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Corona-Pandemie

29.11.2020

Nikolaus, Zusteller und Politiker: Wie blicken sie auf den Advent?

Die Adventszeit ist dieses Jahr anders als sonst. So stellen sich ein Postbote, zwei Kinder und ein Ex-Ministerpräsident drauf ein.
Foto: dpa

Eine Adventszeit wie gewohnt wird es nicht geben. Und doch lassen sich die meisten Menschen nicht unterkriegen. Sieben Menschen erzählen, was ihre Pläne für diesen Advent sind.

Am Sonntag ist der erste Advent. Vieles, was uns in den vergangenen Jahren lieb geworden ist, entfällt wegen der Corona-Pandemie. Wie also blicken die Menschen auf diese ungewohnt stille Zeit?

Der Nikolaus hat einen Alternativplan: „Dann schicke ich eben eine Videobotschaft“

Gerhard Schöttl wird auch in diesem Advent den Nikolaus geben.
Foto: Schöttl

Gerhard Schöttl, Nikolaus: Seit etwa zehn Jahren besuche ich nun schon als Bischof Nikolaus Kindergärten, Schulen und auch ein paar Privathäuser rund um Günzburg. Für die Kinder ist das schon etwas Besonderes – der Auftakt zur Vorweihnachtszeit. Es ist schön, in die strahlenden Augen zu schauen. Gerade die Kleineren sind oft erst mal ganz schüchtern. Enttarnt wurde ich bisher übrigens nur ein einziges Mal. Ich spiele sonntags Orgel in der Wasserburger Kirche, und da kam eine Ministrantin auf mich zu und sagte plötzlich: „Du warst doch der Nikolaus bei uns in der Schule.“ Sie hatte mich an meinen Schuhen wiedererkannt ...

Zu dieser schönen Rolle bin ich übrigens durch einen Zufall gekommen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mir ein Bekannter zu seinem 75. Geburtstag sein Bischofsgewand vorbeigebracht hat, das er selbst viele Jahre lang getragen hatte. Er ging als Nikolaus quasi in Rente, und seitdem führe ich die Tradition fort, die einfach zum Advent gehört – auch und gerade in einer so unübersichtlichen Zeit.

In diesem Jahr werden meine Besuche allerdings ein bisschen anders verlaufen als sonst. Die Buben und Mädchen treffen mich eben mit ein bisschen mehr Abstand draußen im Garten oder im Wald. Manche werden auch am Fenster darauf warten, dass ich draußen erscheine. Ein Kindergarten wird einen handgeschriebenen Brief direkt vom heiligen Nikolaus bekommen. Und wahrscheinlich werde ich sogar zum ersten Mal eine Videobotschaft aufnehmen – auch der Nikolaus muss schließlich mit der Zeit gehen, oder?

In meiner Zeit als Leiter einer Grund- und Mittelschule habe ich immer wieder erlebt, wie wichtig Rituale für Kinder sind. Sie geben Halt. Und gerade in diesem Jahr, in dem die Kleinen auf vieles verzichten müssen, sollte wenigstens auf den Nikolaus Verlass sein.

Die Lebkuchenmacher sagen: „Dieser unvergleichliche Duft wird fehlen“

Weihnachten selbst gemacht: Gerlinde und Gustav Scholz verkaufen ihre selbst gebackenen Lebkuchen, die sie Lebzelten nennen, auf dem Friedberger Advent.
Foto: Ute Krogull

Gerlinde und Gustav Scholz, die Lebkuchenmacher: Normalerweise würden wir jetzt jeden Abend in unserer Bude auf dem „Friedberger Advent“ stehen. Schon im Sommer haben wir mit den Vorbereitungen begonnen und den Teig für unsere Lebzelten gemacht. Das sind besondere Lebkuchen, die wir nach einem alten Rezept mit viel Liebe zubereiten. Der Teig muss monatelang kühl gelagert werden, bis er rechtzeitig zum Advent reif ist. Neben unserer eigenen Gewürzmischung ist übrigens eine entscheidende Zutat der Waldhonig. Den produzieren wir als Imker selber. Er gibt unseren Lebzelten das einzigartige Aroma. Wir stellen auch andere Artikel mit Honig und auch Bienenwachskerzen her, die wir an unserem Stand anbieten. Seit 2007 sind wir fast ununterbrochen dabei. Doch in diesem Jahr wird das leider nicht möglich sein.

Der Adventsmarkt fällt aus. Den Teig lassen wir aber natürlich nicht verkommen. Unseren Kunden, die teilweise bis aus Baden-Württemberg anreisen, bieten wir an, sich die Lebzelten bei uns daheim abzuholen – ohne persönlichen Kontakt. Wir haben zwar ein bisschen weniger Teig gemacht als sonst, aber für die Stammkunden wird es ganz bestimmt reichen. Was wir nur leider in diesem Jahr nicht bieten können, ist dieser unvergleichliche Duft, der sich ausbreitet, wenn wir den Steinbackofen im Stand öffnen und die frisch gebackenen Lebzelten herausholen.

Die Veranstalter des „Friedberger Advent“ bieten ab dem 1. Dezember übrigens einen virtuellen Rundgang über den Markt an. Da kann man sich dann online von einer Bude zur anderen klicken, die jetzt ja eigentlich rund um die Kirche stehen würden, und etwas bestellen. Das ist eine sehr schöne Idee. Und trotzdem hoffen wir natürlich, dass wir nächstes Jahr wieder unseren Stand schmücken können.

Der Paketzusteller glaubt: „Die nächsten Wochen verlangen uns alles ab

Helmut Rottach leitet das Postzusteller-Team in Dietmannsried.
Foto: Rene Buchka

Helmut Rottach, der Postzusteller: Ich bin seit 43 Jahren bei der Post und inzwischen Teamleiter in Dietmannsried im Oberallgäu. Die Adventszeit war immer schon anstrengend, weil es viel mehr Pakete gab – aber durch Corona sind es heuer noch mehr. Die Schutzmaßnahmen erschweren den Arbeitsablauf zusätzlich: Um den Abstand zu wahren, können nur noch vier Leute auf einmal die Briefe und Pakete den jeweiligen Kollegen zuordnen, danach kommen die anderen vier. Vor der Pandemie haben das alle acht zusammen gemacht. Normalerweise haben wir neun Zustellbezirke, jeder von uns übernimmt einen. Zur Vorweihnachtszeit bekommen wir zwei Kollegen zur Verstärkung, um die zusätzliche Arbeit zu bewältigen. Trotzdem verlangen uns die nächsten Wochen alles ab.

Man muss auch bedenken, dass der Winter die Arbeit erschwert: Es wird früher dunkel, durch Schnee haben wir mit Glatteis und schlecht geräumten Straßen zu kämpfen. Deshalb haben wir Grödeln, warme Kleidung und Stirnlampen bekommen. Wegen Corona hat sich nicht nur unser Umgang untereinander, sondern auch der mit Kunden verändert. Wir halten immer den Sicherheitsabstand ein und unterschreiben stellvertretend, damit sie den Stift nicht in die Hand nehmen müssen. Außerdem dürfen wir kein Geld mehr annehmen. Aus diesem Grund müssen die Leute zur Nachnahme in die Filiale kommen.

Sorgen mache ich mir aber keine, die Stimmung im Team ist auch gut. Ich wünsche mir nur, dass die Menschen Verständnis haben, wenn ihre Post ein bisschen später kommt als sonst. Wir tun schon alles, was wir können und stellen die Briefe und Pakete auf jeden Fall noch am selben Tag zu. Mir macht der Beruf trotz allem eine wahnsinnige Freude. Wenn ich noch mal auf die Welt komme, werde ich wieder Postzusteller.

Günther Beckstein: „Es ist, wie es ist. Machen wir das Beste draus“

Beckstein, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident.
Foto: Andreas Gebert, dpa

Günther Beckstein, Ministerpräsident a.D.: Es gibt Menschen, die wahrlich mehr Grund zur Klage haben als ich. Meine Frau und ich haben ein Haus mit Garten und Bewegungsspielraum. Die Menschen, um die man sich Sorgen machen muss, sind die, die hier in Nürnberg-Langwasser allein in einer kleinen Wohnung ohne Balkon im zehnten Stock leben. Oder zum Beispiel ein guter Bekannter von mir, der ein Catering-Unternehmen hat, seit März keinen Cent mehr verdient und jetzt seine Ersparnisse fürs Alter verliert. An diese Menschen denke ich in diesem Advent, der sicher völlig anders sein wird als in den Jahren zuvor.

Ich werde vieles vermissen: Den Christkindlesmarkt, den ich immer mehrfach besucht habe, um Posaunenchöre zu hören und Freunde zu treffen. Die Gottesdienste, bei denen aus vollem Halse Adventslieder gesungen werden. Oder die Besuche von Angehörigen in Altersheimen, die jetzt nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich sind. Aber Jammern hilft nicht. Es kommt drauf an, was man tut. Wir helfen uns mit kleinen Vorkehrungen. Die Kinder mit ihren Familien kommen zu Besuch – aber nicht gleichzeitig. Unser Weihnachtszimmer wird dieses Jahr besonders schön geschmückt. Und bei mir persönlich ist es so, dass ich diesen Advent erstmals als echten Ruhestand erlebe, weil ich keine Abendtermine mehr habe. Das gibt uns die Gelegenheit, abends um den Adventskranz zu sitzen, Lieder zu singen oder uns Geschichten vorzulesen.

Darauf freue ich mich, weil das etwas ist, wofür ich sonst in der vorweihnachtlichen Hektik keine Zeit hatte. Vielleicht nutzen wir den Advent auch für eine Art vorsorglicher Quarantäne, um an den Feiertagen andere bei Besuchen möglichst nicht zu gefährden. Man kann es nicht ändern, dass es so ist, wie es ist. Aber man kann versuchen, das Beste draus zu machen.

Der Psychologe rät: „Nicht ausschließlich der negative Blick“

Psychologe und Familientherapeut Björn Enno Hermans.
Foto: Thomas Willemsen

Björn Enno Hermans, Psychologe: Einsamkeit ist eine subjektive Empfindung. Es gibt Menschen, die sind alleine und fühlen sich nicht einsam. Doch an diesem Weihnachten werden mehr Menschen nur wenige Kontakte haben und sich so auch eher einsam fühlen. Es gibt aber andere Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben, die wir durch die Corona-Zeit inzwischen gewohnt sind. Dazu gehört das gute alte Telefon und ich bin sicher, dass an Weihnachten auch die eine oder andere Begegnung per Videokonferenz stattfinden wird. Das macht erfreulicherweise nicht mehr an Generationengrenzen halt. Es gibt also Möglichkeiten, um das als negativ empfundene Alleinsein zu kompensieren. Das kann man ruhig vor Weihnachten schon bedenken.

Je nach persönlicher Situation kann man auch schauen, ob in der neuen Situation eine Chance liegt. So werden dieses Jahr viele Familien in der Primärfamilie feiern, wo sonst große Familienfeste stattfinden. Das sollte man nicht ausschließlich mit einem negativen Blick betrachten, sondern sich überlegen, was das Besondere und vielleicht auch Positive an diesem Weihnachten im kleinen Kreis sein könnte. Ich selbst bin Familienvater und habe drei Töchter. Ich werde mit meiner Frau und den Kindern feiern, aber auf größere Begegnungen verzichten.

Wir könnten nach den Corona-Regeln für Weihnachten – wo ja die unter 14-Jährigen herausgerechnet werden – unser übliches größeres Familientreffen sogar stattfinden lassen. In einem geschlossenen Raum möchten wir das aber nicht. Wir haben uns jetzt überlegt, uns zu einem gemeinsamen Spaziergang mit Weihnachtspicknick zu verabreden, auch wenn wir dafür alle aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen zusammenkommen. Es ist zumindest eine Möglichkeit, zu schauen, welche kreativen Ideen und Impulse man entwickeln kann. Dann gibt es vielleicht trotz allem etwas Schönes zu entdecken.

Die Kinder wünschen sich: „Hoffentlich Weihnachten mit Oma und Opa“

Die Schwestern Lucy, 10, und Amy, 5, aus Weißenhorn.

Lucy (10) und Amy (5) aus Weißenhorn: Diese Adventszeit ist heuer schon anders. Draußen laufen wegen Corona alle mit Masken herum. Und leider fallen die Weihnachtsmärkte aus. Die haben wir immer gerne mit Oma und Opa in Ulm oder Weißenhorn besucht. Wegen Corona ist auch bei uns daheim einiges anders. Normalerweise backen wir in der Adventszeit zusammen mit Oma und Opa ein Lebkuchenhaus. Opa hält die Wände, wenn die Seiten zusammengeklebt werden und wir schmücken es mit Smarties und Gummibärchen. Die Gummibärchen essen wir dann immer als erstes auf. Heuer backen wir mit Mama das Lebkuchenhaus. Leider sind Oma und Opa nicht dabei, weil wir sie gerade wegen Corona lieber weniger treffen. Wir werden ihnen aber Fotos vom Lebkuchenhausbauen schicken.

Mama kann zum Glück auch so gut backen wie Oma und wir Kinder übernehmen Opas Rolle. Wir halten die Wände fest, damit Mama sie zusammenkleben kann. Und dann schmücken wir das Lebkuchenhaus. Vielleicht können Oma und Opa davon auch etwas naschen, wir hoffen nämlich, dass sie Weihnachten doch mit uns feiern können. Das wünschen wir uns sehr.

In den kommenden Tagen backen wir auch noch Vanillekipferl und andere Plätzchen. Weihnachtlich geschmückt ist bei uns schon alles. Damit fangen wir immer schon eine Woche vor dem 1. Advent an. Wir kosten die Weihnachtszeit voll aus. Das ist auch heuer so. Mama hat im Internet eine tolle Bastelidee gefunden: Wir haben grün-weiße Weihnachtszweig-Girlanden um je drei Strohkränze gewickelt und diese dann wie ein Mini-Maus-Gesicht verbunden. Dann haben wir noch Lichterketten drumherumgewickelt und eine schöne Schleife in der Mitte gebunden: Fertig waren die Mini-Maus-Weihnachtskränze. Die hängen jetzt in unseren Zimmern gleich neben dem Bett.

Der Schauspieler bedauert: „Kein Messias – keine schöne Bescherung“

Advent, Advent, Corona trennt: Schauspieler Jörg Schur.
Foto: Sensemble

Jörg Schur, Schauspieler: Seit fast zwanzig Jahren spielen meine Schauspielkollegin Birgit Linner und ich, Jörg Schur, mit Leidenschaft und nie enden wollender Spielfreude im Sensemble Theater Augsburg die Weihnachtskomödie ‘Der Messias’ von Patrick Barlow. Alle Jahre wieder ‘Theo & Bernhard’. Aber dieses Jahr dürfen wir nicht. Oder, um es in meiner Rolle als Theo auf den Punkt zu bringen: „Stellen Sie sich einmal vor, vor Ihrem geistigen Auge, wenn Sie so wollen, erscheint gewissermaßen...“ NICHTS. Kein Theo, kein Bernhard, keine turbulente Weihnachtsgeschichte, keine Katze, keine Steißlage, keine Geburt eines Babys, dargestellt von zwei „Männern“, keine lachenden Gesichter im Saal oder danach an der Bar. Keine Götterboten – nur die Botschaft ‘dieses Jahr verboten’. Die Entscheidung ist gefallen – der Vorhang auch.

‘Der Messias’ erblickt allein im Geiste das Licht der Welt – nur nicht auf der Bühne. Ausgelockt und ausgeknockt bleibt uns allen nur die stade Zeit. Stille Nacht, heilige Nacht, wir werden um den Spaß gebracht. Alles dreht sich um den Virus. Nur unsere abendländische Drehbühne – die dreht sich nicht. Trotz Abstand und Hygienekonzept – lautet das Motto ‘Schluss mit Lustig’.

Advent, Advent Corona trennt, was uns auf dieser Welt zusammenhält. Kein Austausch, kein Kontakt, kein lieblich duftender Messias-Punsch. Vielleicht sollten wir das Stück ‘Der Messias’ im Rahmen eines Gottesdienstes auf die Bühne bringen. Thematisch würde es sicherlich gut passen und am Ende lassen wir die Kollekte rumgehen. Aber ich will zu guter Letzt mitnichten blasphemisch erscheinen. Es stimmt mich einfach nur traurig, dass 2020 ‘Der Messias’ entfällt. Keine schöne Bescherung für keinen von uns. Halleluja...

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