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Missbrauch in der Kirche

10.01.2013

Kriminologe Pfeiffer: Viele Missbrauchsakten wurden vernichtet

Bischöfe kippen die Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer. Die Opfer sind über den Streit empört.
Bild: dpa

Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche sollte zerstörtes Vertrauen wiederherstellen. Jetzt ist das Projekt im Streit um die Zensur geplatzt.

Einstimmig hoben die Bischöfe und Vertreter aller 27 Diözesen bei ihrer Konferenz im Juni 2011 die Hände, als es um den achtseitigen Vertrag ging. Mit dem Kriminologischen Institut Niedersachsen des angesehenen Wissenschaftlers und ehemaligen SPD-Landesjustizministers Christian Pfeiffer vereinbarten die Bischöfe eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, der damals die Kirche mit Negativschlagzeilen fest im Griff hatte.

Nicht wenige Kirchenkenner wunderten sich damals über die mutige Entscheidung, den fortschrittlichen Pfeiffer mit der Studie zu beauftragen, Einblick in zigtausende Personalakten und eine halbe Million Euro Finanzmittel zu gewähren. Manche Kritiker sprachen zwar damals von einem „Täuschungsmanöver“, doch insgesamt war das Lob groß, dem Vorbild der ebenfalls von einem Missbrauchsskandal erschütterten US-Kirche zu folgen. Sie ließ bei einer ähnlichen Großstudie ermitteln, dass es sich bei den Missbrauchstätern in Kirchenkreisen weniger um Pädophile als um „Ersatzhandlungstäter“ handelte.

Umfassender Fragenkatalog zur Ermittlung der Ursachen

Im Katalog der Pfeiffer-Studie befinden sich unzählige zu klärende Fragen: „Auf welche Weise haben die Täter versucht, die Opfer dazu zu bringen, dass sie über das Erlebte schweigen?“ oder „Wie hat sich die Einbeziehung von Mädchen in den Ministrantendienst auf das Geschlecht der Opfer ausgewirkt?“.

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Doch jetzt kam der große Knall: Kriminologe Pfeiffer und der Kirchen-Missbrauchsbeauftragte, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, erklärten das Projekt unter heftigen gegenseitigen Angriffen für gescheitert. „Ständige und vor allem überflüssige Beschimpfungen und Polemiken von Professor Pfeiffer sind keine lösungsorientierte Verhandlungsstrategie“, sagte Ackermann.

Pfeiffer: "Das ist Zensur"

Pfeiffer warf der Kirche dagegen vor, bei ihr habe sich der „Kurs der Ängstlichen“ durchgesetzt. Absprachen seien nicht eingehalten worden, vor allem das Bistum München habe Vertragsnachbesserungen gefordert, um unangenehme Veröffentlichungen genehmigen oder verhindern zu können: „Das ist Zensur“, sagt Pfeiffer. Zudem enthüllte er, dass viele alte Missbrauchsakten gemäß einer Vorschrift aus dem Kirchenrecht vernichtet worden seien. Ackermann reagierte erbost: Pfeiffer erwecke einen irreführenden Eindruck. „Die Mehrzahl der Fälle wurde ohnehin erst in den letzten drei Jahren durch die Meldung von Betroffenen bekannt.“

Schon im September berichtete unsere Zeitung, dass vor allem die Bistümer München und Regensburg intern Kritik an dem Projekt übten, ähnlich wie das strengkonservative „Netzwerk katholischer Priester“. Andere, liberale Bischöfe unterstützen den offenen Umgang mit dem Skandal. Ackermann kündigte eine neue Studie eines anderen Instituts an. „Die Frage ist, ob die Kirche bereit ist, sich der Aufklärung und der Wissenschaft zu stellen“, sagt Christian Weisner von der Bewegung „Wir sind Kirche“ und warnt vor einem „Gefälligkeitsgutachten“.

Weit über 100 Verdachtsfälle im Bistum Augsburg

Auch im Bistum Augsburg ist wieder offen, wie es mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der eigenen Diözese weitergeht. „Ich gehe davon aus, dass sich die Diözese an Vorgaben der Bischofskonferenz halten wird“, sagt Missbrauchsbeauftragter Otto Kocherscheidt. Der pensionierte Oberlandesrichter hatte im August 2010 einen ersten Bericht abgegeben, wie viele Verdachtsfälle näher untersucht wurden. 80 waren damals verzeichnet, 34 davon betrafen Geistliche und andere Mitarbeiter im Dienst des Bistums. 65 weitere Fälle kamen bis Dezember 2011 hinzu.

Kriminologe Christian Pfeiffer, Missbrauchsbeauftragter Bischof Stephan Ackermann im Juli 2011: „Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Direktor des Instituts und den deutschen Bischöfen ist zerrüttet.
Bild: Henning Kaiser, dpa

Ende Februar will Kocherscheidt einen neuen Bericht vorlegen. Das Papier wird auch Zahlen beinhalten, wie viel Geld das Bistum mittlerweile für Therapiekosten von Missbrauchsopfern gezahlt hat. 100 000 Euro waren es bis Ende 2011. „Rund 120 000 Euro dürften es mittlerweile sein“, sagt Kocherscheidt.

Opferverband klagt über zu geringe Entschädigungszahlungen

Im Schnitt zahlte die Diözese Augsburg damit gut 7000 Euro an jedes Opfer in den abgearbeiteten Fällen. Viel zu wenig, klagt der Opfervertreter Norbert Denef vom Betroffenen-Bündnis NetzwerkB. „Eine zerstörte Kindheit mit jahrzehntelangen Folgen für Beruf und Gesundheit sind mit Entschädigungen unter 100.000 Euro nicht angemessen kompensiert“, sagt der 63-jährige Sachse, der in seiner Kindheit und Jugend selbst lange von einem Priester missbraucht wurde. Ohnehin liefen die Entschädigungen – in der Regel Summen zwischen 3000 bis 19.000 Euro – intransparent im Geheimen ab. „Kein Mensch weiß, was da abläuft“, kritisiert der Betroffene.

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