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Nobelpreis für Literatur
06.10.2021

Warum "Harry Potter"-Autorin J.K. Rowling den Nobelpreis für Literatur verdient hätte

Mit „Harry Potter“ revolutionierte Joanne K. Rowling die internationale Kinder- und Jugendliteratur.
Foto: Evan Agostini, Invision, dpa (Archivfoto)

Murakami, Atwood, Ulitzkaja: In den Wettbüros werden wieder die üblichen Verdächtigen für den Literaturnobelpreis gehandelt. Dabei könnten die Juroren auch einmal in eine ganz andere Richtung denken.

Das Karussell der Spekulationen dreht sich wieder: Wer bekommt den diesjährigen Nobelpreis für Literatur? Den Satz „eine Frau wäre mal wieder dran“, hört man dieses Jahr nicht, nach den Gewinnerinnen Olga Tokarczuk und Louise Glück in den vergangenen Jahren. Aber wird es nach der Lyrikerin Glück vielleicht mal wieder ein Dramatiker? Und wie sieht es mit dem nationalen Proporz aus? Ein Afrikaner wäre längst dran, ein Asiate eigentlich auch. Gute Chancen also für den Kenianer Ngugi wa Thiong’o und den Japaner Haruki Murakami, die beide zu den Dauerfavoriten der Buchmacher gehören. Ebenfalls heiß gehandelt in den Wettbüros: die beiden Kanadierinnen Margaret Atwood und Anne Carson, der Rumäne Mircea Cartarescu, die Russin Ljudmila Ulitzkaja – die üblichen Verdächtigen also. Frisch dazu kommen die Französin Annie Ernaux und Maryse Condé aus Guadeloupe.

Nur zweimal wurde Kinder- und Jugendliteratur mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet

Klingt es angesichts dieser Kandidatinnen und Kandidaten kühn, einmal in eine ganz andere Richtung zu denken und Namen ins Spiel zu bringen wie Cornelia Funke, Bart Moyaert, Jacqueline Woodson oder Joanne K. Rowling? Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren hat die Schwedische Akademie bisher nur zweimal ausgezeichnet: 1907 gewann mit Rudyard Kipling der Verfasser von „Die Dschungelbücher“ den Preis, wobei man berücksichtigen sollte, dass die Geschichtensammlung um das Menschenjunge Mogli, das im Urwald unter wilden Tieren aufwächst, erst durch Disneys Zeichentrickfilm so breitenwirksam kindertauglich geworden sind. Kiplings Original ist eher eine düstere Fabel. 1909 war es dann Selma Lagerlöff, die den Literaturnobelpreis für ihr als Schulbuch geschriebenes Schwedenepos „Wunderbare Reise des Nils Holgersson durch Schweden“ bekam.

Wird also höchste Zeit, auch die Kinder- und Jugendliteratur wieder einmal ins Visier zu nehmen, nicht nur aus Proporzgründen. Zumal die Vergabe des höchstdotierten Literaturpreises der Welt keine Frage der Zielgruppe sein sollte. Gute Bücher für die junge Generation sind weit mehr als die bloße Beschäftigungstherapie für verregnete Feriennachmittage. Auch sie lassen sich unter literarisch-ästhetischen Kriterien und hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Relevanz bewerten – und wer das tut, wird weltweit fündig werden. Etwa bei der skandinavischen und niederländischen Kinderliteratur, bei Frida Nilsson oder Bart Moyaert, die sich tabufrei unterschiedlichen Formen von Kindheit und Pubertät nähern und für die existenzielle Erfahrungen dieser Altersgruppe oft ungewöhnliche Erzählformen finden. Oder amerikanische Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Jacqueline Woodson und Jason Reynolds, die jungen People of Colour eine Stimme geben und dafür einen speziellen Ton finden. Auch die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur hat mit Cornelia Funke und Andreas Steinhöfel sind literarisch ernst zu nehmende Autoren, die sich in dieser speziellen Nobelpreis-Kandidatenliste ganz gut ausnähmen.

Nobelpreis für Literatur: Würdigung für die Bedeutung von Büchern für junge Menschen

Würdigen könnte die Schwedische Akademie mit der Vergabe des Nobelpreises an eine Kinder- und Jugendbuchautorin oder einen -autor auch die Bedeutung der Literatur für die Entwicklung junger Menschen zu selbst bestimmten Persönlichkeiten. Als Astrid Lindgren 1978 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde – den Literaturnobelpreis erhielt selbst sie nicht – sprach sie in ihrer Dankesrede von der Bedeutung der jungen Generation: „Die jetzt Kinder sind, werden ja einst die Geschäfte unserer Welt übernehmen … Sie sind es, die über Krieg und Frieden bestimmen werden und darüber, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen.“

Gerade jetzt wird dies wieder deutlich, da sich die junge Generation zu Wort meldet, wenn es um die Zukunft der Gesellschaft geht. Welche Sicht auf die Welt junge Menschen haben, wie sie zu eigenständigem Denken kommen, wie sie Toleranz, Verantwortlichkeit, Empathie und Menschlichkeit in sich entwickeln können, wie sie sich mit Gewalt, Manipulation und Ungerechtigkeit auseinandersetzen können, das wird unter anderem durch die Bücher geprägt, die sie lesen. Dass gesellschaftliche Teilhabe nur noch schwer möglich ist, wenn komplexes Lesen nicht gelingt – auch das wurde in diversen Untersuchungen belegt. Ein Literaturnobelpreis für einen Kinder- und Jugendbuchautor hätte in dieser Hinsicht wirklich Signalwirkung.

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Warum eigentlich nicht ein Literaturnobelpreis für Joanne K. Rowling?

Deshalb ganz direkt gefragt: Warum eigentlich nicht Joanne K. Rowling als Literaturnobelpreisträgerin? Ihre „Harry Potter“-Bücher motivierten ab dem Erscheinen des ersten Bandes im Jahr 1998 Millionen von Kindern und Jugendlichen zum Lesen. Sogar die, die sonst nur schwer für Bücher zu begeistern sind, wollten auf einmal lesen, wie der Kampf zwischen dem zaubernden Waisenjungen mit dem in Lord Voldemort personifizierten Bösen ausging. Nicht nur das machte die Reihe zu einem herausragenden Ereignis der Kinder- und Jugendliteratur, auch die Art, wie Rowling serielles Erzählen auf eine neue Stufe hob, indem sie Handlungsstränge über mehrere Bände verknüpfte, damit Vielschichtigkeit und Tiefe einbrachte, wie sie bekannte Motive des Genres neu belebte und komplexe Figuren entwarf, könnte man als Argument für die britische Schriftstellerin anführen.

Kein allzu ernst zu nehmendes Argument ist hingegen die Überlegung, dass kaum einer fragen würde, wenn der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie am Donnerstag um 13 Uhr vor der berühmten weißen Tür in Stockholm den Namen verkündet: „Joanne K. Rowling, wer ist das denn?“

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