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Ulm

06.07.2020

Utopia Toolbox: Das wünschen sich die Menschen in Ulm für die Zukunft

Direkt vor dem Ulmer Münster (hier in Miniatur) blickt die Künstlergruppe „Utopia Toolbox“ tief in die Glaskugel. Hier darf jeder, der vorbeischlendert, seine höchstpersönlichen Wünsche, Träume und Ziele für die Zukunft mitteilen. Und die Palette dieser Wünsche reicht von egoistisch bis sozial, von fantasievoll bis sehr bescheiden.
Bild: Veronika Lintner

Plus Die Künstler der „Utopia Toolbox“ sammeln am Münsterplatz Zukunftsideen. Die Wünsche und Träume sind verschieden: Frieden, Naturschutz, Raum für Kinder.

Der Name des Projekts klingt mächtig bedeutend, so als wollten sich seine Erfinder Respekt verschaffen: „Utopia Toolbox – Ein temporäres Zukunftstministerium für Träume und Utopien.“ Aber, beim besten Willen, so sieht doch kein ministeriales Büro aus? Da steht nur ein weißer, schlichter Baucontainer auf dem Ulmer Münsterplatz. Und wie krumm und schief er steht! Drinnen, im Container-Büro, findet man dann weder Amtsträger mit Schlips, noch Türme mit Akten, Anträgen und Formularen. Es wirkt nicht so, als würden in diesem Container die großen Fragen der Zukunft verhandelt – Kohleausstieg, Gleichberechtigung, Friedenspolitik. Und trotzdem zieht sie viele Blicke auf sich, diese Box mit den großen orangen Lettern – die „Utopia Toolbox“. Ein Künstlerkollektiv aus Augsburg hat die Kiste gut sichtbar auf dem Münsterplatz platziert. Die Tür zum Container steht offen: Passanten, Neugierige, Spaziergänger, jedermann kann hier seine Träume, Pläne und Zukunftsideen zu Papier bringen, um sie mit der Welt zu teilen. Die große Leitfrage: „Was willst du wirklich?“

Die Utopia Toolbox sammelt in Ulm Wünsche, Ziele und Träume

Gleich neben der Box ragt der höchste Kirchturm der Welt in die Höhe – kein Aussichtspunkt für Höhenangst-Patienten. Ein genauso schwindelerregendes Erlebnis ist es aber, die kleine, schräge Toolbox zu betreten. Steht plötzlich das Münster schief? Hat man selbst Schlagseite? Stehen die Tischchen und die Stühle schief oder der Rest der Welt? „Den meisten wird es schwindelig, wenn sie in die Box kommen“, sagt Martina Vodermayer. Im Container, im kleinen Ministerialbüro, steht ihr Schreibtisch, und Vodermayer tippt an ihrem Laptop. Vor ihr liegen zwei Stapel mit Wunschzetteln: die abgehakten und jene, die noch nicht ihren Weg ins Netz gefunden haben. Wer seine Träume der Toolbox anvertraut, findet sie auf der Homepage der Künstlergruppe wieder. Dort werden die Wünsche fast in Echtzeit dokumentiert, mal anonym, mal mit Name und Bild: „Muss das hier so schief sein?!!“, „Da wird man gaga“, „Shit, ist das schräg. Oh-mein-Gott. Voll hart.“ Ein „etwa 10-jähriger Junge“ gibt sein Urteil ab: „Des isch ja coool, Mama, da musch mal neischauen!“

Die Schräglage des Containers hat Symbolkraft, erklärt Erwin Heller. Der Mitbegründer des Toolbox-Kollektivs findet: „Vom Klima bis zur Wirtschaft, die Welt hat gewaltig Schlagseite.“ Mit der Toolbox will er eine Flucht bieten, „eine Reise in das tiefste Innere, das Witzigste und Eigenste.“ Provokation? Ja, aber nicht nur, um zu provozieren und aufzufallen. „Kunst feiert sich oft genug selbst, sie will toll sein und bewundert werden“, sagt Heller. „Hier geht es aber zu hundert Prozent um menschliche Aspekte.“

Das wünschen sich die Menschen am Ulmer Münsterplatz

Auszüge aus der Ulmer Wunschliste. Eine Rentnerin sieht in ihre Zukunft: „Selber Kind bleiben, Enkeln Zeit schenken und natürlich leben.“ Eine Marketing-Studentin findet: „Die Offenheit, Neues zu sehen, fehlt in unserer Gesellschaft.“ Eine Besucher wünscht sich „Illusionsräume! Ich will mit dem Auge verunsichert werden, dadurch, dass etwas anders ist…“ und der nächst: „Kinder sollten mehr Freiheiten im Leben haben“. „Ich könnte mir ein 6-monatiges Umwelt-Training, quasi als Gemeinschaftsdienst, für alle Bürger vorstellen“ – „Ein Schwimmbad auf dem Eselsberg“ – „Generell sollten wir alle Bundesländer und Nationen abschaffen und global denken, und auch global entscheiden“.

Vodermayer wird es nicht langweilig an ihrem Schreibtisch: „Es war bisher immer ein Kommen und Gehen.“ Am Vormittag traute sich ein Junge in die Box, der wünschte sich die Herrschaft über die ganze Welt. Ein Mädchen dachte zumindest ein bisschen an ihre Mitmenschen. Ihr Traum: Ein Himmel aus Zuckerwatte, von dem es Gummibärchen regnet. Und so verschieden sind die Wünsche, mal egoistisch, mal sozial, bescheiden oder revolutionär. Das Team der Toolbox hat selbst einen Wunsch zum Motto erklärt: Eine menschliche, offene Gesellschaft. Als internationales Künstlerkollektiv hat Juliane Stiegele das Projekt 2010 in Augsburger gegründet. Immer wieder heckt das Team politische „Interventionen“ aus: zum Beispiel eine selbstgebastelte Riesen-Krake, als Symbol gegen Datenklau und das Freihandelsabkommen TTIP. Das Projekt will aber mehr sein als Protest und Fantasiekunst: Es vernetzt seine Aktionen mit Zukunftsforschern und Universitäten.

Die Utopia Toolbox ist Teil des Berblinger-Jahrs in Ulm

Utopien sind Visionen für die Zukunft. Gerade deshalb hat die Stadt Ulm die Toolbox zum große Berblinger-Jahr nach Ulm geholt. Das Team um Stiegele und Heller teilt ihre Philosophie mit dem Schneider von Ulm: hohe Ziele, Visionen und Innovation. Die Schlüssel zur Erfüllung eines Traums? Geld, Freiheit, Mut – sagt Vodermayer. Die Toolbox wolle den Menschen Mut machen, dabei vor allem die eigenen „geistigen Werkzeuge“ zu nutzen – Werkzeuge, also „Tools“ auf dem Weg vom Traum zur Realität.

„Es ist eine Anstiftung zur radikalen Kreativität“, so formuliert es Heller. „Und unser Atelier ist die Gesellschaft.“ Er führt die kleinem Interviews am Münsterplatz, er spricht die staunenden und die skeptischen Passanten an. Er nimmt sich Zeit, um aus den Gesprächen Zukunftsideen zu angeln. Standardfragen? Gebe es nicht, sagt Heller. „Das ist in jedem Gespräch anders.“ Eine Frage stellt er aber gerne: Was waren die Träume Ihrer Kindheit – und was ist aus ihnen geworden? Heller erinnert sich selbst: „Ich bin einer Zeit aufgewachsen, die voller Abenteuer war. Die Baustellen und Ruinen nach dem Zweiten Weltkrieg haben mich fasziniert, es war ein spielerischer Umgang mit der Welt.“ Die Neugier will er sich erhalten: Er klettert noch immer gerne auf Gerüste, erkundet Baustellen – allerdings heute als Fachanwalt für Baurecht.

Die Toolbox steht noch bis zum 11. Juli am Münsterplatz

„Träume und Visionen geben wir heute leider oft lieber an Fantasy-Serien ab“, sagt Heller, lächelt und schüttelt trotzdem ganz sachte den Kopf. Echte Visionen haben für ihn dagegen mit Mut zu tun, mit Risiko und der Frage: Warum machst du nicht dein eigenes Ding? „Wir verlieren oft unsere Träume, die über das Alltägliche hinausgehen.“

„Wer weiß schon, was wir wollen?“ – noch so ein Beitrag auf der Ulmer Wunschliste. Die Toolbox sucht Antworten. Jeden Tag ist sie geöffnet, bis zum 11. Juli. Einen Ulmer Traum will Hellers Team vielleicht verwirklichen – ganz real. Aber: „Das ist noch völlig offen.“ Das ist noch Zukunftsmusik.

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