St. Ottilien: St. Ottilien: Iris Berben und Charlotte Knobloch bei der Ammerseerenade
St. Ottilien
St. Ottilien: Iris Berben und Charlotte Knobloch bei der Ammerseerenade
Das Gedenken an das Befreiungskonzert jüdischer Musiker 1945 in St. Ottilien gerät zum Höhepunkt des Klassikfestivals Ammerseerenade. Wie aus Musik Verständigung erwächst.
Erzabt Wolfgang Öxler konnte beim Erinnerungskonzert an das Befreiungskonzert von 1945 in St. Ottilien auch die Schauspielerin Iris Berben (links) und Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, begrüßen.Foto: Christian Rudnik
„Einer der Musiker kam langsam zur vorderen Bühne. „Dies ist unser Befreiungskonzert“, sagte er. (…) Die Bewegungen der Musiker waren verkrampft, angespannt, ängstlich. Als ob sie jeden Moment erwarteten, dass Schüsse fielen und Knüppel niedergingen, um zu vernichten. (…) Als das Konzert zu Ende war, weinten viele, wenige noch offener als ich. Viele blieben mit reglosen Gesichtern und Körpern dort sitzen oder liegen, wo sie gerade waren.“ So beschreibt Robert L. Hilliard in seinem Buch „Von den Befreiern vergessen – der Überlebenskampf jüdischer KZ-Häftlinge unter amerikanischer Besatzung“ das Befreiungskonzert am 27. Mai 1945 in St. Ottilien, so wie er es als junger, dort stationierter Soldat erlebt hat. An dieses Ereignis hat jetzt wieder das Klassikfestival Ammerseerenade erinnert.
Solche Zeilen aus dem Buch trug die Schauspielerin Iris Berben zu Beginn des Erinnerungskonzerts in der Klosterkirche St. Ottilien vor, das den festlichen Abschluss und Höhepunkt des Klassikfestivals Ammerseerenade markierte. In das Ende ihres Vortrags mischten sich sanft, kaum hörbar erste Töne des Adagios in g-Moll von Tomaso Albinoni, die das Kammerorchester des Nationaltheaters Prag unter der Leitung des für den erkrankten Juri Gilbo eingesprungenen Rastislav Stur (Dirigent beim Orchester des Slowakischen Nationaltheaters) anklingen ließ. Der politische und historische Rahmen für das Konzert sei mit diesem Beginn abgesteckt, erklärte Maximilian Maier von BR Klassik, der den Abend moderierte.
Erzabt Wolfgang Öxler kann zahlreiche bekannte Gäste begrüßen
Erzabt Wolfgang Öxler konnte als „Hausherr“ eine Reihe illustrer Gäste begrüßen, darunter die für ihr Engagement bei Aussöhnung und Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden vielfach ausgezeichnete Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, die israelische Generalkonsulin Carmela Shamir und den Diplomaten Felix Klein. Er stellte das Kloster St. Ottilien vor und erinnerte daran, dass heuer auf 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zurückgeblickt werden kann. Diesen Aspekt benannte auch Irmgard Fellner, Kulturbeauftragte im Auswärtigen Amt, in ihrem Grußwort. „Seit dem Jahr 321 nach Christus gehören Juden nachweislich zu uns“, sagte Fellner und forderte Versöhnung und ein Ende der Ausgrenzung durch Sprache, wie sie bei der Bezeichnung „Deutsche und Juden“ vorliege.
Die Klarinettistin Sharon Kam war eine der Solistinnen beim Konzert in St. Ottilien, das im Rahmen des Festivals Ammerseerenade stattfand. Foto: Christian Rudnik
Anschließend sprach die Musik. Das war in der in ruhigen Farben ausgeleuchteten Klosterkirche zunächst die Ouvertüre zum Oratorium „La Betulia Liberata“ von Mozart, das die biblische Geschichte von Judith und Holofernes musikalisch beschreibt. Mit dem Klarinetten-Quintett in B-Dur von Carl Maria von Weber in einer Bearbeitung für Streichorchester und Klarinette folgte ein erster Höhepunkt. Solistin Sharon Kam, die seit 20 Jahren mit führenden Orchestern auf der ganzen Welt zusammenarbeitet, musizierte hinreißend, mit viel Verve, machte aus den einzelnen Sätzen richtige kleine Theaterstücke, indem sie nicht nur ihre Klarinette spielte, sondern die Musik mit ihrem ganzen Körper lebte.
In St. Ottilien gibt es viele jüdische Aspekte
Das gilt auch für Elena Bashkirova, die nach der Orchester-Sinfonie in g-Moll von Leopold Kozeluh am Flügel Platz nahm. Die weltweit als Solistin, Liedbegleiterin, Ensemblemusikerin und Programmgestalterin gefragte Pianistin ging ganz auf in der Musik, die Mozart für das Klavierkonzert Nr. 21 in C-Dur komponiert hat. Die Begeisterungsstürme am Ende des Abends lockten die beiden Solistinnen noch einmal nach vorn. Das Duo gab dem Publikum eine kurze, ruhige Romanze von Robert Schumann als Geschenk mit auf den Nachhauseweg.
Die Pianistin Elena Bashkirova wurde vom Kammerorchester des Nationaltheaters Prag begleitet.Foto: Christian Rudnik
In den Interviews sprach Erzabt Wolfgang Öxler über den „sehr umfangreichen“ jüdischen Aspekt im Kloster. Er nannte als Beispiele die Unterbringung von DPs in den Jahren 1945 bis 1948, die Geburt von mehr als 400 „Ottilienbabys“ in dieser Zeit und den Druck des ersten Talmuds nach dem Krieg in der EOS-Druckerei. Um alles, was damals passierte, habe es vor drei Jahren ein Symposium in St. Ottilien gegeben.
Im Frühjahr kommt Eliav Kohl als "Artist in Residence" ins Kloster
Eliav Kohl war vom Klassikfestival als erster „Artist in Residence“ ausgewählt worden. Unterstützt von den Einnahmen des Benefiz-Erinnerungskonzerts wird er sich im Frühjahr kommenden Jahres im Kloster aufhalten und dort, wie er im Interview erklärte, eine Komposition zum Thema „Freiheit, Toleranz, Wahrheit“ entstehen lassen.