Newsticker
Streit über Corona-Impfstoff: EU-Krisentreffen mit Astrazeneca findet nun doch statt
  1. Startseite
  2. Panorama
  3. Warum gibt es noch keinen Impfstoff gegen HIV?

Welt-Aids-Tag 2020

01.12.2020

Warum gibt es noch keinen Impfstoff gegen HIV?

Die eine rote Schleife - ein weltweit anerkanntes Symbol für die Solidarität mit HIV-Infizierten.
Bild: Fredrik von Erichsen, dpa

Corona und HIV: Beide Viren lösen Urängste aus, beide verändern die Gesellschaft. Ein Aids-Experte erklärt, warum das so ist und welche Parallele ihn "erschüttert".

Vier Buchstaben reichten aus, um die Menschen in den 80er- und 90er-Jahren in Panik zu versetzen: Aids. Diese unheilbare Krankheit, die das eigene Immunsystem ruiniert. Die bis heute 34 Millionen Menschen das Leben kostete. Aids bewegte die Gesellschaft auch in Deutschland so sehr, dass es die Krankheit sogar in Soaps wie die "Lindenstraße" schaffte. Doch mit dem HI-Virus kamen Vorurteile und Stigmatisierungen. Es veränderte die Gesellschaft.

Das hat auch Professor Norbert Brockmeyer beobachtet. Der 68-Jährige ist Leiter des WIR-Walk In Ruhr, Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin, an der Klinik für Dermatologie der Ruhruniversität Bochum und beschäftigt sich schon viele Jahrzehnte mit der Krankheit. " HIV war ein großes Schreckensszenario. Man sah, wie das Virus in den USA und dann in anderen Ländern in einem überschaubaren Zeitraum zu einer schweren Erkrankung oder zum Tod führte."

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer ist Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und Medizin an der Klinik für Dermatologie des Uniklinikums Bochum.
Bild: Birgit Greifenberg, dpa

In der Wahrnehmung der Bevölkerung stand die Krankheit in Zusammenhang mit Sexualität - und die war etwas Besonderes. "Damit waren wir sofort im Tabu- und Stigmabereich. Homosexuelle wurden ausgegrenzt als diejenigen, die das Virus übertragen. Das war sehr beeinträchtigend", erklärt Brockmeyer. Infizierte sollten isoliert oder tätowiert werden - nur einige der abstrusen Ideen. "Und das bei einer Krankheit", sagt der Professor, "die vor allem sexuell übertragbar ist. Das heißt, man muss schon sehr eng und selbstbestimmt mit einem Infizierten Kontakt haben."

Aids-Experte: Manche haben immer noch Angst, HIV-Infizierten die Hand zu geben

Dennoch haben sich einige der Vorurteile bis heute gehalten. Zwar seien die Ängste der Menschen nicht mehr so dramatisch wie noch vor 20 oder 30 Jahren, sagt der 68-Jährige. "Aber es gibt immer noch Leute, die Angst haben, einem HIV-Infizierten die Hand zu geben." Dabei stelle selbst die Benutzung derselben Zahnbürste oder Oralverkehr keine Übertragungsgefahr dar. Und: Von allen therapierten HIV-Patienten in Deutschland liegen 96 Prozent unterhalb der Nachweisgrenze. Ein Infektionsrisiko besteht dann nicht.

Eine von zahlreichen Erfolgsmeldungen der Medizin gegen Aids in den vergangenen Jahren. Durch den Forschungsdurchbruch 1996 haben HIV-Patienten mittlerweile eine nahezu gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Außerdem kommen noch immer neue Medikamente nach, neue Wirkansätze, die eine Langzeitwirkung ermöglichen, erklärt Brockmeyer. Ein schweres Krankheitsbild tritt vor allem dann auf, wenn sich Menschen zu spät testen lassen und bei ihnen HIV zu spät diagnostiziert wird.

Aids und Corona sprechen Urängste des Menschen an

Brockmeyer hält das nach wie vor für das größte Problem im Kampf gegen HIV/Aids: "Ein Drittel aller HIV-Diagnosen erfolgen im Spätstadium." Das erschwert eine erfolgreiche Therapie. Warum so viele Aidserkrankungen so spät erkannt werden? Einerseits müssten Ärzte sensibler werden, meint der HIV-Experte: "Es ist nichts Besonderes, Patienten nach der Sexualität zu fragen." Andererseits sollten Menschen keine Scham davor haben, sich testen zu lassen, wenn sie sexuelle Kontakte hatten oder Symptome haben. "Die Rate der Spätdiagnosen bei Homosexuellen ist schon hoch, bei Heterosexuellen aber noch höher", erklärt der Professor.

Der erste dokumentierte Aids-Fall in Deutschland datiert aus dem Jahr 1978.
7 Bilder
Aids: Diese sieben Momente bleiben in Erinnerung
Bild: Jens Kalaene, dpa

40 Jahre nach Aids spukt wieder ein Wort durch die Gesellschaft, das Angst und Schrecken verbreitet: Corona. "Wie HIV spricht Corona die Urängste des Menschen an. Es geht darum, wie ich mich und meine Familie schützen kann." Die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Krankheiten? Norbert Brockmeyer beobachtet bis heute HIV-Leugner. "Auch bei Corona meinen ja diese Schrägdenker sagen zu müssen, dass die Krankheit nicht so schlimm sei oder es sie gar nicht gebe - trotz Tausender Toter, trotz der Bilder von den Intensivstationen. Das erschüttert mich."

Eine gewisse Überreaktion einerseits, aber auch ein Leugnen andererseits habe Brockmeyer bei beiden Krankheiten - Aids und Corona - festgestellt. Doch es gibt auch Unterschiede. Das Coronavirus etwa ist deutlich schneller übertragbar und es hat nichts mit Sexualität zu tun. "Deshalb ist auch noch kein Corona-Infizierter stigmatisiert worden." Stattdessen wurde überlegt, wie man sich gemeinsam schützen könnte.

HIV: Warum gibt es noch keinen Impfstoff?

Ein weiterer Unterschied: Gegen das Coronavirus gibt es nun schon drei vielversprechende Impfstoff-Kandidaten. Dafür haben Forscher gerade einmal ein Jahr benötigt. Warum gibt es selbst nach vielen Jahrzehnten noch keinen Impfstoff gegen HIV? "Man kann zwei Viren nicht miteinander vergleichen. Es hängt auch davon ab, wie das Immunsystem auf das Virus reagiert. Das ist bei Corona günstiger als bei HIV", erklärt Brockmeyer.

Zudem gebe es mittlerweile ganz andere technische Möglichkeiten. "Wie verändert sich das Virus? Was passiert, wenn es in die Zelle eintritt? Vor 20 bis 30 Jahren hatten wir gar nicht die Technik, um das zu erforschen." Gerade die Forschung an HIV habe diese Fortschritte allerdings mit angestoßen. Fortschritte, die auch bei künftigen Impfstoffentwicklungen hilfreich sein werden, ist sich der Aids-Experte sicher. Dennoch: Bei einigen Viren ist es deutlich schwieriger, einen Impfstoff zu entwickeln. "Selbst bei den weitverbreiteten Herpesviren oder bei Hepatitis C ist es uns noch nicht gelungen. Es liegt eben an der Spezifität des Virus."

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

01.12.2020

Warum gibt es keinen Impfstoff? Ich vermute, es lässt sich damit kein Geld verdienen. Da wahrscheinlich, überwiegend, die ärmeren Gesellschaftsschichten betroffen sind. Aus dem Grund würde die Pharmaindustrie auch gerne die Antibiotikaforschung einstellen!

Permalink
01.12.2020

Man muß sagen : selten so einen Unsinn gelesen !

Sie hatten doch die wissenschaftlichen Ausführungen lesen können !

HI-V ist eben kein Virus " für die Armen" , bei dessen Bekämpfung "es eben kein Geld zu verdienen gäbe" .

Der Virus ist Ende der 70er sehr frühzeitig aus den Tiefen Afrikas auf die Industrienationen übergesprungen. Und zwar in erheblich großer
Infektionszahl. Das bedeutet , daß - hätte es einen Impfstoff gegeben - hätte es auch einen wirtschaftlichen Ertrag gegeben .

Ihr diffuse Behauptung ist damit haltlos .

Im Übrigen gibt es nichts Ehrenrühriges daran , bei Medikamenten etc. auch Geld "verdienen" zu müssen !

Derartige Entwicklungen kostet erst einmal Milliarden , bevor die überhaupt 1Cent einbringen .

Viele Pharma-Entwicklungen kosten zudem zunächst sehr viel Geld , bringen aber dann keinen Return - weil etwa später doch Komplikationen auftreten und das Erzeugnis gar nichr vertrieben werden kann .

Daß in Deutschland Medikamente, Impfstoffe etc. viel teurer sind als anderswo hat ganz andere Gründe .

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren