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Nachruf
10.06.2021

Bauen wie ein Bildhauer: Architekt Gottfried Böhm ist tot

Ikone der modernen Architektur: Die Wallfahrtskirche im nordrhein-westfälischen Neviges, entworfen von Gottfried Böhm.
Foto: Horst Ossinger, dpa

Seine Betonarchitekturen revolutionierten nach dem Krieg vor allem den Kirchenbau in Deutschland. In biblischem Alter ist der Pritzker-Preisträger jetzt gestorben.

Würde Gottfried Böhm heute noch einmal die Architektenlaufbahn einschlagen, würde er vermutlich andere Schwerpunkte setzen, als er es damals tat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren des Wiederaufbaus. Damals, als die Gotteshäuser zerbombt waren und wieder aufgebaut werden mussten und die beiden großen christlichen Kirchen nicht über Schwund zu klagen hatten, sondern noch reichlich Zulauf verzeichneten – sodass nach Entwürfen von Gottfried Böhm mehr als 70 Sakralbauten entstanden. Ferne Zeiten, von heute aus besehen, wo ein Gottfried Böhm wahrscheinlich weitestgehend Konzernzentralen oder Kulturbauten konzipieren würde.

Dass der Sakralbau in den Mittelpunkt seines Schaffens rückte, hatte aber auch einen familiären Hintergrund. 1920 geboren, war Gottfried der Sohn des Kölner Architekten Dominikus Böhm, der seinerseits aus dem schwäbischen Jettingen stammte. Schon der Vater war ein Spezialist für den Kirchenbau und nicht zuletzt für den Wiederaufbau zerstörter Sakralgebäude, wofür er unter anderem auch in Augsburg (St. Moritz, St. Max) tätig war. Nicht ganz unberechtigt daher die Sorge des Sohnes Gottfried, im Architekturberuf nicht an den Vater heranreichen zu können, weshalb er zunächst auch mit der Bildhauerei liebäugelte. Doch der Vater hatte ihn früh in die Arbeit seines Büros miteinbezogen, und so gewann bei Gottfried die Architektur letztlich die Oberhand. Etliche Entwürfe entstanden in gemeinschaftlicher Arbeit, nach dem Tod des Vaters 1955 übernahm Gottfried dann alleinverantwortlich das Büro in Köln.

Gottfried Böhm hatte eine Vorliebe für Beton

Wegweisend wurde der Architekt durch seine Verwendung des Werkstoffs Beton, gerade im Kirchenbau. Nicht nur, dass das oft in seinem rohen Zustand belassene Material – nicht nur außen, auch im Gebäudeinneren – betont schmucklos anmutete und somit geeignet war, den Blick auf Wesentlicheres zu richten. Mehr noch waren es die skulpturalen Formen, die Gottfried Böhm seinen Kirchen verlieh – kubenhafte, vorzugsweise über asymmetrischen Grundrissen errichtete Gebilde, die wie Kristalle oder schroffe Felsen aus dem Boden ragen.

Das Meisterstück in dieser Hinsicht ist die Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens, in Velbert-Neviges nahe Wuppertal. Ein Sakralbau, der sich ausnimmt wie eine von einem Fantasy-Filmer erdachte verwunschene Gebirgslandschaft: Man erklimmt sie über einen ansteigenden Pfad wie bei einem Aufstieg zum Gipfel. Dann tritt man durch eine Felsspalte und wähnt sich zunächst in einer Höhle. Durch eine Fensternische fällt mildes rotes Licht herein, man fühlt sich wie in einer anderen Welt, dem Irdischen entrückt. Es ist nicht zuletzt diese Ikone moderner Architektur, für die Böhm 1986 als erster Deutscher den Pritzker-Preis zugesprochen bekam, in der Branche gewertet als „Nobelpreis der Architektur“.

Bedeutender Vertreter einer Architektendynastie: Gottfried Böhm (1920–2021).
Foto: Horst Ossinger, dpa

Doch Böhm schuf seine skulpturalen Architekturen keineswegs nur im sakralen Bereich, auch im Profanbau war er richtungsweisend, nicht zuletzt durch kühne Verbindungen von Alt und Neu. Beim Rathaus in Bensberg bei Köln setzte er ein kompromisslos modern gestaltetes Formengebilde auf die Überreste einer mittelalterlichen Burg – ein geradezu entwaffnend kühnes Ensemble, bei dem man sich heute hüten würde, es in restaurativer Absicht einfach wieder abzuräumen wie das (nicht von Böhm entworfene) Technische Rathaus in der Frankfurter Altstadt.

Tatsächlich haben zahlreiche Böhm-Bauten heute selbst Denkmalstatus – an denen aber auch der Zahn der Zeit nicht vorübergeht, gerade bei den berühmtesten Entwürfen, an denen der Beton zu bröckeln beginnt.

Die Familie Böhm - eine ganze Architektendynastie

Von den vier Söhnen des Ehepaars Gottfried und Elisabeth Böhm – ebenfalls Architektin – sind drei wiederum Architekten, sodass von den Böhms mit Fug und Recht von einer Baumeisterdynastie gesprochen werden kann. In seinen späteren Jahren hat Böhm denn auch – wie zuvor schon mit seiner 2012 gestorbenen Frau – wiederholt Entwürfe zusammen mit seinen Söhnen realisiert. Zu seinen letzten gebauten Arbeiten gehörte zur Jahrtausendwende die als gläserne Pyramide konzipierte Stadtbibliothek in Ulm. Doch auch in biblischem Alter spazierte Böhm immer noch jeden Morgen von seiner Wohnung zum Büro, trank dort einen Kaffee und ging nach einer Stunde, gestützt auf einen Rollator und begleitet von einer Betreuerin, am Rhein entlang wieder nach Hause. Am Donnerstag ist er, ein wahrer Jahrhundert-Architekt, mit 101 Jahren in Köln gestorben. (mit dpa)

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