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Corona-Pandemie
05.01.2022

Infektiosität, Verläufe, Impfschutz: Was Forscher bislang über Omikron wissen

Die Omikron-Variante verursacht durchschnittlich mildere Verläufe, könnte Kliniken aber aufgrund der leichteren Ansteckung stärker belasten als Delta.
Foto: Oliver Berg, dpa

Die Omikron-Variante breitet sich in Deutschland aus. Aufgrund von Daten aus anderen Ländern wissen Forscherinnen und Forscher mittlerweile mehr über die Corona-Mutation.

München, Schwabing. Wenige Hundert Meter nach Westen liegt der Olympiapark, östlich der Englische Garten. In symmetrisch angeordneten Altbauten, unterteilt von Gärten, ist die München Klinik Schwabing untergebracht, ein Krankenhaus mit 650 Betten. Hier hat Chefarzt Prof. Clemens Wendtner einige der ersten Corona-Patienten Deutschlands behandelt. Das war Anfang Februar 2020. Vieles war damals unklar. Heute, 23 Monate später, bindet das Virus noch immer die Kräfte des Krankenhauspersonals. Heute weiß man mehr. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelten Impfstoffe, neue Medikamente und Behandlungsmethoden. Doch mit der Omikron-Variante stellen sich neue Fragen. Einige davon sind einen Monat, nachdem das mutierte Virus erstmals in Südafrika gefunden wurde, jedoch bereits beantwortet.

Die Wissenschaft blickt wegen der Omikron-Variante nach Großbritannien und Dänemark

Wendtner, der damals die Patienten versorgte, diskutiert am Mittwoch per Videokonferenz mit zwei Kollegen: Prof. Andreas Schuppert, der an der RWTH Aachen forscht und die Pandemieverlauf modelliert, und Prof. Jörg Timm, Chef-Virologe des Universitätsklinikums Düsseldorf. Sie alle blicken nach Südafrika, nach Großbritannien und Dänemark, wo Omikron sich früher stark ausbreitete als in Deutschland.

Aktuell behandeln Wendtner und seine Kolleginnen und Kollegen 75 Personen in der München Klinik wegen Covid-19-Erkrankungen, davon 25 intensivmedizinisch. Deutschlandweit sank die Belegung der Intensivstationen zuletzt. Es bestehen aber große Zweifel, ob das so bleibt. Zu Beginn anderer Wellen lagen nicht 75, sondern fünf bis zehn Patientinnen und Patienten in seinem Krankenhaus – die Ausgangslage wäre nun also eine ganz andere.

Professor Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt an der München Klinik Schwabing, behandelte dort mit seinem Team die ersten Covid-Patienten Deutschlands.
Foto: München Klinik, dpa

In Deutschland ist die Pandemie-Enwicklung aktuell schwer einzuschätzen

Die Pandemie-Entwicklung ist in Deutschland nur schwer vorauszusehen. Eines aber ist für Modellierer Schupper sicher: Die niedrige Inzidenz sei wegen der verzögerten Meldung über die Feiertage und Weihnachtsferien kaum aussagekräftig. Er geht von einer "erheblichen Dunkelziffer" aus. Ein sehr starker Anstieg der Inzidenz könne aktuell aber auch nicht angenommen werden, weil sich die Einweisungen auf Intensivstationen ähnlich entwickelten. Doch das Bild unterscheide sich in den Bundesländern deutlich. In Bremen und Schleswig-Holstein sind die Inzidenzen trotz der Feiertage deutlich gestiegen. Für den Wissenschaftler ist dafür "mit hoher Wahrscheinlichkeit" Omikron verantwortlich.

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Während Schuppert untersucht, wie die Pandemie im ganz Großen, auf Ebene ganzer Länder wirkt, geht Timm ins Detail: Er berichtet, was die Forschung bei Versuchen mit Zellkulturen und Tieren herausgefunden hat. Die Omikron-Variante befalle stärker die oberen Atemwege, dafür weniger die tiefen Regionen der Lunge. Das passe zu der Beobachtung in anderen Ländern. Demnach ist die neue Variante deutlich ansteckender, verursacht aber mildere Verläufe. Bei hohen Infektionszahlen müsse man aber absolut betrachtet trotzdem mit mehr schweren Verläufen als bei der Delta-Variante rechnen.

Die milderen Verläufe wirkten sich Wendtner zufolge darauf aus, wie hoch das Risiko ist, dass eine infizierte Person ins Krankenhaus muss. "Hospitalisierung ist aber nicht gleich Hospitalisierung", betont er. Denn Menschen, die sich mit Omikron infizieren, müssen seltener und kürzer ins Krankenhaus: Die Zahl der Aufnahmen, bei denen ein Patient im Krankenhaus übernachten muss, sinke durch Omikron um etwa 20 Prozent. Längere Aufenthalte würden sogar um 45 Prozent seltener.

Die Wissenschaftler betonen, dass sich die Situation etwa in Großbritannien nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lässt. Ein Nachteil für Deutschland sei, dass die Booster-Kampagne später angelaufen ist und Großbritannien über eine breitere natürliche Immunisierung verfügt. "Für Ungeimpfte kann Omikron individuell betrachtet zu sehr schweren Verläufen führen", betont Wendtner.

Die Impfung schützt schlechter gegen eine Ansteckung, aber gut gegen schwere Verläufe

Schuppert geht davon aus, dass Impfdurchbrüche künftig eine größere Rolle spielen werden. Doppelt Geimpfte hätten nur knapp 30 Prozent Schutz vor einer Infektion mit der Omikron-Variante. Bei Delta lag dieser Wert noch bei 70. Geboosterte haben immerhin rund 80 Prozent Schutz gegen eine Omikron-Infektion. Der Schutz vor schweren Verläufen betrage aber nach wie vor über 90 Prozent. Ungeimpfte belasteten also auch künftig am stärksten die Intensivstationen. Der Modellierer geht davon aus, dass eine fünfte Welle ab einer Inzidenz von 1400 das Gesundheitssystem so stark belasten könnte wie die vierte Welle. Diese Rechnung sei aber noch "mit Vorsicht zu genießen". Derartig hohe Inzidenzen seien jedoch nicht unrealistisch. Dänemark liege derzeit bei einem Wert von 2000.

Unklar ist, wie gefährlich oder ungefährlich mildere Verläufe mit dem Omikron-Virus sind. "Mild heißt nicht harmlos", betont Wendtner. Patientinnen und Patienten, die nicht beatmet werden müssen, könnten unter anderen Folgen der Krankheit leiden. Wie ausgeprägt Long Covid bei der neuen Variante auftritt, ist nicht bekannt. Untersuchungen am Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf zeigten, dass selbst milde Verläufe Organschäden hinterlassen können.

Timm geht davon aus, dass weitere Impfungen notwendig sein werden. Der Schutz vor einer Ansteckung werde mit der Zeit wieder sinken, der Schutz vor schweren Verläufen werde nachhaltiger sein. Er kann sich vorstellen, dass langfristig eine jährliche Impfung von Risikogruppen notwendig sein wird, wie es bei der Grippe-Schutzimpfung der Fall ist. Angesichts des niedrigen Schutzes vor Omikron-Infektionen werde man sich eher Gedanken über eine Anpassung der bestehenden Impfstoffe machen müssen.

Die neue Variante hat aber nicht nur Auswirkungen auf Impfungen, sondern auch auf Medikamente. "Ronapreve wirkt gegen Omikron nicht", sagt Wendnter. Bei dem Medikament handelt es sich um eine Kombination aus Antikörpern. "Wir setzen Hoffnung auf neutralisierende Antikörper", betont der Arzt. Die München Klinik setze das Medikament "Molnupiravir" bereits ein, "Paxlovid" werde in den nächsten Tagen eintreffen. Ein großer Vorteil sei die Tablettenform. So könnten Risikogruppen wie Tumorpatienten das Medikament zu Hause zu einem frühen Zeitpunkt nach der Infektion einnehmen, um sich gegen einen schweren Verlauf zu schützen.

Zuverlässigkeit der Corona-Tests leidet nicht unter Omikron-Variante

Zeitweise waren Zweifel entstanden, ob Corona-Tests durch die neue Variante an Zuverlässigkeit verloren haben. Timm geht nicht davon aus. Bei PCR-Tests sei das ohnehin ausgeschlossen. Auch bei Antigentests hat er keine Bedenken.

Einhellig kritisieren die Forscher die schlechte Datenlage in Deutschland. "Da werden systematische Versäumnisse im Gesundheitswesen ans Tageslicht gezerrt", kritisiert Modellierer Schuppert. Aktuell sei eigentlich nur das Divi-Register zur Intensivbettenbelegung zuverlässig.

Am Freitag beraten die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) beim Corona-Gipfel über die Pandemiebekämpfung. Schuppert erwartet von den Politikerinnen und Politikern, dass sie Maßnahmen vorbereiten, die das exponentielle Wachstum zu brechen vermögen. Wendtner hofft, dass sie verbindliche, bundesweite Regelungen beschließen, die den Betrieb kritischer Infrastruktur gewährleistet. Quarantäne und Isolationen sollten dem Arzt zufolge nicht blind gekürzt werden, sondern jeweils mit Corona-Tests abgesichert werden. Das Problem sei, dass infizierte Pflegenden oder Ärztinnen und Ärzten für Patientinnen und Patienten zur Gefahr werden könnten, betont der Mediziner.

Doch schon jetzt zeichnet sich durch die vielen Infektionen und die damit verbundenen Quarantänen ein Personalengpass in vielen Bereichen ab. In der München Klinik Schwabing haben sich bislang 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Omikron-Variante infiziert und sind deshalb ausgefallen. Schon jetzt unterstützt die Bundeswehr das Haus, insbesondere in der Verwaltung. Sollte die Personalnot in einer fünften Welle noch größer werden, könnte das Haus zu Mitteln wie Urlaubssperren greifen.

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