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Haarige Sache? Die Kunsthalle München spürt in einer Ausstellung der Magie der Haare nach

Kunsthalle München

Hauptsache Haar? Eine Ausstellung in der Kunsthalle München betrachtet Zöpfe, Schnitte, Haarprachten

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    „Haar Macht Lust“, so heißt die neue Ausstellung in der Kunsthalle München.
    „Haar Macht Lust“, so heißt die neue Ausstellung in der Kunsthalle München. Foto: Robert Haas

    Entweder man will sie loswerden oder sie können nicht üppig genug sein. Kommt halt drauf an, wo die Haare wachsen. Für eine gute Frisur geben manche Unsummen aus. Der Rest des Körpers soll dagegen glatt sein wie ein Baby-Popo. Und das sind gerade mal zwei Aspekte, die in der Kunsthalle München in den Fokus rücken.

    Ausstellung „Haar Macht Lust“: Frisuren zeigen, wer das Sagen hat

    „Haar Macht Lust“? Frisuren zeigen, wer das Sagen hat, und mehr noch, wie wir gesehen werden und welche Position wir einnehmen wollen. Denn das zum Auftakt präsentierte Auftürmen von Locken und Strähnen kam in absolutistisch-barocker Zeit nicht von ungefähr. Wer die prächtigsten Perücken trug, stand weit oben im Hofstaat. Dann brauchte der Coiffeur schon mal eine Leiter, um seine Kreation zu vollenden. Marie Antoinette trug so einen Pouf bei der Krönung Ludwigs XVI. - daraufhin wurde die Turmfrisur zum Must-have unter adligen Damen.

    Haarprächtig: Ernst Julius Hähnels Abbild des Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), geformt aus Gips. Es ist ein Modell mit Büstenausschnitt für die Statue des Leibnizdenkmals in Leipzig.
    Haarprächtig: Ernst Julius Hähnels Abbild des Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), geformt aus Gips. Es ist ein Modell mit Büstenausschnitt für die Statue des Leibnizdenkmals in Leipzig. Foto: Reinhard Seurig/ Hans-Jürgen Genzel

    Dieser opulente, von Drahtgestellen und Kissen gestützte Höhendrang war aufwendig und besonders kostspielig. Kein Wunder, dass solche Extravaganz für die Verschwendungssucht der Aristokratie stand. Deshalb zog man nach der Französischen Revolution, die das Königspaar den Kopf gekostet hatte, natürliches Haar vor. Jacques Louis Davids Porträt der jungen Anne-Marie-Louise Thélusson ist ein hinreißendes Beispiel für den neuen Trend. Wobei der Philosoph und Aufklärer Voltaire mit fein ondulierter Perücke einiges hermacht und mit bloßem Haupt arg mickrig ausschaut.

    Haarpracht von der Venus bis hin zum biblischen Samson

    Haarpracht steht für Vitalität. Um die übermenschlichen Kräfte des biblischen Samson war‘s geschehen, nachdem Delila ihm seine Locken gekappt hatte. Das kam fast einer Kastration gleich. Nicht ohne Grund ließen sich Priester im alten Ägypten den Kopf als Zeichen der sexuellen Enthaltsamkeit rasieren. Im Abendland kennt man bei katholischen Klerikern die Tonsur, während Nonnen ihr Haar unter einem Velan oder Schleier verbergen und damit ihre Eitelkeit ablegen.

    Sandro Botticellis Profilbildnis einer jungen Frau mit imposant geflochtenem Haar.
    Sandro Botticellis Profilbildnis einer jungen Frau mit imposant geflochtenem Haar. Foto: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Christoph Schmidt; Public Domain Mark 1.0

    Frau Venus, Göttin der Schönheit, ist auf sämtlichen Darstellungen mit einer Mähne gesegnet, je länger, desto verführerischer. Die Femme fatale des 19. Jahrhunderts macht von dieser Wirkung regen Gebrauch, zieht ihren ritterlichen Galan hinab ins wässrige Unglück. Urmutter Eva kann mit ihrem Haar sogar die eigene und Adams Scham kokett verbergen. Und will man eine Frau bloßstellen, schert man ihr die Haare. Prostituierten ist es so ergangen. Oder auch Französinnen, die sich im Zweiten Weltkrieg mit Deutschen einließen.

    Das Haar wallt und wellt sich: Alfons Muchas Werbebild für den französischen Hersteller von Zigarettenpapieren »JOB«, aus dem Jahr 1896.
    Das Haar wallt und wellt sich: Alfons Muchas Werbebild für den französischen Hersteller von Zigarettenpapieren »JOB«, aus dem Jahr 1896. Foto: MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien

    Die Münchner Kunsthalle widmet sich den bärtigen Frauen

    Was aber, wenn klassische Muster durcheinandergeraten? Im zentralen Saal irritiert eine nackte Mutter mit Baby, denn unter ihrem flotten Kurzhaarschnitt – trägt die Inderin einen ordentlichen Schnauzbart. Für Steph Wilsons Fotoserie „Ideal Mothers“ hat sie ihn angeklebt. Señora Delicado de Imaz, einer 1836 von Vicente López Portaña minutiös porträtierten Adligen, wuchs dagegen das Haar von selbst um den Mund. Die reich geschmückte Dame mit Biedermeier-Frisur hat sich daran offenkundig nicht gestört.

    Der Heiligen Wilgefortis, auch unter dem Namen Kümmernis bekannt, half der Bart freilich, einer Zwangsverheiratung zu entgehen. Der liebe Gott half nach. Doch gewöhnlich hadern Frauen mit übermäßiger Körperbehaarung, da hat Barbara Ursler bestimmt keine Ausnahme gemacht. Zumal die Augsburgerin, die bereits in der Geburtsanzeige als „Missgeburt“ bezeichnet wurde, an der seltenen Hypertrichose litt. In Michael van Beck fand sich dennoch einen Ehemann, es ist aber schwer zu sagen, ob der nicht eher das Show-Potenzial sah. Ab 1637 wurde die fast durchgehend behaarte Barbara quer durch Europa als Jahrmarktsensation vorgeführt. Allerdings hat sie auch für ihr erlesenes Cembalospiel und ihr Sprachtalent viel Beifall erhalten.

    Können solche Bilder heute noch provozieren? Ilse Haiders Fotografie „La Stilla (2)“.
    Können solche Bilder heute noch provozieren? Ilse Haiders Fotografie „La Stilla (2)“. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2025

    Auch Conchita Wurst hat einen Auftritt in dieser Münchner Ausstellung

    In Shakespeares „Macbeth“ tragen die Hexen „Beards“ und seien daher „nicht als Frauen zu betrachten“, heißt es. Dabei kommt nicht nur im elisabethanischen England gleich die moralische Abwertung hinzu, denn was so sehr aus dem „natürlichen“ Schema fällt, muss doch tendenziell schlecht sein.

    Conchita Wurst, die Kunstfigur des Sängers Tom Neuwirth, hat diese Rollenbilder vor mehr als zehn Jahren herrlich durcheinandergewirbelt und beim Eurovision Song Contest noch auf einer denkbar prominenten Plattform. In der Kunsthalle steigt Conchita zwar nicht wie Phönix aus der Asche, hat aber als zirbelhölzerne Mondsichelmadonna einen adäquaten Auftritt.

    Haare sind politisch, das sieht man zum Beispiel im Iran

    Haarig bleibt es aber, die Conchitas müssen wohl weiter provozieren. Und politisch ist die Sache ohnehin, vom offenen Haar todesmutiger Iranerinnen bis zum haarsträubenden „Pencil Test“. Während des Apartheid-Regimes in Südafrika wurden Stifte in die Frisur gesteckt. Fielen sie zu Boden, galt man als „weiß“. Ausgestanden ist das alles noch lange nicht.

    Info: „Haar Macht Lust“, Kunsthalle München, bis 4. Oktober, täglich 10 bis 20 Uhr.

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