Gesundheit

16.01.2020

Zwischen Leben und Tod

Dreimal in der Woche muss Nicole Andree an das Dialysegerät angeschlossen werden – ohne die Maschine zur Blutreinigung wäre die 59-Jährige längst gestorben. Sie wartet seit sieben Jahren vergeblich auf eine Spenderniere.
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Dreimal in der Woche muss Nicole Andree an das Dialysegerät angeschlossen werden – ohne die Maschine zur Blutreinigung wäre die 59-Jährige längst gestorben. Sie wartet seit sieben Jahren vergeblich auf eine Spenderniere.

Seit knapp sieben Jahren wartet Nicole Andree vergeblich auf eine Spenderniere. Heute blickt die 59-Jährige mit gemischten Gefühlen nach Berlin, wo der Bundestag eine Entscheidung über Organspende fällt

Heute entscheidet der Bundestag über die sogenannte Widerspruchsregelung für Organspende, konkret über zwei Vorstöße für neue Spenderegeln. Beide haben das Ziel, angesichts von knapp 10.000 Schwerkranken auf den Wartelisten zu mehr Organspenden zu kommen. Beide sehen dafür ein neues zentrales Register vor, in dem Ärzte vor Transplantationen Erklärungen Verstorbener abfragen können. Im Kern geht es aber um gegensätzliche Vorschläge: Eine Gruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den SPD-Fachpolitiker Karl Lauterbach will das bisherige Prinzip radikal umkehren, wonach Organentnahmen nur mit ausdrücklich erklärtem Ja zulässig sind.

Sie streben eine „doppelte Widerspruchslösung“ an, mit der alle Bürger automatisch als Spender gelten sollen, solange sie nicht widersprechen. Spahn sagte dem Tagesspiegel, damit werde es nach seiner Überzeugung einen kulturellen Wandel geben. „Normal wäre dann die Bereitschaft zur Spende. Aktiv müssten nicht mehr diejenigen werden, die das wollen, sondern die, die für sich entscheiden, dass sie nicht Organspender sein möchten.“

Die andere Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock und die Linke-Vorsitzende Katja Kipping lehnt einen derart tiefen Eingriff in die Selbstbestimmung ab. Sie schlägt vor, alle Bürger mindestens alle zehn Jahre beim Abholen des Ausweises auf das Thema Organspende anzusprechen.

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Die Türkheimerin Nicole Andree blickt mit sehr gemischten Gefühlen auf diese Entscheidung. Sie selbst wartet seit fast sieben Jahren auf eine Spenderniere – bislang vergeblich. Jahrelang war Nicole Andree Patientin im Dialysezentrum in Bad Wörishofen, seit der Schließung der Spezialpraxis in der Kneippstadt musste sie und andere Patienten ins Dialysezentrum nach Mindelheim ausweichen. Dort werden derzeit rund 90 Dialysepatienten aus der Region medizinisch betreut.

Nach dem ersten Schock über die Schließung in Bad Wörishofen ist die 59-Jährige jetzt erst einmal froh, in Mindelheim eine passende medizinische Versorgung gefunden zu haben. Denn ohne das Dialysegerät, an dem sie alle zwei Tage ihr Blut gewaschen bekommt, wäre Nicole Andree längst tot.

Denn Nicole Andree hat keine funktionierenden Nieren mehr, seit sie eine mysteriöse Krankheit buchstäblich aus dem Leben gerissen hat. Die Diagnose lautete Goodpasture-Syndrom, eine äußerst seltene Autoimmunerkrankung. Von einer Million Menschen erkranken statistisch nur 0,5 bis eine Person an dieser nach dem amerikanischen Pathologen Ernest William Goodpasture benannten Krankheit.

Innerhalb von 14 Tagen war aus der sportlichen, lebensfrohen und lebensbejahenden Frau („Ich fühlte mich pumperlgesund“), die als Grafik-Designerin gearbeitet und sich mit einem kleinen Reiterhof einen „Lebenstraum“ erfüllt hatte - eine todkranke Patientin geworden, die wochenlang dem Tod näher war als dem Leben.

„Bettlägerig, ein totaler Pflegefall. Ich konnte nichts mehr alleine machen. Ich war mehr tot als lebendig“, so beschreibt Nicole Andree heute ihren Zustand damals. Ob sie überlebt? Sie wusste es nicht. Knapp ein halbes Jahr sollte es dauern, ehe sie nach mehreren komplizierten Operationen wieder etwas Hoffnung schöpfen konnte.

Schritt für Schritt habe sie kämpfen müssen, sagt sie. Und das ist keineswegs symbolisch gemeint: Sie habe kaum noch selber laufen können, musste sich immer wieder und immer wieder neu motivieren, sich aufzurappeln, selber zu gehen, sich selber zu versorgen. Alltägliche, scheinbar selbstverständliche Tätigkeiten musste sie sich mühsam wieder aneignen. „Ich habe gekämpft. Und ich kämpfe bis heute, jeden Tag“.

Denn auch wenn man der hübschen Frau auf den ersten Blick nicht ansieht, dass sie so schwer krank ist - spätestens wenn sie drei Mal in der Woche am Dialysegerät hängt, dann braucht sie wieder alle Kraft, um nicht doch aufzugeben. Stundenlang ist sie an die Maschine gefesselt, hinterher ist ihr Körper sehr geschwächt und sie braucht erst einmal viel Ruhe, um sich von den Strapazen zu erholen. Darauf angesprochen, sagt sie: „Ich bin immer zwischen Leben und Tod.“

Sie hofft zwar immer noch auf den erlösenden Anruf. Sie hofft, dass ihr Telefon klingelt und dass sich doch noch eine Spenderniere gefunden hat, die zu ihr passt. Seit sieben Jahren wartet sie jetzt auf diesen Moment - bislang vergeblich. Mit ihr warten alleine in Deutschland rund 10 000 Menschen auf ein Spenderorgan.

Entgegen dem Bundestrend sind die Zahlen der Organspender und der gespendeten Organe in Bayern im vergangenen Jahr gestiegen. Nach vorläufigen Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation wurden 136 Menschen im Freistaat Organe wie Nieren, Lunge und Herz entnommen. Im Jahr 2018 gab es bayernweit 128 Organspender. Mit statistisch 10,4 Organspendern pro einer Million Einwohner lag der Freistaat trotz steigender Tendenz unter dem Bundesschnitt von 11,2.

Die Zahl der gespendeten Organe stieg von 444 im Jahr 2018 auf nunmehr 459. „Es ist ein positives Signal, dass es im vergangenen Jahr in Bayern mehr postmortale Organspender gab als 2018“, sagte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) dazu. „Allerdings reicht der leichte Anstieg nicht aus.“

Im Klartext bedeutet das: Viele der Patienten sterben, bevor sich ein Spenderorgan hat finden lassen, das ihr Leben vielleicht um viele Jahre hätte verlängern können. Warum das so ist, ist schnell erklärt: Zwar haben mehr als ein Drittel aller Deutschen einen Organspendeausweis, die gesetzlichen Hürden für eine Organspende sind auch dann noch so hoch, dass es trotz dieser Einwilligungserklärung häufig nicht zu einer Organspende kommt. Warum? Oft sind es die Angehörigen, die im letzten Moment ihre Zustimmung verweigern.

Und genau hier setzt Nicole Andree an und kämpft um das Verständnis ihrer Mitmenschen: Ihr und anderen todkranken Patienten gehe vor allem darum, dass die Zahl der Organspender erhöht werden kann. Und Nicole Andree will vor allem erreichen, dass jeder Erwachsene sich entscheiden muss, solange er das selbst noch entscheiden kann: Will ich, dass meine Organe gespendet werden können? Oder will ich das nicht?

Und diese ganz persönliche Entscheidung sollte verpflichtend von jedem Einzelnen eingefordert werden – so werde die Verantwortung bei einem Unglücksfall eben nicht auf die in solchen Fällen ohnehin total überforderten Angehörigen übertragen. Eine freiwillige Lösung wie in Deutschland sei in den europäischen Nachbarländern nicht üblich, in Spanien, Österreich und selbst im erzkatholischen Italien gelte die „doppelte Widerspruchslösung“ – die Folge sei, dass es dort viel mehr Spenderorgane gibt und diese teilweise an todkranke Patienten in Deutschland vermittelt werden müssen.

Ob es heute eine Entscheidung im Bundestag gibt, die im Sinne von Nicole Andree und den vielen tausend Schwerkranken in Deutschland ist, die sehnsüchtig auf ein Spenderorgan warten? Nicole Andree hat die Hoffnung darauf fast schon aufgegeben. „Ich hoffe, dass sich möglichst viele gesunde Menschen Gedanken darüber machen und sich für eine Organspende entscheiden. Denn diese Entscheidung kann Leben retten“, sagt Nicole Andree. Und sie weiß in diesem Moment, dass sie auch von ihrem eigenen Leben spricht...

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