen wir gemeinsam einen kleinen Ausflug in die Schwesterkunst Musik, um das Problem zu umreißen.

Es war 1973, als ein Herr Gunter Elsholz aus Kronberg im Taunus dem Münchner Henle-Verlag die Abschrift einer unbekannten Franz-Schubert-Symphonie in E-Dur anbot. Seine Berliner Tante sei im Besitz originaler Stimmkopien des Werks aus dem 19.Jahrhundert, wünsche aber vorerst keine Veröffentlichung. So müsse er nun in heimlicher, nächtlicher Abschreib-Arbeit die Symphonie auf Berlin-Besuchen retten.

Tipp-Ex als Deckweiß auf Schuberts Notenpapier

Ein vom Henle-Verlag hinzugezogener Schubert-Spezialist blieb reserviert, als er das Notenmaterial sowie einen beigelegten Brief von Schubert begutachtet hatte, wollte aber so lange kein endgültiges Urteil über echt bzw. falsch abgeben, bevor nicht die alten Original-Kopien selbst einsehbar seien.

Weniger skeptisch zeigte sich seinerzeit indessen ein Schubert-Kenner der ehemaligen DDR, der auf Echtheit plädierte. Elf Jahre lang, weit über die Hannoveraner Uraufführung der Symphonie hinaus (1982), tobte die wissenschaftliche Debatte. Dann gab es ein unrühmliches Ende. In die argumentative Enge getrieben, rückte Elsholz die Noten heraus, von denen er abgeschrieben hatte, und jene Berliner Bundesanstalt für Materialprüfung, die kurz zuvor bei der Affäre um die Hitler-Tagebücher festgestellt hatte, dass diese nicht seien, was sie sein sollten, gelang auch der Nachweis, dass das eingereichte Elsholz-„Original“-Notenpapier aufgrund optischer Aufheller nicht älter als 30 Jahre alt sein konnte. Mehr noch: Dass ein darauf verwendetes Deckweiß in seiner Zusammensetzung identisch sei mit dem seit 1970 produzierten Tipp-Ex.

Der chemische Befund also lautete auf „Fälschung“, während zuvor die Stilkritik diverser Spezialisten uneins blieb. Und nun kommt’s: Gunter Elsholz, dessen zur Beglaubigung vorgelegter Schubert-Brief ebenfalls eine Fälschung war, machte sich nach seiner Bloßstellung einen Namen als Vollender von Kompositionsfragmenten Schuberts.

Der Fall Schubert wie auch der Fall Hunderter von Alexej-von-Jawlensky-Aquarellen, die in den 1990er Jahren auftauchten, jetzt der Fall Jägers: Sie laufen alle auf das Gleiche hinaus, nämlich dass es leichter ist, den sinnlichen Eindruck eines Werkes zu fälschen als dessen materielle Substanz sowie dessen Dokumentation. Auch der schärfste ästhetische Instinkt hat nun einmal keine Beweiskraft – im Gegensatz zu echten Rechnungen, Urkunden und Sammler-Verzeichnissen. Also: Wie beglaubige ich die Geschichte eines Kunstwerks, das gar keine haben kann, weil es jüngst erst gefälscht wurde? Hier nun müssen Sie als angehender Kunstfälscher aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Wenn Sie wirkliche Perfektion anstreben, ist es eine Herausforderung. Denn das jetzt in Köln angeklagte Quartett mit dem mutmaßlichen Fälscher Wolfgang B. an der Staffelei agierte ja offensichtlich schon bemerkenswert geschickt in der Verpackung (mondänes Auftreten) wie im Inhalt: Es hatte für seine peu à peu in den Auktionsmarkt (Sotheby’s, Christie’s, Kunsthaus Lempertz) eingeschleusten Gemälde, rund 50 an der Zahl, eine überzeugendere Herkunftserklärung als die oben erwähnte Berliner Tante von Herrn Elsholz.

Erfundene Sammlung eines echten Großvaters

Es hatte unter anderem den Kölner Unternehmer Werner Jägers aufzubieten, den Großvater der zwei in Köln ebenfalls angeklagten Schwestern Helene und Jeanette. Dieser Großvater besaß den geldwerten Vorteil, tatsächlich gelebt zu haben – wenn auch ohne jene spektakuläre Kunstsammlung, die ihm die Enkeltöchter posthum andichteten. Scheinbar war durch ihn immerhin schon eine Kunstwerk-Quelle mit konkretem Namen geschaffen.

Die zweite Quelle waren einstens renommierte Galeristen – wie etwa der Kunsthändler Alfred Flechtheim mit seinen Verbindungen zu den rheinischen Expressionisten. Sein Besitzvermerk prangte als nachgemachter Aufkleber auf der Rückseite der auf den Markt geworfenen Bilder. Deren Motive waren häufig – clever auch das – tatsächlich einmal vom angegebenen Künstler gemalt worden und sind teils als alte Schwarz-Weiß-Fotos bekannt, gelten aber als verschollen.

Auch auf dem Heinrich Campendonk zugewiesenen Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“, das 2006 im Kölner Kunsthaus Lempertz für 2,4 Millionen Euro versteigert worden war, klebte ein auf Alt getrimmter Flechtheim-Vermerk. Und doch unterlief dem Maler hier, wie auch bei weiteren Imitaten, ein kapitaler Fehler: Der Einfaltspinsel verwendete Ölfarben, die es zu den behaupteten Werk-Entstehungszeiten noch gar nicht gegeben hatte. Da schließt sich nun der Kreis. Erinnern Sie sich noch an das Tipp-Ex bei Franz Schubert?

Und hier nun müssen Sie ansetzen, wenn Sie aus den Fehlern der anderen lernen wollen. Drei Punkte sind zu beachten. In Kürze:

  • Erfinden Sie nicht Sammlungen, die es nie gegeben hat.
  • Verwenden Sie immer echte Klebezettel, wenn Sie ehemalige Besitzverhältnisse dokumentieren wollen.
  • Besorgen Sie sich ausschließlich Originalfarben aus der Schaffenszeit des Künstlers, dessen Œuvre Sie erweitern wollen.
  • Grundsätzlich gilt: Bleiben Sie vorsichtig und sorgfältig und selbstkritisch bei der Arbeit, denn Sie wissen ja: Lügen haben kurze Beine.
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