Was ist davon zu halten, wenn sich Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, auf Deutsch Kanzler Scholz und Vizekanzler Habeck vorknöpft – und auf seiner Plattform X erst schreibt „Olaf ist ein Narr“ und dann „Habeck ist ein Narr“? Wenn in Rumänien das Verfassungsgericht den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl annulliert – weil der durch eine fragwürdige TikTok-Kampagne zugunsten des rechtsextremen und prorussischen Kandidaten beeinflusst worden sein soll? Nach Geheimdienstangaben ein „aggressiver russischer hybrider Angriff“.
Die Wirk- und Marktmacht der Plattformen und der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) lösen zunehmend Bedenken aus. Insbesondere mit Blick auf die Bundestagswahl im Februar und den heißer werdenden Wahlkampf machen sich Medienforscher wie Vertreter der Medienbranche Sorgen – um Demokratie, Gesellschaft und die Zukunft seriöser Medien.
DJV-Sprecher: „Der Milliardär mit stramm rechter Gesinnung kennt keine Grenzen“
Philipp Welte, Vorstandsvorsitzender des MVFP Medienverband der freien Presse, nannte TikTok kürzlich eine „vom chinesischen Staat gebaute Manipulationsmaschine“. Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), sagt nun unserer Redaktion: „Es steht zu befürchten, dass über sein Netzwerk X versuchen wird, Einfluss auf den Bundestagswahlkampf zu nehmen. Der Milliardär mit stramm rechter Gesinnung kennt keine Grenzen.“ Deshalb müsse die Gesellschaft „alles, wirklich alles mit mindestens drei Fragezeichen versehen, was über die Plattform X abgesondert wird“.
Zuvor warnte der Medien- und Kartellrechtsexperte Thomas Höppner auf dem Jahreskongress des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) vor den großen US-Digitalplattformen. Ihre Dominanz und eine fehlende Regulierung bedrohten die Meinungsvielfalt und verdrängten unabhängige Informationsquellen. Zentrale Plattformdienste in Händen weniger Technologieunternehmen kontrollierten und verzerrten die freie Kommunikation, so Höppner. Generative künstliche Intelligenz verschärfe die Problematik.
Medienforscherin: „Journalismus wird unsichtbar“
Wie genau, das weiß Alexandra Borchardt, Honorarprofessorin an der TUM School of Management der TU München. „Journalismus kann von künstlicher Intelligenz auf vielfältige Weise profitieren“, erklärt sie im Gespräch, „aber generative KI bedroht auch dessen Geschäftsmodelle“. Zum Beispiel durch von ihr erstellte Zusammenfassungen von Artikeln. Die Quellen der Informationen tauchen dann etwa in der Google-Suche nicht mehr auf. „Journalismus wird dadurch unsichtbar, Menschen kommen nicht mehr mit den dahinterstehenden vertrauenswürdigen Marken in Verbindung und können kein Vertrauen mehr zu ihnen aufbauen.“ Das sei, so die Medienforscherin, eine gefährliche Entwicklung, gegen die die Branche als Ganzes in Verhandlungen mit den Tech-Konzernen gegensteuern müsse. „Eine der wichtigsten Maßnahmen wäre es, dass die KI die Quellen angeben muss, auf denen ihre Inhalte basieren“, sagt sie.
Als potenziell problematisch gelten auch Online-Angebote wie freiburger-bote.de, ein laut Impressum „freies Nachrichtenportal im Redaktionsnetzwerk der FreizeitMonster UG“ – einer „Freizeit-Suchmaschine für Deutschland, Österreich und die Schweiz“. In der Anmutung ähnelt diese wie weitere ähnliche „Nachrichtenportale“ der FreizeitMonsterUG den Online-Auftritten von Tageszeitungen. Die Texte jedoch wirken, als stammten sie von einer KI – diesen Eindruck hat unter anderem Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband, der sich mit den „Nachrichtenportalen“ der FreizeitMonsterUG auf Bitte unserer Redaktion vor wenigen Tagen ausgiebig beschäftigte. „Keine Frage: professionell und auf den ersten Blick journalistisch gemacht“, sagte er über die Portale. „Der Leser hat aber ein Anrecht darauf zu erfahren, ob Berichte von Journalistinnen und Journalisten oder von Robotern erstellt werden. Die offenbar falschen Angaben über die Autoren der Texte sind eine grobe Irreführung der User und nicht zu akzeptieren.“
Bei der Badischen Zeitung mit Sitz in Freiburg kennt man freiburger-bote.de und hat die Seite bereits auf mögliche Urheberrechtsverletzungen hin analysiert. „Was ja nicht angehen würde, wäre, wenn unsere Bilder oder Inhalte genutzt würden, auch dafür, eine KI zu trainieren“, sagt der für Digitales verantwortliche stellvertretende Chefredakteur Markus Hofmann. „Perspektivisch könnten KI-getriebene Internetangebote verstärkt in den Markt eintreten und gerade Regionalzeitungshäusern unfaire Konkurrenz machen“, ergänzt er. „Wir müssen wachsam sein.“
Menschen schauen noch stark auf die traditionellen Medien
Auf wiederholte Anfrage unserer Redaktion, ob Artikel auf ihren „Nachrichtenportalen“ KI-generiert und ob die auch mit Bild gezeigten „Redakteure“ oder „Journalisten“ reale Personen seien, antwortet die FreizeitMonster UG nicht – wie auch nicht auf den Vorwurf der „Irreführung der User“, den der DJV erhoben hat. Ob als Reaktion auf die Anfragen vom Montag und vom Dienstag oder nicht: Am Mittwoch sind etwa auf freiburger-bote.de Artikel mit „redaktion“ gekennzeichnet – inklusive jener, die wenige Tage zuvor noch mit Autorennamen und -foto veröffentlicht waren. Die dazugehörigen Autorenprofile waren gelöscht. Suchte man nach ihnen, erschien am Mittwochvormittag unter dem Satz „keine Ergebnisse“ der Satz: „Dieser Beitrag enthält Inhalte, die mithilfe von KI erstellt wurden.“
Seriöse Medienhäuser, die ihre journalistischen Angebote privatwirtschaftlich finanzieren müssen und einen essenziellen Beitrag zur Meinungsbildung und für die Demokratie leisten, stehen somit vor einer teils als übermächtig erscheinenden Konkurrenz: durch Plattformen oder Portale und deren Einsatz von Algorithmen und KI.
„X und andere Netzwerke funktionieren nach dem Prinzip: Wer am lautesten schreit, setzt sich durch. Das ist alles andere als demokratisch“, erklärt Medienforscherin Alexandra Borchardt. „Umso wichtiger sind starke, unabhängige Medien – denn diese haben die Rolle, Menschen zueinanderzubringen und nicht zu spalten.“ Hinsichtlich der Bundestagswahlen gibt sie dennoch so etwas wie eine Entwarnung. Forschungsergebnissen zufolge werde der Einfluss von Social Media, etwa auf das Wahlverhalten, oft überschätzt. „Eben weil Menschen noch stark auf die traditionellen Medien schauen“, sagt sie. „Allerdings müssen wir feststellen, dass einige Menschen einfach nicht mehr zugänglich für unabhängigen Journalismus sind. Sie sind anfällig für Propaganda.“
Die große Frage werde einmal sein: „Wenden sich die Menschen wieder vertrauenswürdigen Medienmarken zu oder konsumieren sie womöglich gar keine Nachrichten mehr?“, sagt Borchardt. Denn: Eine große Masse an KI-generierten Inhalten könne dazu führen, dass die Menschen abstumpfen. Sowie dazu, dass das Vertrauen in Inhalte, auch Medieninhalte, schwinde. Warum? „Weil die Konsumenten sich ständig fragen werden: Ist das echt?“
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