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Baden-Württemberg

21.06.2019

Manfred Lucha ist für die Grünen die Geheimwaffe aus Bayern

„I mog eben d’Leut“, sagt Manfred Lucha. Der Grünen-Politiker ist einer, der Empathie nicht in Wochenendseminaren lernen muss.
Bild: Felix Kästle, dpa

Der Bayer Manfred Lucha ist Minister im Kabinett Kretschmann. Wer ihm begegnet, versteht, warum seine Partei gerade im Ländle so erfolgreich ist.

Es gibt Leberkäs und Kartoffelsalat im Feuerwehrhaus der oberschwäbischen Stadt Weingarten. Dass die Baden-Württemberger alles können außer Hochdeutsch, bewahrheitet sich auch hier am Blutfreitag, der größten Reiterprozession Europas. Denn der Kartoffelsalat schmeckt – wie meistens im Ländle – besser als in Bayern, was an der untergerührten Brühe liegen mag. Im Feuerwehrhaus werden Blut-Reiter verköstigt, die altersbedingt nicht mehr hoch zu Ross, begleitet von Blaskapellen zur riesigen Basilika der Stadt im Landkreis Ravensburg reiten können.

Oberschwaben ist so katholisch geprägt wie Oberbayern – und war über Jahrzehnte schwarzes Kernland, also „a gmahde Wiesn“ für die CDU. Aber solche gemähten Wiesen sind rar geworden für Politiker. An einem langen Tisch im Feuerwehrhaus sitzen drei ältere Herren mit Trachtenhut, die sich anschweigen. Sie schauen skeptisch auf den politischen Ehrengast des Tages, den der schwarze Regierungspräsident Klaus Tappeser, ein humorbegabter Mann, folgendermaßen in die Runde der überwiegend konservativen Leberkäs- und Kartoffelsalat-Verspeiser einführt: „Seit die Grünen schwarz geworden sind wie die CDU, werden sie gewählt.“

Ein Grüner, der locker auch als Schwarzer durchgehen würde

Allgemeines Gelächter. Nur die drei Herren mit Trachtenhut beharren auf ihrem skeptischen Gesichtsausdruck. Sie fixieren Manfred Lucha, den hier in Weingarten die meisten „Manne“ nennen. Der 58-Jährige ist so ein Grüner, der auf den ersten Blick als Schwarzer durchgehen würde. Der baden-württembergische Sozial- und Integrationsminister trägt einen schwarzen Anzug. Dabei verzichtet er auf die von seinem Chef Winfried Kretschmann gerne getragenen grünen Krawatten und hat sich für einen zumindest optisch struktur-konservativen schwarz-grau-gestreiften Binder entschieden. Nur der Stift in einem Ohrläppchen, wie ihn aufsässige Männer in den 70er Jahren bevorzugten, deutet auf einen unangepassten Kern hin.

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Als Ehrengast muss der „Manne“ natürlich eine Rede halten. So sagt er: „I bin ja a hoiba Weingärtner. I hab hier im Jugendhaus mein Zivildienst g’macht.“ Für Lucha gilt eben auch: Er kann alles – außer Hochdeutsch, schließlich stammt er aus einer Gegend, wie sie kaum bayerischer und katholischer sein könnte, nämlich dem Landkreis Altötting. Dort hat die CSU selbst bei der letzten Europawahl immer noch knapp 50 Prozent geholt.

Lucha, der einst die Grünen in Altötting mit gegründet hat, beugt sich in Richtung der drei älteren Herren vor, sein Lausbuben-Lächeln kommt zum Vorschein. Er beginnt zu erzählen, direkt, geerdet und ohne Fremdworte. „Ich plädiere für das Prinzip Haflinger“, sagt er. Dazu muss man wissen: In Bayern beliebte Haflinger sind bekanntlich robuste Pferde, eben Rösser, die nicht übermäßig zur Hektik neigen, was bei einer Reiter-Prozession mit 2127 Teilnehmern in Frack und Zylinder nicht verkehrt ist. Da müssen auch die drei Herren mit Trachtenhut lachen.

Lucha ist einer, der Empathie nicht in Seminaren lernen muss

Dem Grünen verübeln die Gäste im Feuerwehrhaus selbst nicht, dass er politischer wird. Lucha freut sich, dass auch Muslime, ja Menschen aller Hautfarben „vom Blutritt in den Bann gezogen wurden“. Das sei eben ein Hochamt, das keinen ausschließe – und damit eine Veranstaltung ganz nach dem Geschmack des grünen Bayern in Baden-Württemberg. Lucha nimmt gerne alle mit. Er ist Menschenumarmer, einer, der Empathie nicht in Wochenendseminaren lernen muss.

Blutritt heißt die Veranstaltung hier übrigens, weil eine Reliquie, die einen Tropfen des Blutes Christi beinhalten soll, im Zentrum der Prozession steht. Weiter geht es also zum Gottesdienst in die Basilika. Lucha nimmt im Chorgestühl Platz. Dort findet sich auch der zweite politische Promi des Tages ein. Es ist wiederum keine Schwarze, sondern eine von den Grünen. Agnieszka Brugger vertritt den Landkreis Ravensburg in Berlin. Die 34-Jährige mit den knallroten Haaren und dem Unterlippen-Piercing wirkt im Gebet versunken.

Die gebürtige Polin sitzt seit 2009 im Bundestag und ist Mitglied des Verteidigungsausschusses. Den „Manne“ schätzt sie natürlich. Er habe ihr damals, ehe sie sich für den Bundestag bewerben konnte, seinen Segen erteilt, meint sie humorvoll. Lucha war lange ein kommunalpolitisches Schwergewicht in der Region Ravensburg. Er hat eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht, rund 25 Jahre für einen sozialpsychiatrischen Dienst im Bodenseekreis gearbeitet und an der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten studiert. Entsprechend bekannt ist der „Manne“ in der Region. Nach dem Blutritt geht es noch zu einer anderen Veranstaltung. Lucha trifft viele Bekannte. Er sagt zu ihnen „Geht‘s gut?“ – „Schön, di zu sehen!“

Der Bayer meint es so, wie er es sagt. „I mog eben d’Leut“, betont der frühere Fußball-Vorstopper immer wieder. Hinzu kommt sein Humor. So kalauert er gerne: „Das Amt muss zum Manne kommen.“ Mit dieser Anspielung bezieht sich Lucha auf ein Zitat des früheren baden-württembergischen CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel, der einst philosophierte: „Das Amt muss zum Manne kommen, nicht der Mann zum Amt.“ Auf alle Fälle bereitet „Manne“ Lucha sein Amt Spaß.

Da drängt sich doch die Frage auf, warum ein gestandener Bayer seine grünen Überzeugungs-Talente nicht auch seiner Heimat zur Verfügung stellt. Zumal das dortige grüne Führungs-Duo des Bayerischen nicht übermäßig mächtig ist. Mit Lucha wären 20 + x für die Grünen im Freistaat denkbar. Doch er winkt ab: „Ich hab schon ewig lang koa Lederhosen mehr. I bleib in Baden-Württemberg.“ Der Zivildienst und die Liebe „zu einem Mädle“ brachten ihn einst dorthin. Mit der Frau ist er bis heute verheiratet. Sie haben zwei Kinder. Der Oberbayer fühlt sich wohl im Ländle. In Bayern lief manches in seinem Leben, gerade was die Schulzeit betrifft, schwierig ab. Seit Lucha im Südwesten sesshaft wurde, ging es aufwärts.

Winfried Kretschmann lobt seine Geheimwaffe aus Bayern

Der Politiker scheint auch einer zweiten Amtszeit als Sozialminister nicht abgeneigt zu sein. Das wird seinen Chef Kretschmann freuen. Der lobt seinen Bayern gegenüber unserer Redaktion jedenfalls in höchsten Tönen: „Manne Lucha ist ein unverwüstliches Original, ein absoluter Experte und Kämpfer in sozialen Fragen, von der Gesundheitsversorgung bis zur Migration“, sagt der Ministerpräsident. Sein einnehmendes Wesen, zusammen mit der plastischen Sprache mit bayerischem Einschlag habe schon bei manchen schweren politischen Konflikten zur Lösung beigetragen.

Ein Bayer gehört also zu den Geheimwaffen Kretschmanns. Und der Regierungschef beschäftigt mit Theresa Schopper noch eine zweite weiß-blaue Spezialkraft. Die in Füssen geborene Politikerin ist Staatsministerin und für die politische Koordination im Staatsministerium und innerhalb der Regierungskoalition verantwortlich. Die frühere bayerische Grünen-Chefin outet sich ebenfalls als Mitglied des Lucha-Fanklubs: „Er ist ein oberbayerisches Kraftpaket mit großem sozialen Herzen.“ Er wolle in Zeiten der Polarisierung die Gesellschaft zusammenhalten.

Am Ende eines langen Tages mit Lucha in Weingarten wird aber auch klar, dass der Politiker zufrieden mit dem ist, was er hat. Er drängt nicht in die allererste Reihe. Über die Zeit seines Aufbegehrens als junger Mann in Altötting, wo er 1979 Mitorganisator der ersten Atom-Demo war, erinnert er sich so: „Wir musste als junge Leute widerständig sein. Die Kirch hat Dir damois in die 70er Jahre in die Unterhose regiert.“ Dagegen habe er den Konservativismus in der Region Ravensburg immer als „zulassender“ empfunden als den Konservativismus in Altötting. Das mag die Liebe des Oberbayern zu Oberschwaben erklären. Dass die Grünen derzeit nicht nur in Baden-Württemberg im siebten Polit-Himmel schweben, hat jedenfalls auch etwas mit Typen wie Manne Lucha zu tun.

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