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Nördlingen

02.11.2020

Bischof Bertram fordert eine „neue Kultur ökumenischer Ehrlichkeit“

Denkwürdiges Ereignis in der Nördlinger Sankt-Georgskirche: Reformationsgottesdienst mit Bischof Dr. Bertram Meier (von links), Dekan Jürgen Eichler, Stadtpfarrer Benjamin Beck und Dekan Gerhard Wolfermann.
Bild: Ernst Mayer

Plus Bischof Bertram Meier hält am Reformationstag eine denkwürdige Predigt in der Nördlinger Sankt-Georgskirche und trägt sich in das Goldene Buch der Stadt ein.

Ein denkwürdiges Ereignis: Dr. Bertram Meier, der katholische Bischof aus Augsburg, predigt in der evangelischen Sankt Georgskirche in Nördlingen in einem ökumenischen Reformationsgottesdienst über die im Johannesevangelium geschilderte Begegnung zweier Menschen mit unterschiedlichen nationaler und religiöser Herkunft. Der Predigttext bezieht sich auf die Begegnung am Jakobsbrunnen (Johannes 4, 4-39). Jesus befindet sich auf dem Weg von Judäa nach Galiläa, muss also durch Samarien.

Predigt von Bischof Bertram Meier am Reformationstag in Nördlingen

Er bittet am Brunnen eine Samariterin um einen Becher Wasser, also von einem Menschen, der nach jüdischem Verständnis „unberührbar“ ist, mit dem man nicht aus einem gemeinsamen Becher trinken dürfe. Ein Konflikt, der dem ökumenischen Verhältnis der christlichen Bekenntnisse einen Spiegel vorhalte. Darin spiegele sich, so die Auslegung der Predigt, das Gesicht der Ökumene und komme zu der Erkenntnis, dass die Empathie zueinander die Grundtugend der Ökumene sei. Menschliches Vertrauen und Sympathie seien das Kapital, das nach Meinung des Bischofs, den bisherigen Erfolg der ökumenischen Zusammenarbeit der katholischen und evangelischen Christen, auch in Nördlingen, ermöglicht habe.

Bischof Bertram Meier predigt im ökumenischen Reformationsgottesdienst.
Bild: Ernst Mayer

Jesus steht durstig am tiefen Brunnen und hat kein Schöpfgefäß. Er ist auf die Samariterin angewiesen. Will er nicht verdursten, muss er sie bitten, auch wenn sie völlig gegensätzlichen religiösen Systemen angehören, die sich gegenseitig „exkommuniziert“, also völlig ausgeschlossen, haben, in ähnlicher Weise, wie auch die christlichen Bekenntnisse über Jahrhunderte hin getrennte Wege gegangen seien. Keine Kirche sei allein selig machend, sind die deutenden Worte. Es dürfe nicht um Besitzstandswahrung, sondern um gegenseitiges Vertrauen im Heiligen Geist gehen. Man müsse sich das Wasser reichen, wie es die kanaanäische Frau tat. Die Kirchen hätten sich lange Zeit gegenseitig exkommuniziert, Ehen und Familien oft schwer belastet. Die Begegnung am Brunnen zeige, dass Ökumene anders gehen müsse.

Christen könnten sich zwar das Wasser der Taufe reichen, so Bischof Bertram, müssten sich aber auch „reinen und schweren Wein“ einschenken. Er plädiere deshalb für „eine neue Kultur ökumenischer Ehrlichkeit“. Das gemeinsame Abendmahl sei noch nicht möglich - eine Wunde die schmerze.

Kern des Gottesdienstes: Gemeinsamer Glaubensweg für einen ehrlichen Willen

Angesichts der aktuellen Begegnungen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, sollten die Christen enger zusammenrücken zu einer gemeinsamen Erneuerung ihrer Ökumene über den Reformationstag 2020 hinaus. Dieses Plädoyer für den ehrlichen Willen sich auf einen gemeinsam Glaubensweg zu begeben, war der Kern des gemeinsamen Gottesdienstes, bei dem auch weitere Gemeinsamkeiten deutlich hervorgehoben wurden.

Die Aufteilung der liturgischen Aufgaben, Gebete, Fürbitten und Lesungen auf Dekan Gerhard Wolfermann, Dekan Jürgen Eichler und Stadtpfarrer Benjamin Beck verdeutlichten dies ebenso wie die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes durch die beiden Kirchenmusiker Klaus Ortler und Udo Knauer. Sie wechselten sich bei der Liedbegleitung freundschaftlich ab, und spielten zu Beginn eine „Intrade“ von Udo Knauer und zum Ausgang ein „Spiritoso“ von Giovanni B. Lucchinetti gemeinsam auf den zwei Kirchenorgeln. Der Liturgische Chor von St. Georg übernahm die Wechselgesänge zum „Introitus“ und „Kyrie“. Mit „Vater unser“ und Segen bekräftigte Bischof Bertram Maier den denkwürdigen Reformationsgottesdienst.

Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Nördlingen

Ein wichtiges Ereignis für Nördlingen und ihre katholischen Pfarrgemeinden war der Besuch des Bischofs, der von der evangelischen Kirchengemeinde eingeladen wurde. Bei einem Empfang im Saal von St. Salvator sagte er, dass er der Einladung gern folgte.

Nach der Begrüßung beim Empfang durch Stadtpfarrer Benjamin Beck (katholisch) bot sich für Meier die Gelegenheit, mit den pastoralen und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Nördlinger katholischen Pfarreiengemeinschaft ins Gespräch zu kommen und sie kennenzulernen. In einer Vorstellungsrunde, moderiert von der Vorsitzenden des Pfarrgemeinderates, Susanne Winter, konnte der Bischof mit allen einzeln sprechen und sie zu ihren Aufgaben befragen, wobei auch Angelegenheiten der Kirchengemeinden vor Ort zur Sprache kommen konnten, z.B. Sanierungen von Kirchen und anderen kirchlichen Gebäuden, Jugend- und Tagungshäusern, Ministrantenmangel, Stärkung der Gemeinschaft und des Zusammenhalts. Bischof Bertram Meier sprach davon, dass das Coronavirus nicht nur die körperliche, sondern parallel dazu die seelische Gesundheit gefährde. Diese Sorge fordere die Kirchen heraus und mache sie nicht nur systemrelevant, sondern schließlich sogar überlebensrelevant.

Bischof Bertram Meier trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Nördlingen ein, links von ihm OB David Wittner und rechts Stadtpfarrer Benjamin Beck.
Bild: Ernst Mayer

Nördlingens Oberbürgermeister David Wittner ergriff schließlich die Gelegenheit, den Gast zu bitten, sich in das Goldene Buch der Stadt einzutragen und ihn damit im Namen der Stadt Nördlingen herzlich willkommen zu heißen.

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