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Porträt

21.11.2012

Aichacher Politiker Lotter über seine unheilbare Krankheit

Nach dieser Legislaturperiode soll Schluss sein: Der FDP-Abgeordnete Erwin Lotter auch Aichach will 2013 nicht mehr für den Bundestag kandidieren.
Bild: Büro Dr. Erwin Lotter

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Erwin Lotter aus Aichach ist um klare Worte nicht verlegen. Auch, wenn es um seine Krankheit geht.

Erwin Lotter erinnert sich noch gut. Er saß bei einer Podiumsdiskussion in Augsburg, als der Husten , der ihn schon länger plagte, immer heftiger wurde. Am Ende der Veranstaltung nahm er deshalb einen der Teilnehmer noch einmal kurz zur Seite, den Ärztefunktionär Andreas Hellmann, ein Lungenfacharzt: „Herr Hellmann, jetzt wende ich mich als Patient an Sie.“

Erwin Lotter leidet unter unheilbarer Krankheit

Neben Lotter steht ein unauffälliger schwarzer Rucksack auf dem Boden seines Bundestagsbüros. Mit einem kleinen „Pfft“ pumpt das Gerät darin alle paar Sekunden durch einen dünnen Schlauch Sauerstoff in seine Nase. Der FDP-Abgeordnete aus Aichach, selbst Arzt von Beruf, leidet an idiopathischer Lungenfibrose , einer unheilbaren Krankheit, bei der die Lunge allmählich versteift – und die Geschichte, die er erzählt, handelt nicht nur von seinem ganz persönlichen Schicksal, sondern auch von den Problemen, die Menschen im deutschen Gesundheitswesen haben, denen es ähnlich geht wie Lotter. Menschen, die sich nicht einfach ein Sauerstoffgerät auf den Rücken schnallen können, sondern von ihrer Krankenkasse nur eine stationäre Anlage bezahlt bekommen, die sie ans Haus fesselt.

Auch bei Lotter hat es seine Zeit gedauert, bis seine Versicherung die Kosten für den 5000 Euro teuren Rucksack übernahm. Eine solche Leistung, argumentierte die private Kasse zunächst, sehe sein Vertrag nicht vor, was insofern bemerkenswert ist, als der Vertrag aus dem Jahr 1977 datiert, als es noch gar keine mobilen Sauerstoffkonzentratoren gab. Nach vielen Telefonaten und Briefen sind die Dinge nun aber nicht nur in Lotters Sinn geregelt. Der Verband der privaten Krankenkassen hat dem 61-Jährigen auch signalisiert, dass die meisten seiner Versicherungen künftig für die Rucksäcke aufkommen werden. Bei den gesetzlichen Kassen ist das nach Auskunft der AOK Bayern bereits gängige Praxis.

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Mobile Sauerstoffkonzentrator ist lebensnotwendiges Hilfsmittel

Geräte wie seines, sagt Lotter, seien kein Luxus, sondern ein lebensnotwendiges Hilfsmittel, das eine Kasse einem Lungenpatienten nicht aus Kostengründen vorenthalten dürfe. „Dank der Sauerstofftherapie ist meine Lebensqualität enorm gestiegen. Die Zeiten der psychisch wie physisch belastenden Atemnot sind vorbei.“ Seiner Frau, ebenfalls Ärztin, hat er damals gesagt: „Ich habe das Gefühl, es nicht mehr lange zu machen.“

Am Anfang, als sich die tödliche Krankheit bemerkbar zu machen begann, kam er schon ins Schnaufen, wenn er nur die paar Meter zur Toilette gehen oder im Bundestag länger als zwei, drei Minuten reden musste, so schnell war seine Lunge überfordert und so schwer schüttelte ihn der Husten. „Erst nach mehreren Minuten im Liegen beruhigte sich meine Atmung wieder.“ Heute muss Lotter nur noch darauf achten, immer einen Ersatzakku zur Hand zu haben, denn nach vier bis fünf Stunden macht auch die Maschine mit dem „Pfft“ in seinem Rucksack schlapp.

An einen vorzeitigen Rückzug aus dem Parlament hat er trotz der niederschmetternden Diagnose im vergangenen Jahr nie gedacht. Zur nächsten Wahl wird er zwar nicht noch einmal antreten. Bis dahin aber, sagt Lotter, genieße er die Zeit, die er in der Politik noch habe.

Mitarbeiter einer Speditionsfirma bereiten den Plenarsaal des Deutschen Bundestages für die Bundesversammlung vor. Foto: Wolfgang Kumm
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Die Nebeneinkünfte der Abgeordneten aus der Region
Bild: Wolfgang Kumm, dpa

Er war der Erste, der Wulff zum Rücktritt aufforderte

Der Seiteneinsteiger, der 2008 für den heutigen bayerischen Wirtschaftsminister Martin Zeil in den Bundestag nachgerückt ist, war einer der Abgeordneten, die schon früh gegen die Praxisgebühr gekämpft haben, und der Erste, der den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff zum Rücktritt aufgefordert hat.

 Anders als viele Kollegen, die aus schweren Krankheiten Geheimnisse machen, geht er mit seinem Schicksal ähnlich offen um wie der Kollege Wolfgang Bosbach von der CDU, der sogar in Talkshows von seinem Leben als Krebspatient erzählt. Auch seinen Humor hat Lotter noch nicht verloren. Seine Ziele in der Politik, schmunzelte er vor kurzem in einem Interview, seien „nicht so kurzatmig wie ich“. Für das Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen hat er sogar eine kleine Zusammenfassung seiner Krankheitsgeschichte geschrieben. Überschrift: „Mein Leben ohne Luft“.

Gleich muss er weiter, in die Haushaltsdebatte. Neben ihm, im Regal, lädt sich gerade der zweite Akku neu auf.

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