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Corona-Krise

28.07.2020

Corona-Notstand in Nordkorea: Grenzen schützen nicht

Kim Jong Un, Machthaber von Nordkorea, kann die Corona-Gefahr nicht mehr leugnen. 
Bild: KCNA, dpa

In Nordkorea gab es bisher offiziell keine Corona-Infizierten. Nun wirft die Regierung Südkorea vor, das Virus in den Norden eingeschleppt zu haben.

Über Monate gab sich Nordkorea wie eine Insel der Glückseligen inmitten der Pandemie. Während sich anderswo auf der Welt die Zahlen registrierter Infektionsfälle multiplizierten, blieben sie im abgeschotteten Land in Nordostasien konstant – bei Null. Auch wenn kaum ein Beobachter von außerhalb dies glauben mochte, sprach zumindest etwas dafür: Die Regierung in Pjöngjang hatte schon im Januar, als außer China kaum Länder vom Virus betroffen schienen, ihre Grenzen abgeriegelt. Auch wenn mehrere Berichte schon Gegenteiliges vermuten ließen, schien es zumindest möglich, dass Nordkorea tatsächlich verschont blieb.

Damit ist es jetzt wohl vorbei. Am Sonntag erklärte das Politbüro um den autokratischen Regierungschef Kim Jong Un den Notstand für eine Stadt im Süden, nahe der Grenze zu Südkorea. Es bestehe eine „kritische Lage, in der das teuflische Virus womöglich in das Land gekommen ist“, berichtete die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA. Der Fall der entsprechenden Person sei nicht endgültig bestätigt, die Testergebnisse seien unklar. Angesichts der propagandistischen Kommunikationspolitik Nordkoreas kann man damit wohl davon ausgehen, dass das Virus seinen Weg ins Land gefunden hat.

Die nordkoreanische Nachrichtenagentur hatte auch gleich eine Erklärung parat, wie es dazu kommen konnte: „Der Notfall ereignete sich in Kaesong, wo ein Ausreißer, der vor drei Jahren in den Süden ging und verdächtigt wird, mit dem Virus infiziert zu sein, nach der illegalen Überquerung der Demarkationslinie am 19. Juli zurückkam.“ In anderen Worten: Das Virus habe Nordkorea nur deshalb erfasst, weil jemand aus Südkorea, dem Land des Klassenfeinds, gegen die Vorschriften ins Land gekommen sei. Die Stadt Kaesong steht seitdem unter Quarantäne.

Beobachter vermuten, dass Corona längst in Nordkorea war

In Südkorea, dessen Krisenmanagement als internationales Vorbild gilt, wird die Darstellung aus dem Norden verneint. Zwar sei richtig, dass vor einigen Tagen ein 24-jähriger Mann namens Kim die Grenze überquert habe. Den Gegenständen nach zu urteilen, die er auf südkoreanischem Boden zurückließ, sei er über die Grenze geschwommen, um Stacheldraht an Land zu vermeiden. Zudem stehe ein Haftbefehl gegen ihn, da er der Vergewaltigung an einem weiblichen Flüchtling aus Nordkorea verdächtigt werde. Zur gesundheitlichen Lage des Flüchtlings heißt es aber seitens eines südkoreanischen Beamten: „Die Person ist weder als Covid-19-Patient registriert, noch wurde sie als jemand eingestuft, die mit Patienten in Kontakt war.“ So vermutet man in Südkorea, dass die Mitteilung aus Nordkorea politisch motiviert ist. Plausibel scheint dies allemal: Innenpolitisch erlaubt die Unterstellung, das Virus komme aus dem Süden, von eigenen Verfehlungen und Engpässen abzulenken. Beobachter der Lage in Nordkorea vermerken seit Monaten Anzeichen dafür, dass das Virus längst im Land ist.

So hat es laut dem US-amerikanischen Radiosender Radio Free Asia Mitte April öffentliche Vorträge gegeben, in denen über das Virus informiert wurde. Schon Anfang März berichtete das Fachmedium Daily NK mit Berufung auf eine anonyme Quelle, dass an die 200 Soldaten entlang der Grenze zu China Fiebersymptome gezeigt hätten.

Das Gesundheitssystem des Landes scheint kaum gegen eine Pandemie gewappnet. Im internationalen Gesundheitsindex der Johns Hopkins University belegt Nordkorea von 195 Ländern Platz 193. An Testkits, Schutzanzüge oder Atemmasken ist das Land bisher unter anderem durch private Spendenaktionen aus Südkorea gekommen. Indem nun erklärt wird, dass sich das Virus tatsächlich im Land befinden könnte, dürfte sich die Regierung aus Nordkorea erhoffen, weitere Hilfsleistungen zu erhalten.

Offensichtlich orientiert sich das nordkoreanische Regime neu

Diplomatisch ist Nordkorea isoliert, UN-Sanktionen verbieten zusätzlich den Handel und Austausch mit dem Land. Sofern aber ausdrücklich um Hilfe gebeten wird, ist es humanitären Organisationen doch möglich, aktiv zu werden. So sagt Katharina Puche, Pressesprecherin des Deutschen Roten Kreuzes: „Im Kontext der Internationalen Rotkreuz- und Halbmond-Bewegung stehen wir prinzipiell bereit, auf ein Hilfegesuch zu reagieren. Dieses muss allerdings von der nationalen Rotkreuz-Gesellschaft an die Rotkreuz-Bewegung herangetragen werden.“

Sollte aus Nordkorea diese Tage offiziell ein Hilfegesuch kommen, wäre dies ein deutliches Eingeständnis, dass es im Land akute Probleme gibt. Allein dieses Zeigen von Schwäche wäre im Kontext nordkoreanischer Politik neu. Um sich aber zugleich gegen Kritik am eigenen Regime abzusichern, scheint Kim Jong Un zu einer weiteren Richtungsänderung bereit. In den letzten Jahren hat er die wenigen Rückkehrer, die nach einer Flucht gen Süden wieder in den Norden wollten, daheim hofiert und als Beweis für die Überlegenheit Nordkoreas instrumentalisiert. Nun hat er dem Ersten unter ihnen den Schwarzen Peter zugeschoben.

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