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Katholische Kirche: Die Zeiten des „Nichts geahnt“ sind vorbei

Kommentar Von Daniel Wirsching
10.06.2021

Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx hatte Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. Dieser lehnte ab und muss nun eine Reform einleiten.

Die Kirche bebt weiter: Papst Franziskus hat das Rücktrittsgesuch des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx nicht angenommen. Und nicht nur das: Er gibt ihm in einem Brief mit auf den Weg, er solle weitermachen, „so wie Du es vorschlägst“. Marx hatte vorgeschlagen, sich weiter als Seelsorger für eine geistliche Erneuerung der Kirche einsetzen zu wollen.

Die Kirche, so der Papst, könne jetzt keinen Schritt nach vorn tun, ohne diese (Missbrauchs-)Krise anzunehmen. „Die Vogel-Strauß-Politik hilft nicht weiter.“ Und auch das noch: „Wir müssen für die Geschichte Verantwortung übernehmen, sowohl als einzelner als auch in Gemeinschaft.“

Hehre Worte zählen in der katholischen Kirche nicht mehr

Aber was heißt das nun? Richtet sich das gegen den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, der sich an sein Bischofsamt klammert? Der nicht bereit ist, sichtbar durch einen Amtsverzicht moralische Verantwortung zu übernehmen? Der darauf beharrt, er habe sich straf- und kirchenrechtlich nichts zuschulden kommen lassen? Oder wird Papst Franziskus auch ihn im Amt belassen und die Chance geben, die begonnene Missbrauchsaufarbeitung in seinem Erzbistum voranzutreiben? All das weiß allein der Papst.

Aber eines kann man sagen und eines muss man fordern. Man kann sagen, dass jetzt jeder kirchliche Verantwortungsträger verstanden haben müsste, dass die Zeiten des „Nichts geahnt“ endgültig vorbei sind. Dass er verstanden haben müsste, dass hehre Worte nicht mehr zählen.

„Man verlangt von uns eine Reform, die – in diesem Fall – nicht in Worten besteht, sondern in Verhaltensweisen, die den Mut haben, sich dieser Krise auszusetzen, die Realität anzunehmen, wohin auch immer das führen wird. Und jede Reform beginnt bei sich selbst“, schreibt der Papst an Marx.

Die Bischofskonferenz muss ihren Rücktritt anbieten

Was man angesichts dieses historischen Kirchenbebens fordern muss: Die Deutsche Bischofskonferenz muss geschlossen dem Papst ihren Rücktritt anbieten. Wen er im Amt lässt und wen nicht, unterliegt dann seiner genauen Prüfung. Sicher, damit ändern sich keine Strukturen. Aber es wäre ein Symbol dafür, dass die deutschen Bischöfe endlich verstanden hätten, dass sie Verantwortung zu übernehmen bereit sind. Mit allen Konsequenzen. Wer, wenn nicht sie, sollte auch sonst Verantwortung übernehmen für den Jahrhundert-Skandal des Missbrauchs in Reihen der katholischen Kirche? Nur so kann der Weg frei werden für einen echten Neuanfang.

Der Münchner Kardinal Marx hatte, Alfred Delp zitierend, von einem „toten Punkt“ gesprochen, an dem die katholische Kirche angekommen sei. Nach dem Tod aber kommt die Auferstehung. Wenn, ja wenn die aktuellen Vorgänge nicht ein toter Punkt, sondern ein Wendepunkt sein sollten. Bis auf weiteres kann man darauf nur hoffen.

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10.06.2021

Menschen, die Kinder missbrauchen, gehören ins Gefängnis. Aus, Schluss, Basta!

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11.06.2021

Finden Sie es nicht merkwürdig , daß - was den Mißbrauch in der "Zivilgesellschaft" betrifft - dieser nicht mit gleicher Vehemenz und gleicher Verve verfolgt wird ? Auch journalistisch nicht ?!

Man könnte - betrachtet man das nun jahrelange und teils an katholischer Religionsfeindlichkeit statt Bekämpfung des Missbrauch orientierten Vorgehen in Presse und Öffentlichkeit - meinen , Kindesmißbrauch gäbe es nur in der katholischen Kirche !

Also - so exzessiv wie über die kirchlichen Fälle ( in der katholischen Kirche ) berichtet die versammelte Presse beileibe nicht über "weltliche" Mißbrauchsfälle .

Und "Entschädigungen" gibt es in den Zivilgesellschafts-Fällen - im Gegensatz zur katholischen Kirche - überhaupt nicht !

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