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Gastbeitrag
17.05.2021

Die "Kraft der Zuversicht" gegen Zukunftsangst in der Corona-Krise

Pazifist Mahatma Gandhi war Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung. In Südafrika setzte er sich gegen Rassentrennung ein. 1948 wurde er von einem Nationalisten erschossen.
Foto: Farooq Khan, dpa

Die Corona-Pandemie bedroht die Existenz vieler Menschen. Um die wachsende Zukunftsangst zu besiegen, muss die Politik jetzt ihre Sprachlosigkeit überwinden.

Die Gesellschaft ist in einer sehr schwierigen Lage. Die Dispositionen des Krisenjahres verbinden sich mit den Perzeptionen des Wahljahres. Wie ist die begreifbar zu machen? Es bedarf kraftvoller intellektueller Anstrengungen. Im Superwahljahr werden wir mit reichhaltigem empirischen Material zum fluiden Stimmungsmilieu versorgt. Das zügige Auf und Ab von Parteipräferenzen ist uns ebenso geläufig wie die wechselnden Sympathiewerte der Spitzenkandidaten. Vor diesem Hintergrund sollten wir aber ein dramatisches Einstellungsprofil nicht übersehen: die schmerzhaft wachsende Zukunftsangst.

Als Grund für diese Veränderung wird angegeben: die persönliche Isolation und das wachsende Misstrauen. Der sachliche Hintergrund dieses Dramas ist klar. Die größte Krise der Nachkriegszeit – die Corona-Pandemie – dominiert, denn es handelt sich um Existenzkrisen mit drei dramatischen Dimensionen: In der Gesundheitsorganisation geht es um Leben und Tod, in der Digitalisierung um eine neue Welt der Kommunikation, in der Ökonomie um die Bewältigung der Wirtschaftsniedergänge. Und diese Existenzbedrohung ist nicht regional begrenzt; sie ist global. Man begreift also sehr wohl, wieso seit einiger Zeit eine Ära der Zukunftsangst ausgebrochen ist. In dieser düsteren Bedrücktheit fällt der Blick auf ein soeben erschienenes Buch, das ein drastisches Kontrastsignal zu alledem vermittelt: Die Kraft der Zuversicht. Da der Autor Peter Cornelius Mayer-Tasch ein bekannter, profilierter Politik-Philosoph ist, kann man das Buch auch nicht sofort als weltfremd in den Papierkorb werfen oder mit mildem Lächeln in die Merkwürdigkeitsecke abschieben.

"Die Kraft der Zuversicht" lenkt den Blick auf besondere Persönlichkeiten als Leuchttürme der Zuversicht

Der Autor vermittelt zunächst eine große historische Perspektive: Immer wieder hat es in der Geschichte seit der Antike Niedergangs- und Untergangsszenarien gegeben, die immer wieder abgelöst wurden von Zeiten des Aufatmens, der Hoffnung und der kraftvollen Zuversicht. Aber handelt es sich bei den Versuchen zu krisenbewältigender Zuversichtlichkeit nicht bloß um einen emotionalen Luxus? Das Buch beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein: „Ohne Durch- und Fernblick geht es nicht.“ Man könnte dies auch übersetzen in: Ohne strategische Führungsleistung geht es nicht. Vor diesem Hintergrund wirkt die strategische Sprachlosigkeit unserer Zeit umso schmerzhafter.

Eine Frau mit Mundschutz geht an einem Wandbild des südafrikanischen Widerstandskämpfers und ehemaligen Staatspräsidenten Nelson Mandela vorbei.
Foto: Nardus Engelbrecht,dpa

Das Buch lenkt den Blick auf besondere Persönlichkeiten als Leuchttürme der Zuversicht, wie Mahatma Gandhi, Winston Churchill, Nelson Mandela. Der Leser spürt: Es gibt nicht das Ding an sich. Alles ist Wahrnehmung. Alles ist Perzeption. Und damit ist die Wahrnehmungswelt formbar – durch dominante Deutungsmuster, durch Orientierungsfilter, durch Kraftquellen der Zuversicht. Der berühmte Harvard-Professor Joseph Nye nennt dies „Smart Power“.

Autor Mayer-Tasch: Das Ziel ist ein wichtiger Teil des Weges

Etliche Dimensionen der Zuversicht werden in dem Buch anschaulich geregelt: Das Ziel ist ein wichtiger Teil des Weges. Es hilft, an den Erfolg zu glauben. Vertrauen in die Zielerreichung ist unverzichtbar. Und dazu werden dann von Mayer-Tasch höchst zahlreiche Belege aus Philosophie, Theologie, Naturwissenschaft und Geschichte angeführt. So wird zum Kern der Zuversichtslehre erklärt „ein Dreischritt von Zielbestimmung, Zielerreichungsglaube und mentaler Vorwegnahme des Erfolgs“. Mayer-Tasch bietet zu alledem eine reichhaltige Zitate-Kollektion an, aus der wir hier den Rat von Martin Luther King festhalten wollen: „Mach den ersten Schritt im Vertrauen. Du brauchst nicht den ganzen Weg zu sehen. Mach einfach den ersten Schritt.“ Man möchte als Leser ergänzen: Definiere das Problem genau und fixiere das Ziel.

„Mach den ersten Schritt im Vertrauen. Du brauchst nicht den ganzen Weg zu sehen. Mach einfach den ersten Schritt", sagt Martin Luther King
Foto: UPI, dpa

Nach Lektüre des gedankenvollen Buches ist man geneigt, den Entscheidungsträgern in unserer heutigen existenziellen Krise zuzurufen: Überwindet endlich eure strategischen Defizite, ja eure strategische Sprachlosigkeit – und dann bekommt die seit der Antike bekannte Kraft der Zuversicht ihren angemessenen und wirkungsvollen Platz. Die Sehnsucht nach strategischer Gewissheit kann nun endlich befriedigt werden.

Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München.

Info: Peter Cornelius Mayer-Tasch: Die Kraft der Zuversicht. Eine philosophische Betrachtung. Berlin University Press, 142 Seiten, 18 Euro

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