Täuscht der Eindruck oder hat sich vor allem in der katholischen Kirche in Deutschland eine Ruhe ausgebreitet, wie es sie Jahre nicht mehr gab? Zumindest mit Blick auf Rom? Im Vergleich zu seinem Vorgänger Franziskus jedenfalls ist es überraschend still um Papst Leo XIV. Immer noch.
Sicher, auch er macht jeden Tag Schlagzeilen, sogar in der Bild, die jüngst titelte: „Madonna drängt Papst Leo zu Besuch im Gazastreifen“. Was er wohl zum Appell der Pop-Ikone, eine laut New York Times sehr entfernte Cousine, sagt?
Gesagt hat Papst Leo seit seiner Wahl am 8. Mai so manches, dennoch herrscht Ratlosigkeit
Gesagt hat Papst Leo seit seiner Wahl am 8. Mai so manches. Dennoch herrscht Ratlosigkeit. Nach nun 100 Tagen im Amt weiß die Welt nach wie vor nicht genau, wofür er steht und wo er seine Kirche künftig sieht. Andererseits ist die Welt voll des (Vorschuss-)Lobes. Vatikan-Experte Jörg Ernesti hat dafür schöne, etwas schiefe Vergleiche gefunden: Eigentlich sei Leo angesichts seiner Fähigkeiten und Erfahrungen – unter anderem als Kirchenrechtler, Ordensoberer und Leiter der Bischofskongregation – „die ideale Wahl“ gewesen, die „eierlegende Wollmilchsau”. Noch aber sei er eine „Blackbox“. An beidem ist wahres: Dieser Papst ist Phänomen und Phantom zugleich.
Ein Phänomen, weil die Welle der Sympathie, die ihm direkt nach dem „Habemus Papam“ entgegen schwappte, nicht abebbt. Ein Phantom, weil sich nicht einmal hochrangige Kirchenvertreter einzuschätzen trauen, wie er das aufgrund innerer und äußerer Umstände leckgeschlagene Kirchen-Schiff in ruhigeres Fahrwasser zu steuern gedenkt. Zu erleben ist, um das maritime Bild weiter zu bemühen, ein Moment der Windstille.
Schlecht muss dies nicht sein. Die katholische Kirche kann nach dem stürmischen Pontifikat von Franziskus, der selbst stürmisch zu Werke ging, diesen Moment des Luftholens gebrauchen. Lange wird er ohnehin nicht währen. So sprach der bekannte Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner bereits davon, Leo müsse bald „kantige“ Entscheidungen zu innerkirchlichen Debattenthemen treffen. Man darf ergänzen: um das Momentum nicht zu verlieren. Die breit an den neuen Papst gerichtete Erwartung ist ja in der Tat, dass er die Reformansätze seines Vorgängers in (kirchenrechtlich) verbindliche Formen überführe. Ohne dabei – wie Franziskus – zu viele gegen sich aufzubringen.
Dieser Papst ist Phänomen und Phantom zugleich
Wie geschickt Leo mit den sich in Unversöhnlichkeit verbundenen Lagern der Progressiven und der Katholisch-Konservativen umgeht, zeigt, dass beide ihn loben. Er hat Signale in die eine (Rückkehr des Mozetta genannten Schulterkragens und in den Apostolischen Palast) wie in die andere (Fortführung des synodalen Reform-Prozesses) Richtung gesetzt.
Innerkirchlich wird es in seiner Amtszeit entscheidend darauf ankommen, dass er ausgleichend wirkt und die Einheit wahrt. Welche Schwerpunkte er außerkirchlich verfolgen möchte, wird er in seiner ersten Enzyklika darlegen. Ein solches päpstliches, programmatisches Lehrschreiben steht aus. Es hieß vor einem Monat, er arbeite daran. Dass er sich mit Krieg und Frieden, Künstlicher Intelligenz und dem Umgang der Menschen miteinander befassen dürfte, ist wahrscheinlich. Von dieser Enzyklika und wie er sie in Worten, Zeichen und Handlungen kommuniziert, hängt einiges ab – nicht zuletzt, ob er ein nach innen wie nach außen erfolgreicher Papst werden könnte.
Nur eines ist gewiss: Dauert die Windstille zu lang, wird es schwierig mit dem Aufbruch. Gewiss ist: Der Gegenwind wird kommen.
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